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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Christologie

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Christologie.

stung des Christentums (s. d.) nur als höchste Blüte und Vollendung aller bereits auf der alttestamentlichen Vorstufe wirksamen Kräfte eines im Volk Israel heimischen Gottesbewußtseins erscheint, hätte eine Trennung vom Judentum keineswegs zu den notwendigen Ergebnissen des christlichen Gedankenfortschritts gehört. Was diese Wirkung mit sich führte, war vielmehr der Anspruch Jesu, Messias (s. d.) zu sein. Nun erscheint freilich die Messiasidee selbst wieder nur als eine reife Frucht der gesamten alttestamentlichen Entwickelung, und wenn Jesus von Nazareth sich jederzeit "Menschensohn" nannte und auch von andern, wenigstens gegen das Ende seines öffentlichen Auftretens, "Davidssohn" und "Gottessohn" nennen ließ, so that er dies eben in dem Sinn, wie schon das Alte Testament mit allen diesen Ausdrücken den Messias gekennzeichnet hatte (s. Jesus Christus). So lautet denn auch das erste christliche Dogma selbst bei dem paulinisch gesinnten Verfasser des dritten Evangeliums und der Apostelgeschichte einfach dahin: "Jesus von Nazareth ist der Messias" (Apostelgesch. 9, 22); er wird als solcher "das Reich Israel wieder aufrichten" (Luk. 24, 21; Apostelgesch. 1,6), "auf Davids Thron sitzen" (Luk. 1,32; Apostelgesch. 2, 30), sein Volk "erretten von seinen Feinden" (Luk. 1, 71). Soweit war das Christentum vollständig eingetreten in den volksmäßigen Vorstellungskreis des Judentums. Um so weniger aber ließ sich mit der jüdischen Rechtgläubigkeit und dem gesamten religiösen Bewußtsein des Volkes die Thatsache in Übereinstimmung setzen, daß dieser Messias den schimpflichen und gottverlassenen Verbrechertod am Kreuz gestorben war. Wie stimmte dies zu der Überzeugung von der messianischen Hoheit Jesu als des "Sohnes Gottes"? Dies war die erste brennende Frage im Christentum. Die Urgemeinde beruhigte sich hierüber zunächst im Bewußtsein, daß die Thatsache des Todes ausgeglichen sei durch das einzigartige Wunder der Auferstehung. Dazu kam als ein zweites Moment der Glaube an die Wiederkunft Jesu. Im Anschluß an seine Selbstbezeichnung als "Menschensohn" (welcher nach Dan. 7, 13. 14 mit den Wolken des Himmels kommt und ein ewiges Reich stiftet) erwartete man von der allernächsten Zukunft die Wiederkunft des Messias zum Gericht und zur Errichtung des Tausendjährigen Reichs (s. Chiliasmus). Damit war die erste folgenreiche Fortbildung der jüdischen Messiaslehre gegeben. Diese wußte nur von einer einmaligen Erscheinung des Messias; das Christentum lehrte eine doppelte, die eine der Vergangenheit angehörig, die andre der Zukunft; jene eine Erscheinung in Schwachheit, diese in Herrlichkeit. Aber wozu war denn jenes am Kreuz endende Vorspiel überhaupt nötig? Stand es doch mit dem von den Propheten so glänzend ausgemalten Bilde des theokratischen Königs in grellem Widerspruch! Nein! sagte schon das vorpaulinische Christentum, das alttestamentliche Bild ist nicht richtig aufgefaßt, wenn man neben den Lichtseiten die Schattenseiten übersieht. Eine im Hinblick auf die vollendete Thatsache erfolgende neue Durchforschung der Schrift führte vielmehr zu dem Resultat, daß schon die alttestamentlichen Bücher vertraut seien mit der Idee eines leidenden Messias. Die Jünger gedachten des leidenden Gerechten (Psalm 22 u. 69), des büßenden Knechts Gottes (Jes. 53), und ihr "Herz brannte" (Luk. 24, 32) bei solchen Aussichten auf Lösung des quälenden Widerspruchs. Jetzt singen innerhalb der christlichen Gemeinde die Reden an von "bestimmtem Ratschluß und Vorhersehen Gottes", wodurch der Messias bei seinem ersten treten den Händen der Gottlosen überantwortet worden sei (Apostelgesch. 2, 23). Den Zweck dieses Dahingebens der edelsten Frucht Israels in den Tod legte man dann, prophetischer Andeutung (Jes. 53, 4. 5. 12) folgend, in die Errettung der großen sündigen Menge des Volkes, d. h. man faßte den Tod Jesu unter dem Gesichtspunkt der Sühne "für unsre Sünden" auf (1. Kor. 15, 3. 4).

