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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Chloral; Chloralum; Chloraluminium; Chlorammonium; Chloranthaceen

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Chloral - Chloranthaceen.

wird beim vorsichtigen Rütteln der Retorte leicht vom Wasser absorbiert. Aus dem Chlorwasser scheidet sich bei 0° blaßgelbes kristallinisches Chlorhydrat ab, eine Verbindung von C. mit Wasser, welche beim Erwärmen wieder zerfällt. Am Licht zersetzt sich Chlorwasser, indem Chlorwasserstoff und Sauerstoff entstehen; man muß es daher in schwarzen Gläsern aufbewahren. C. ist nicht brennbar und verbindet sich nicht direkt mit Sauerstoff, Stickstoff und Kohlenstoff, sonst aber mit allen übrigen Elementen und bisweilen unter Feuererscheinung. Sein Vereinigungsstreben ist ungemein stark, und besonders zeigt es große Neigung, sich mit Wasserstoff zu verbinden. Mischt; man beide Gase, so findet im Dunkeln keine Vereinigung statt; wenn aber ein Sonnenstrahl die Mischung trifft, so erfolgt sofort Explosion; im zerstreuten Tageslicht vereinigen sich die Gase allmählich. Auf dieser Verwandtschaft des Chlors mit dem Wasserstoff beruhen sehr viele Erscheinungen. Wasser, Schwefelwasserstoff, Ammoniak werden durch C. zersetzt, indem es deren Wasserstoff an sich reißt; Terpentinöl, welches aus Kohlenstoff und Wasserstoff besteht, entflammt sogar im C., wobei sich der Kohlenstoff als Ruß ausscheidet. Trifft C. bei Gegenwart von Wasser mit oxydierbaren Körpern zusammen, so zersetzt es das Wasser, dessen Sauerstoff an jene Körper tritt; daher wirkt das C. kräftig oxydierend und zwar nicht allein auf anorganische, sondern auch auf organische Stoffe, die meist völlig zerstört werden. Wirkt C. auf Alkalien oder alkalische Erden bei Gegenwart von Wasser, so entstehen ein Chlorid und das Salz einer Chlorsäure; so gibt Kalihydrat mit C. je nach den Verhältnissen Kaliumchlorid und unterchlorigsaures oder chlorsaures Kali; bei sehr hoher Temperatur aber entsteht ein Chlorid, und Sauerstoff wird frei. Die Verbindungen des Chlors mit Sauerstoff und Wasserstoff sind sämtlich Säuren; die wichtigsten sind: unterchlorige Säure HClO, chlorige Säure HClO2^[HClO<sub>2</sub>], Chlorsäure HClO3^[HClO<sub>3</sub>] und Überchlorsäure HClO4^[HClO<sub>4</sub>] aber auch die Verbindung mit Wasserstoff HCl verhält sich wie eine Säure und heißt, weil sie gewöhnlich aus Kochsalz bereitet wird, Salzsäure. Dies Verhalten, mit Wasserstoff eine Säure zu bilden, teilt das C. mit Brom, Jod, Fluor, welche deshalb eine natürliche Gruppe bilden; sie liefern mit den Metallen direkt ohne Mithilfe von Sauerstoff salzähnliche Körper (Chloride, Bromide, Jodide, Fluoride) und heißen daher Salzbildner oder Halogene (s. d.).

Man benutzt C. zum Bleichen und Desinfizieren, zur Darstellung von Aluminiumchlorid, Zinnchlorid, Chlorschwefel, Chlorphosphor, Chloral, Chlorkalk und andern Bleichmitteln, chlorsaurem Kali, übermangansaurem Kali, Kaliumeisencyanid etc., ferner zur Extraktion von Gold aus kiesigen Erzen, zum Scheiden des Goldes vom Silber, zur Entzinnung von Weißblechabfällen und als Arzneimittel bei Typhus, torpiden Geschwüren, Augenkatarrh etc. Es wurde 1774 von Scheele entdeckt und dephlogistisierte Salzsäure genannt; später hielt man es für eine Sauerstoffverbindung des hypothetischen Muriums oder Muriatums und nannte es Muriumsuperoxyd, während Salzsäure als Muriumoxyd betrachtet wurde. Davy wies 1810 nach, daß C. ein einfacher Körper sei, und als solcher gilt es auch noch heute. Berthollet lehrte 1785 das Bleichen mit C. und entdeckte 1792 das unterchlorigsaure Kali, während Tennant 1798 zuerst den Chlorkalk darstellte. Die Chlorkalkindustrie entwickelte sich dann in innigster Verbindung mit der Sodaindustrie, da es auf diese Weise möglich wurde, die massenhaft als Nebenprodukt auftretende, bis dahin sehr lästig gewesene Salzsäure vorteilhaft zu verwerten. 1868 tauchte das von Deacon und Hurter angegebene Verfahren der Chlorbereitung auf, und zwei Jahre früher hatte Weldon sein erstes Patent auf Regeneration von Braunstein genommen. Vgl. Lunge, Handbuch der Sodaindustrie (Braunschw. 1879, 2 Bde.).

