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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Christentum

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Christentum.

von Jesus selbst so stark betonten Gegensatzes zum jüdischen Ideal lag der wirksamste Grund für die Ablösung der neuen Religion von der alten, die sich zunächst in der Form des Paulinismus vollziehen sollte. Infolge des starken Anstoßes, welchen das "Ärgernis des Kreuzes" (Gal. 5, 11) für die rechtgläubige Messiasidee und für die einfachsten Folgerungen aus dem jüdischen Gottesglauben darbot, kam es christlicherseits zu einer Weiterbildung des Messiasbegriffs, in deren Verlauf der Kreuzestod als gottgewollter, notwendiger Durchgangspunkt, der Messias selbst als ein gottähnliches, zum Zweck der Erlösung und Versöhnung der schuldbeladenen Menschheit auf Erden erschienenes Wesen zur Geltung kam, welches gerade im Tod nur die sinnliche Hülle abstreift, um sofort vermöge seiner Auferstehung und Erhöhung göttliche Würde und Hoheit anzutreten. Der nähere Verlauf dieser für die christliche Weltanschauung entscheidenden Gedankengänge gehört nicht hierher (s. Christologie). Von selbst erhellt übrigens, wie dem der Geschichte verfallenen dogmatischen zugleich religiöse Ideen und sittliche Wahrheiten zu Grunde liegen, die von allgemeiner Bedeutung und Tragweite sind und dem C. seine bleibende, weltgeschichtliche Signatur gegeben haben. So ist nicht bloß dem ganzen religiösen Verhältnis dadurch, daß der Zweck des Auftretens des Messias in die Erlösung und Heiligung seines Volkes gesetzt wird, eine entschiedene Wendung und Richtung auf das Gebiet des sittlichen Lebens, auf die Zubereitung eines in Gott befreiten Willens, gegeben; es ist zugleich dadurch, daß dieser Erlöser trotz seiner göttlichen Würde erst "durch Leiden des Todes vollendet" (Hebr. 2, 9. 10) werden mußte, nicht etwa bloß der Schmerz verklärt, das Leid und Wehe des Lebens mit einer selbst der tragischen Kunst des klassischen Altertums unerreichbaren Weihe geheiligt, sondern es ist dieses Dulden und Leiden geradezu zum Gegengift wider Sünde und Schuld, zur Existenzbedingung für alles erhoben worden, was sich im endlichen Leben als gereifter und bleibender Gehalt, was sich im menschlichen Dasein als göttlicher Kern bewähren soll. Zugleich ist mit dieser Lehre vom leidenden Sohn Gottes und von der durch sein Leiden versöhnten Welt der Gottesbegriff selbst der starren Einheit und überweltlichen Ferne, welche seine Merkmale im Judentum ausmachen, entkleidet worden, und diese durch die Lehre von Christus als seinem Sohn bedingte Veränderung in dem Begriff und Bild Gottes, welche innerhalb der christlichen Theologie sich besonders in den Dogmen von der Dreieinigkeit und Menschwerdung Gottes abspiegelt, deutet bei allen logischen Unmöglichkeiten dieser Dogmen selbst doch einen bleibenden Gewinn an, welchen das Gottesbewußtsein der Menschheit dem Christentum verdankt.

