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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Dahomé

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Dahomé.

Mehu, der an der Spitze des Handelswesens und der Abgaben steht, die Obergewalt über das Heer hat und alle Verhandlungen vermittelt, eine der gefürchtetsten Personen des Reichs; der Minghan, der mit der Polizei und der Rechtsverwaltung betraut ist (gleichsam das Organ des Volkes vor dem König, wie der Mehu das des Königs vor dem Volk); der Tolonnu oder erste Verschnittene, der absolute Chef des königlichen Hauses, der auch die Aufsicht über die Frauen des Palastes hat, und der Cambodé oder Großkämmerer, der die Ausgänge des Palastes bewacht, dem König, wenn er ausgeht, den Weg von allen Steinen säubert etc. Nächst diesen Beamten steht der Avoghan oder Vizekönig von Whydah, der Helfershelfer des Mehu, ohne den niemand mit D. Handel treiben kann; sodann der Gao und der Poassu, die beiden Chefs der Armee. Außerdem gibt es auch weibliche Oberbeamte. Der König ist an die strengste, mit lächerlichen Zügen erfüllte Etikette gebunden. Um etwas von ihm zu erlangen, muß man vor allem seine Favoritinnen durch reiche Geschenke gewinnen; der Einfluß und die Intrigen dieser Frauen sind gewaltig. Dasselbe gilt von der Mutter des Königs, von den Müttern seiner Vorgänger, der Mutter des Mehu, des Minghan etc., die immer Mütter haben, da nach dem Tode der wirklichen Mutter eine andre dazu ernannt wird. Einmal im Jahr bringt jeder seinen schuldigen jährlichen Tribut, und während der von seinem ganzen Hof umgebene König mit der einen Hand nimmt, teilt er mit der andern Hand freigebig an die ganze, in Masse nach der Hauptstadt Abomé berufene Volksmenge aus. Dabei aber gehört die scheußlichste Menschenschlächterei zu dem mit völliger Gleichgültigkeit betrachteten religiösen Zeremoniell aller Hoffeste. Zahlreiche europäische Gesandtschaften haben umsonst versucht, diesen Greueln Einhalt zu thun. Behufs des Verkehrs mit den Unterchefs etc. hält der Hof Racadêrs oder Boten. Der ganze Staat ist militärisch organisiert. Der König wählt selbst die Häuptlinge der Ortschaften, welche die nötigen Krieger auf eigne Kosten zu erhalten haben. Außer der gewöhnlichen Armee bilden 5000 weibliche Krieger die eigentliche königliche Garde, welche auf königliche Kosten unterhalten wird und aus fünf Abteilungen besteht: der Artillerie, mit Säbeln, kupfernen Tromblons und 25-30 Geschützen bewaffnet; den Elefantenjägerinnen, der tapfersten Schar, die einen blauen Turban mit hohen Hörnern, den Dolch im Gürtel und eine lange Flinte tragen; der Infanterie, mit Säbel und Flinte bewaffnet; den Mäherinnen, mit glänzenden Sturmhauben und 1-1,5 m langen, aufrecht stehenden Sensenklingen, und den Bogenschützen, die ein Elite- und Paradekorps bilden und Bogen und Köcher nebst einem kleinen Dolch führen; letztere sind zugleich die Tänzerinnen ersten Ranges. Die Offiziere tragen ein silbernes Armband am linken Arm und auf dem Rücken einen Schweif von weißen Baumwollschnüren. In der Armee der Männer bestehen dieselben Abteilungen. Man hat nur Steinschloßflinten und im Land gefertigte schlechte Säbel. Übrigens gilt die Weiberarmee für kriegerischer, tapferer und grausamer als die männliche und ist dem König rücksichtslos ergeben. Kavallerie ist, da es an Pferden fehlt, nicht vorhanden; nur der König und einige Chefs haben das Recht, zu reiten. Die Nordostgrenze des Reichs ist fortwährend militärisch besetzt, und jede Stadt, in welcher sich eine königliche Residenz befindet, hat eine Garnison. Die Religion