Bei aller Entschiedenheit der Gegensätze, welche das Urchristentum in sich barg, lag somit ein dogmatischer Einheitspunkt im Glauben an den Sühnetod und die Auferstehung des Stifters, an seine Wiederkunft zur Errichtung des Reichs (1. Kor. 15, 11). Je gewisser man sich in dieser Verehrung des "Sohnes Gottes" mit Gott selbst geeinigt und versöhnt wußte, desto mehr mußte auch der Ausdruck "Sohn Gottes" an Inhalt und Bedeutung gewinnen und das Bekenntnis von der Messianität Jesu einer über das Maß des Menschlichen hinausgehenden Anschauung von seiner Natur und Würde zustreben. In der Offenbarung des Johannes erscheint darum Jesus bereits als "der Erste und der Letzte" (1, 17), als "der Anfang der Kreatur" (3, 14), als "das Wort Gottes" (19, 13). So gewiß sich Ähnliches auch in der jüdischen Messiaslehre findet, so unleugbar berührt sich die C. der judenchristlichen Offenbarung bereits mit der Paulinischen Theologie auf der einen, mit der Johanneischen auf der andern Seite. Diese beiden Formen stellen die fortgeschrittensten, alles Judentum bereits entschieden überbietenden Typen der neutestamentlichen C. dar. In der Paulinischen und Johanneischen Theologie erscheint Christus nicht mehr bloß als letztes Glied in der Entwickelung des Alten Bundes, sondern aus dem idealen Repräsentanten des jüdischen Volkes, dem Messias, ist schon bei Paulus das Urbild der Menschheit und Ebenbild der Gottheit, aus einer einzelnen, erst im Verlauf der Geschichte ins Leben getretenen, das religiöse Leben auf seinen Gipfel führenden Erscheinung ist ein schöpferisches Prinzip dieser ganzen Geschichte, ein Organ der göttlichen Schöpferkraft in der Weltregierung geworden, durch welches Gott von vornherein alles ins Werk gesetzt hat (1. Kor. 8, 6). Die Mittel, durch welche Paulus mit seiner C. dergestalt die populären jüdischen Messiasbegriffe überbot, waren ihm durch die damalige Schultheologie an die Hand gegeben, welche sich allen begrifflichen Primat in der Form einer zeitlichen Priorität anschaulich zu machen pflegte. So ist auch Christus hier eine vor ihrem geschichtlichen Sein schon dagewesene Persönlichkeit, ein präexistentes Wesen geworden (1. Kor. 10, 4). Als Mensch aber mußte er auftreten, um den Tod erleiden zu können, Jene zuvor schon eingeleitete Beziehung des Todes Christi zur Sünde hat nämlich Paulus dahin erweitert und vertieft, daß er denselben nach Analogie der levitischen Opferordnung als Sühnopfer (Röm. 3, 25), als notwendiges Mittel zur Lösung des vom Gesetz auf die sündige Menschheit geworfenen Fluches (Gal. 3, 10. 13), als schlechthinnige Vorausbedingung aller Erlösung und Versöhnung, als Quellpunkt einer neuen Gerechtigkeit der Gotteskinder faßte (Röm. 4, 25). Eine der Sache nach das gleiche Ziel, aber mit andern Mitteln erreichende Lehrform war es, wenn der im Hebräerbrief und besonders im vierten Evangelium vertretene christliche Alexandrinismus ohne weiteres die Platonisch-stoische Logoslehre, welche schon der Jude Philo mit dem alttestamentlichen Gottesbegriff in Verbindung gesetzt hatte, auf die historische Persönlichkeit Jesu anwandte, wodurch dieselbe in eine neue Beleuchtung trat und endgültig als der

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