Dazu kommt nun aber noch ein Weiteres. Nächster Zweck der Erscheinung des Messias war die Herstellung und Aufrichtung des "Gottesreichs", der Herrschaft des Volkes Gottes auf Erden. Wenn die Idee Gottes als des Vaters und das Selbstbekenntnis zur Sohnschaft (s. auch Menschensohn) zwei leitende Gedanken des Auftretens Jesu bilden, so darf man ihnen getrost die Idee des Reichs Gottes als einen dritten, jene unter sich verbindenden Gedanken zur Seite stellen. Dieses "Reich Gottes" (s. d.) stellt den nächsten Kreis dar, welcher sich um den in der Person Jesu gegebenen Mittelpunkt bildet. Aber es konnte auch ganz ebenso unter einem doppelten Gesichtspunkt betrachtet werden wie der "Sohn Gottes". An sich war es auf eine Neubelebung aller gesellschaftlichen Zustände vermöge der übergreifenden Triebkraft des neuen Gottesbewußtseins, auf Herstellung eines Gesamtlebens, in dem sich nur göttliche Zwecke realisieren, abgesehen. Im vierten Evangelium, welches die christlichen Ideen zwar schon mit zum Teil griechischen Ausdrucksmitteln, aber ebendeshalb auch in ihrer allgemein menschlichen Bedeutung, in ihrer durchsichtigsten Reinheit und Klarheit zur Darstellung bringt, erscheint das Reich Gottes geradezu als die Gemeinschaft der aus dem Fleisch in den Geist umgeschaffenen Menschheit (Joh. 3, 3), als das nicht von dieser Welt stammende, aber in dieser Welt sich verwirklichende Reich der sittlichen Zwecke, der religiösen Wahrheit (Joh. 18, 37). Freilich konnte diese Idee in das Bewußtsein der Menschheit nur eintreten, indem sie an die jüdisch-volkstümlichen Begriffe von Gottesherrschaft und politischem Königtum anknüpfte. Indem sich Jesus als Messias erklärte, erstrebte er allerdings zunächst eine Umgestaltung des ihn unmittelbar umgebenden Volkslebens nach den Idealen der Propheten. Noch viel entschiedener aber bewegte sich das Bewußtsein seiner ersten Jünger und Gemeinden innerhalb dieses volkstümlich gefärbten Kreises, ja sie gingen merklich hinter den vorgeschobenen Standpunkt zurück, welchen Jesus selbst eingenommen hatte. Während er als Messias sich kühn über alles "Kleine am Gesetz" stellen konnte, fand innerhalb seiner ersten Anhängerschaft zunächst geradezu eine auch äußerliche Vereinigung mit der jüdischen Theokratie statt. Man nahm am nationalen Gottesdienst in Jerusalem teil, brachte levitische Opfer, beobachtete die väterliche Kultussitte und hatte davon, daß das C. etwas grundsatzmäßig Neues sei, kaum eine Ahnung (Apostelgesch. 2, 46; 3, 1; 5, 20. 42; 21, 20-27). Es war überhaupt nicht das Judentum im Mutterland Palästina, sondern es war das hellenistische Judentum der Diaspora (s. d.), welches schon längst einen griechisch-philosophischen Zug mit dem hebräischen Glaubensgehalt verbunden hatte, worin nunmehr auch das C. den Weg ins Freie finden sollte. Hier erst gelangte die Überzeugung, daß dasselbe bestimmt sei zur Zusammenfassung der bisher getrennten Teile der Menschheit, der Heiden und der Juden, zum Durchbruch und zum Ausdruck. Aus den Synagogen Kleinasiens, Griechenlands und Roms, um welche sich Proselyten aus dem Heidentum schon zuvor in großer Menge gesammelt hatten, ging endlich die vom Judentum abgelöste Heiden- und Weltkirche hervor.

Hier ist nun der Ort, daran zu erinnern, daß das C., abgesehen von dem Stammkapital, welches ihm im Gottes- und Selbstbewußtsein seines Stifters zugewachsen war, keineswegs lediglich von hebräischen Bildungselementen lebt. Schwerlich wäre es im Verlauf weniger Jahrhunderte die Religion des Morgen- und Abendlandes geworden, wenn nicht auch der griechische Geist auf die Gestaltung seiner Weltanschauung mächtig eingewirkt hätte. Schon vor der Zeit Jesu hatte das Judentum in Alexandria angefangen, in der Nachfolge der griechischen Philosophen den Gottesbegriff der eignen heiligen Bücher nach den Normen der Platonischen und der stoischen Philosophie umzubilden und zu vergeistigen (s. Alexandrinische Schule). Im C. fand sowohl die mythologisierende als die philosophierende Richtung des religiösen Griechentums, die Arbeit der Phantasie und diejenige des Gedankens, unmittelbare Fortsetzung: jene, insofern die ursprünglich theokratisch-^[folgende Seite]

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