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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Chinesische Sprache und Litteratur

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Chinesische Sprache und Litteratur (philosophische und Unterrichtswerke).

des Inhalts doch verwandten Zweck hatten mit unsern Gesetzbüchern. Aus dem 13. oder 12. Jahrh. v. Chr. stammt das von Biot ins Französische übersetzte Tschéuli, eine wahre Fundgrube für die Kenntnis der Kulturzustände seiner Zeit, heute wohl auch für die Chinesen nur noch von geschichtlichem Interesse. Das mehr als tausend Jahre jüngere Liki, ein lose gefügtes Sammelwerk aus ältern Quellen, steht dafür noch heute in praktischem Ansehen und pflegt den King angereiht zu werden. Überraschend sinnig ist die Würdigung, welche die Musik in diesem Buch findet: wie das Li die Handlungen, so mäßigt die Tonkunst die Gefühle der Menschen; jenes sondert, diese vereinigt, versöhnt; dort trennende Ordnung, hier verbindende Harmonie.

Den King als klassische Schriften zunächst stehen die Sseschu, worunter man vier kurz nach des Konfucius Zeit entstandene philosophische Bücher versteht: das kurze Tahio ("die große Lehre"), ein Abriß der sittlichen und politischen Grundlehren; Tschung-yung (etwa "das Beharren in der Mitte"), eine schön geschriebene Abhandlung über das Einhalten der rechten Mittelstraße als Norm des sittlichen Verhaltens; Lüniü ("Gespräche"), eine Aufzeichnung von Aussprüchen des Konfucius, meist in Form kurzer Zwiegespräche, bei aller Trockenheit doch reich an trefflichen Kernsprüchen des Weisen über sittliche und Lebenswahrheiten. Von verwandtem Inhalt, aber von belebterm Stil ist das vierte, das Buch Mengtse, so genannt nach dem gleichnamigen Lebensphilosophen, dem Mencius der katholischen Sendboten, nach heutiger Ansicht dem hervorragendsten Jünger des großen Meisters. Gleich diesem suchte Mengtse praktisch ins Staats- und Volksleben einzugreifen, indem er bei verschiedenen Lehnsfürsten des Reichs in Dienste trat und überall entschieden, wenn schon oft in diplomatisch milderer Form als sein Vorgänger, die ihm begegnenden Mißstände bekämpfte. Das Buch, das einzelne seiner Unterredungen wiedergibt, ist dank der Anmut und der verhältnismäßigen Leichtigkeit seines Stils wie kaum ein zweites geeignet, uns in das Studium der altchinesischen Litteratur einzuführen. Beste Übersetzung der King und Sseschu von Legge ("The Chinese classics", bisher 8 Bde., Lond. 1861 ff.), des Mengtse von Stanislas Julien.

Der Jugendunterricht soll zunächst als Vorstufe zur weitern humanistischen Bildung, d. h. zum Verständnis der Sseschu und der King, dienen. Wahre Elementarbücher sind vor allen das Santseking ("Drei-Wort-Kanon") und das Tsiantsewen ("Tausend-Wort-Lehre"), gereimte Büchlein, die, auswendig gelernt und nachgeschrieben, den Schüler in die Lese- und Schreibekunst einführen. Das Siaohio ("Kleine Lehre") enthält Verhaltungsregeln, das Hiaoking ("Pietätskanon") die Lehre von den kindlichen Pflichten. Für den Unterricht der Mädchen sind analoge Werkchen im Gebrauch.