der Dahomeer ist der gröbste Fetischismus: sie erkennen einen guten und einen bösen Geist an, verehren aber besonders den letztern, den sie fürchten. Der im Land verbreitetste Kultus scheint ein priapischer; die männlichen oder weiblichen Fetische werden angerufen und mit Palmöl begossen. Die Priester und Priesterinnen werden selbst vom König geehrt. Erstere, deren Kopf fast immer auf der rechten Seite rasiert ist, kleiden sich sehr reich; die Priesterinnen schmücken ihr Haar mit Kauris und Perlen, während sonst die Frauen in D. mit kahlem Kopf gehen; den Oberkörper schmücken Federn und Halsbänder, außerdem tragen sie einen leichten, durch einen Gürtel festgehaltenen Rock. Soll irgend eine Stelle für geheiligt erklärt werden, so stellt der Priester dort auf einem gegabelten Stock einen kleinen Topf aus rotem Thon auf, dessen Deckel etwas Palmöl enthält, und umgibt ihn mit flatternden Bändchen. Darauf legt jeder Vorübergehende achtungsvoll etwas Nahrung für den Fetisch, der hier haust. Solche Töpfe trifft man zahlreich im Lande. Die Fetischgötter, aus rotem Thon geformt, stehen am Eingang der Städte und Dörfer, wo jeder Kaufmann den Zehnten und die heilige Gabe abliefern muß. Man verehrt auch Schlangen, deren sich mehrere Hundert in einem Haus befinden, und die nachts überall umherschweifen. Die Quelle des Reichtums in D. ist der Ackerbau, der ziemlich verständig betrieben wird. Die Produkte desselben sind: Mais, Hirse, Maniok, Bohnen, Yams, süße Bataten und Arachisnüsse, worin die Hauptnahrung des Volkes besteht. Auch alle Arten von Gemüsen gedeihen sehr gut in den Gärten. Auf allen Pflanzungen, die sich weit ausbreiten, werfen Palmenreihen oder die zu Bäumen gewordenen Bohnensträucher ihren schützenden Schatten und halten zugleich von den Feldern die schädlichen Wirkungen des Regens und Windes ab. Übrigens bebaut man meist nur hoch gelegene Striche und sanfte Abhänge und zieht tiefe Gräben zur Ableitung des Wassers. Als Haustiere zieht man in großer Menge Hämmel, Ziegen, große Schweine, Truthühner, Hühner, Enten, Gänse, Tauben und Perlhühner. Rebhühner, Wachteln, Turteltauben und Wasservögel sind gemein, Hasen, Hirsche und Gazellen dagegen selten. Der Gewerbfleiß liefert Baumwollgewebe, harte Thongefäße in Gestalt von Kalebassen, eiserne Klingen und Ackergeräte, Leder, vegetabilische Seide, Farbwaren etc. Aus dem roten Thon, aus dem fast durchweg der Boden besteht, fertigt man harte Blöcke zum Aufbau der endlosen Mauern, welche das Grundeigentum der Häuptlinge umziehen, und sehr dauerhafter Häuser. Man versteht auch Stoffe zu sticken und zwar mit europäischer Wolle und Seide. Das Öl aus den Früchten der Ölpalme erhält man einfach durch Auspressen derselben in einem Trog und durch Anwendung schwacher Wärme. Der Handel mit diesem Öl nimmt beständig zu, obwohl der König seine Abgaben davon fortwährend steigert. Zahllose junge Ölpalmen sind rings um alle Dörfer gepflanzt worden. Zur Zeit der Ernte bieten die Märkte in den großen Plätzen Toffo, Allada, Whydah etc. ein äußerst belebtes Gemälde. D. könnte mindestens 5000 Ton. jährlich exportieren, aber gerade zur Zeit der Ernte zieht der König und mit ihm die meisten Männer auf Kriegszüge aus. Der Ölhandel ist jetzt an die Stelle des früher von der Küste aus schwunghaft betriebenen Sklavenhandels getreten, hat den letztern aber keineswegs ganz verdrängt. Als Münze dienen die Kauris, deren 2000 den Wert von 1 span. Thaler haben. Die Dahomeer haben dieselben musikalischen Instrumente wie alle andern Völker dieser Küstenländer: das Tamtam, die Elefantenzähne, die Kalebasse voll