Chloral (Trichloraldehyd) C2HCl3O^[C<sub>2</sub>HCl<sub>3</sub>O], das Endprodukt der Einwirkung von Chlor auf absoluten Alkohol, wird dargestellt, indem man trocknes Chlor in absoluten Alkohol leitet und die Reaktion, welche anfangs sehr stürmisch verläuft, durch Kühlung mäßigt, später aber durch Erwärmen bis auf 100° unterstützt. Sobald sich das Produkt fast ohne Trübung in Wasser löst, schüttelt man es mit konzentrierter Schwefelsäure und destilliert. Es bildet eine farblose, leicht bewegliche, sich fettig anfühlende Flüssigkeit von eigentümlichem, durchdringendem, zu Thränen reizendem Geruch und scheinbar fettigem, scharfem Geschmack, welche bei 94° siedet, sich mit Alkohol und Äther mischt, auch in Wasser leicht löslich ist und mit diesem Chloralhydrat C2HCl3O.H2O[C<sub>2</sub>HCl<sub>3</sub>O.H<sub>2</sub>O] bildet. Bei längerer Aufbewahrung, beim Vermischen mit wenig Wasser oder mit konzentrierter Schwefelsäure verwandelt sich C. in isomeres Metachloral, welches fest, farblos, in kaltem Wasser, in Alkohol und Äther unlöslich ist und beim Erhitzen auf 200° wieder in gewöhnliches C. übergeht. Das Chloralhydrat, aus Benzol umkristallisiert, bildet farblose Kristalle, riecht schwach aromatisch, in der Wärme etwas stechend und schmeckt bitterlich scharf. Es ist leicht löslich in Wasser, auch in Alkohol und Äther, schmilzt bei 46° und erstarrt dann erst wieder bei 15°, siedet bei 98° und ist völlig flüchtig. Erwärmt man es mit Kalihydrat, so zerfällt es in Ameisensäure und Chloroform. Es erzeugt einen tiefen, anscheinend normalen Schlaf, der in der Regel sehr schnell eintritt, und aus dem man leicht und ohne Beschwerden erwacht. Dabei treten keine übeln Nachwirkungen ein, und man kann das C. längere Zeit gebrauchen, ohne an Empfänglichkeit für dasselbe einzubüßen. Man benutzt es daher bei allgemeiner Aufregung des Gefäßsystems, bei Geisteskrankheiten, nervöser Aufregung, Eklampsie, Tetanus, bei Entbindungen, äußerlich bei Diphtheritis, auf geschwürigen Flächen, bei Fußgeschwüren, Stinknase etc. Auf der Haut erzeugt es Blasen wie Spanische Fliegen; auch gegen Seekrankheit und als Ätzmittel ist es empfohlen worden und vielfach Gegenstand des Mißbrauchs (zu Schlummerpunsch etc.) gewesen. Zu Strychnin steht es in auffälligem Antagonismus, die fünf- bis sechsfache tödliche Strychnindosis läßt sich bei Darreichung von C. überwinden, während umgekehrt Strychnin bei Chloralvergiftung wirkungslos ist. In der Technik benutzt man es zur Darstellung von Chloroform und zur Konservierung von Eiweiß und Eigelb. Das C. wurde 1832 von Liebig entdeckt, blieb aber ohne praktisches Interesse, bis Liebreich 1869 seine Anwendung als anästhetisches Mittel versuchte und dabei die vortreffliche einschläfernde Wirkung des Chloralhydrats erkannte. Vgl. Liebreich, Das Chloralhydrat (3. Aufl., Berl. 1871).

Chloralum, s. Aluminiumchlorid.

Chloraluminium, s. v. w. Aluminiumchlorid.

Chlorammonium, s. v. w. Ammoniumchlorid, s. Salmiak.

Chloranthaceen, kleine, etwa 40 Arten umfassende dikotyle, in den Tropen einheimische Pflanzenfamilie aus der Ordnung der Piperinen, zunächst mit den Piperaceen verwandt, von denen sie sich durch die Anheftung der Samenknospen und das fehlende

^[Artikel, die unter C vermißt werden, sind unter K oder Z nachzuschlagen.]