Was man als chinesische Staatsreligion zu bezeichnen pflegt, ist eben die Lehre des Konfucius und seiner Schüler. In dieser tritt das religiös-dogmatische Element weit hinter dem praktisch-moralischen zurück. Dieses aber ist so menschlich schön darin entfaltet, die Übereinstimmung des wahrhaft Sittlichguten mit dem wahrhaft Nützlichen so entschieden, oft so schlagend darin durchgeführt, daß man begreift, wie der ostasiatische Riesenstaat sich unter der Herrschaft solcher Grundsätze Jahrtausende hindurch behaupten konnte. Pietät gegen die Toten, gegen die Obrigkeit, die Eltern und den ältern Bruder, Wohlwollen und Gerechtigkeit gegen Gleichgestellte und Untergebene sollen das Leben des Volkes und der Familie beherrschen, Lernbegierde und Fleiß das allgemeine Wohl fördern: Achtung daher auch vor der Wissenschaft und ihren Vertretern! Laotse, ein etwas älterer Zeitgenosse des Konfucius, war im Gegensatz zu diesem ein Theosoph von der tiefsinnigsten Mystik. Sein Werk Taoteking, der Kanon von der Vernunft (Gott) und der Tugend, dessen Worte von Stanislas Julien, dessen Geist von Viktor v. Strauß gedeutet worden, steht innerhalb der chinesischen Litteratur fast vereinzelt da. Selbstbefreiung, der Weltvernunft ähnlich werden, ist das Ziel des menschlichen Lebens und Strebens. An Konfucius und Laotse reihen sich fünf, bez. vier spätere Denker an, die, nächst ersterm Meister für die bedeutendsten gehalten, samt Laotse unter dem Namen zehn Philosophen zusammengefaßt werden. Sie schmiegen sich teils dicht an ihre Vorbilder an, teils suchen sie deren Lehren selbständig weiterzubilden, zuweilen sie zu verbessern. Einer von ihnen, Sünking, wendet sich geradezu gegen eine Grundlehre seines Meisters Konfucius, indem er die menschliche Natur nicht, wie dieser, als ursprünglich gut, sondern als von Haus aus böse bezeichnet. Im Gegensatz zu diesen zehn werden zwei selbständige Denker schlechthin als Irrlehrer genannt: Miti, der in allgemeiner gegenseitiger Liebe die Grundlage des irdischen Glückes zu finden meinte und dabei die besondere, vorzugsweise Liebe, die man Einzelnen schuldet, hintansetzte, und Yangtschü, der im persönlichen Wohlbefinden das höchste Gut erblickte und somit die Moral in ihren Grundlagen verneinte. Beide Irrtümer werden von Mengtse bekämpft.

Der Stil dieser alten Philosophen ist oft bis zur Dunkelheit kurz und sententiös, ihre Gedankenfolge springend, nicht Schritt für Schritt einem Ziel zugehend. Die logischen Mittelglieder wollen gesucht, erraten werden, und oft erschweren Anspielungen auf wenig bekannte Personen und Thatsachen das Verständnis vollends. Und was wir von der altchinesischen Litteratur besitzen, sind doch nur große Trümmer. Denn um 200 v. Chr. hieß Kaiser Schihoangti, der landesüblichen Altertümelei gram, bei Androhung harter Strafe alle im Reich vorhandenen Bücher verbrennen und 460 Gelehrte, die ihre Schätze vor der Vernichtung retten wollten, bei lebendigem Leibe begraben. Was jener Verheerung entging, ist im Verhältnis zu dem Verlornen sehr wenig, und manches, das nachmals aus der Erinnerung alter Leute wieder aufgezeichnet wurde, ist entschieden lücken- und fehlerhaft auf uns gekommen. Man sieht, es gilt viel Dunkles zu erklären, viel Fehlendes zu ergänzen. Der Textkritik und Interpretation ist damit ein Feld geöffnet, das seitdem von den chinesischen Kommentatoren mit namenlosem Fleiß, vielfach mit großer Umsicht bebaut worden ist. Schade nur, daß durch derlei Arbeiten viele der besten Köpfe dem selbständigen Denken entzogen wurden. Unter den Meistern in diesem Fache gebührt dem Tschuhi (gest. 1200 n. Chr.), dem "Fürsten der Litteratur", der erste Rang. Vielseitiges Wissen, scharfer kritischer Verstand, unermüdlicher Fleiß und fein gebildeter Geschmack sind ihm in gleich hohem Grad eigen. Seine Werke, 18 an der Zahl, zusammen 66 Bücher einnehmend, sind epochemachend geblieben und zählen noch heute zu den tüchtigsten Lehrmitteln. Tschuhi begnügte sich nicht mit der Kritik und Auslegung vorhandener Texte, sondern er faßte auch die Früchte seines eignen Denkens in selbständig geordneten Schriften zusammen, er schuf Kompendien der Moral, der Pädagogik, der

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