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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Dänische Litteratur

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Dänische Litteratur (19. Jahrhundert).

Nikolai Frederik Severin Grundtvig (1783-1872), welcher ein größeres episches Werk, ebenfalls in altnordischem Geist, schrieb ("Optrin af Kæmpelivets Undergang i Norden", 1808), aber trotz dieser und ähnlicher Schriften als Dichter keinen nennenswerten Erfolg errang. Glücklicher war er als Theolog und später als Freiheitskämpfer. Ein begabterer Dichter war der gleichgesinnte Adolf Vilhelm Schack v. Staffeldt (1769-1826), der indessen trotz seiner Gedankentiefe und seines Phantasiereichtums wenig beachtet wurde und erst in neuerer Zeit durch Georg Brandes richtig gewürdigt worden ist. Damals leuchtete eben Öhlenschlägers Licht noch so hell, daß ein andres daneben nicht oder kaum bemerkt wurde. Eine Ausnahme von dieser Regel bildete jedoch Bernhard Severin Ingemann (1789-1862), welcher jahrzehntelang der beliebteste Romanschriftsteller Dänemarks war und noch heute der Liebling der heranwachsenden Jugend ist. Seine Romane beruhen sämtlich auf historischen Ereignissen, die er indessen mit großer Freiheit für seine Zwecke umgemodelt hat; außerdem schrieb er Novellen und Gedichte, von welch letztern besonders die geistlichen berühmt geworden sind. Als Gegner Ingemanns und Grundtvigs trat Johan Ludvig Heiberg (1781-1860) auf. Seine geistvolle Auffassung des Lebens wie seine leichte Sprachbehandlung machen alle seine Schöpfungen gleich ansprechend. Die meisten Erfolge errang er als Dramatiker, besonders als Vaudevillendichter und -Bearbeiter; doch steht er auch als Lyriker ziemlich hoch. Außerdem dichtete er das national-romantische Schauspiel "Elverhøi" (1828), welches seiner Zeit sehr viel Aufsehen erregte und noch heute oft gegeben wird. Als Direktor des königlichen Theaters in Kopenhagen, an welchem seine Frau lange Jahre als hervorragendste Schauspielerin des Nordens wirkte, hat er auch indirekt sehr viel für die Hebung des dänischen Dramas gethan. Auch Karsten Hauch (1791-1872) erntete mit seinen Dramen und Romanen reichen Erfolg und trug durch seine ästhetischen Abhandlungen wesentlich zur Läuterung des poetischen Geschmacks bei. Noch glücklicher war Steen Steensen Blicher (1782-1848), der besonders durch seine jütländischen Novellen die Herzen des Volkes im Sturm eroberte. Blicher hat als erster das Genre bearbeitet, welches später durch Gotthelf und Auerbach in Deutschland unter dem Namen "Dorfgeschichten" bekannt geworden ist; außerdem war er einer der ersten Dialektdichter der dänischen Litteratur. Halb durch Ingemann, halb durch Blicher beeinflußt ist Johan C. Chr. Brosböll (Carit Etlar, geb. 1820), welcher in Dänemark noch heute die sogen. alte Schule repräsentiert. Seine Hauptvorzüge sind eine glühende Phantasie und eine erstaunliche Kombinationsgabe. Unter den Novellisten ragt in dieser Periode hervor Frau Gyllembourg-Ehrenswärd (1773-1856), die Mutter Heibergs, welche in ihrem 53. Lebensjahr in der von ihrem Sohn redigierten "Flyvende Post" mit der Erzählung "En Hverdagshistorie" debütierte und sich bald einen geachteten Namen in der Geschichte der dänischen Litteratur erwarb. In mehrfacher Beziehung mit ihr verwandt ist de Saint-Aubain (Karl Bernhard, 1798-1865), der jedoch mit Bezug auf die Tiefe des Gefühls hinter ihr zurücksteht. Volkstümlicher noch als die beiden letztgenannten wurde Christian Winther (1796-1876). Er hat als Sänger des Landlebens die d. L. mit zahlreichen Romanen und lyrischen Gedichten bereichert, in denen sich Wahrheit, Ursprünglichkeit und Tiefe in trefflichster Weise zu einem harmonischen Ganzen vereinigen. Sein hervorragendstes Werk ist wohl das romantische Epos "Hjortens Flugt" (1856). Winther ist ohne Zweifel derjenige, welcher, ohne direkt ein Schüler Heibergs zu sein, am meisten dazu beigetragen hat, die ästhetischen Grundsätze des letztern zum schnellen und allgemeinen Durchbruch zu bringen. Ebenfalls ein bedeutender Lyriker ist Henrik Hertz (1798-1870), der eine Wiederbelebung der Baggesenschen Muse anstrebte und zu diesem Zweck im "Gjengangerbreve" (1830) eine scharfe Polemik gegen Öhlenschläger und Heiberg führte. Außerdem ist er als dramatischer Dichter bekannt geworden, so durch das romantische "Kong René's Datter" und verschiedene andre Arbeiten leichtern Kalibers. Auch in Thomas Overskou (1798-1874) gewann die Bühne einen gewandten und oft sinnigen Dramatiker, während die übermütigen Studentenkomödien Jens Chr. Hostrups (geb. 1818) der Schauspielkunst ein neues und ergiebiges Feld eröffneten. Alle diese Männer werden indessen weit überragt von Hans Christ. Andersen (1805 bis 1875), der in seinen weltberühmt gewordenen Märchen selbst den unscheinbarsten Vorgängen und Erscheinungen Poesie einzuhauchen versteht. Ebenso naiv und sinnig wie seine Märchen sind auch seine lyrischen Gedichte, von denen Chamisso einige ins Deutsche übertragen hat ("Es geht bei gedämpfter Trommel Klang" u. a.). Als Romanschriftsteller und als Dramatiker dagegen war Andersen minder erfolgreich; selbst sein Roman "O. T." (Odense Tugthus) hat nur vorübergehend das Interesse der dänischen Lesewelt fesseln können. Gedankenreicher und tiefer, aber ebendarum dem großen Publikum weniger zugänglich als Andersen war Fr. Paludan Müller (1809-76). Er debütierte 1832 mit dem auch in Deutschland bekannt gewordenen romantischen Schauspiel "Kjærlighed ved Hoffet" ("Liebe am Hof") und ließ von da ab lyrische und romantitische ^[richtig: romantische] Dramen, gereimte Märchen, poetische Erzählungen, epische, lyrische und didaktische Gedichte in bunter Reihenfolge erscheinen. Weitaus am hervorragendsten unter diesen vielen Zeichen seiner erstaunlichen Produktivität ist indessen das umfangreiche Epos "Adam Homo", dessen erster Teil 1841 und dessen Schluß erst 1848 erschien. Es ist sehr breit angelegt und darum hier und da etwas ermüdend, aber es steckt so voll tiefer Gedanken und ist so durch und durch originell, daß kaum irgend eine Litteratur eine Parallele dazu dürfte aufweisen können. Eine eigenartige Dichternatur ist auch Erik Bögh (geb. 1822), wenn auch freilich in ganz anderm Sinn als Paludan-Müller. Was ihn auszeichnet, ist hauptsächlich seine leichte, angenehme Schreibart und sein nie versiegender Humor. Er ist in erster Linie Feuilletonist, und man darf wohl sagen, daß er während der 60er Jahre als solcher den Geschmack der litterarischen Kreise Kopenhagens so gut wie ausschließlich beherrschte. In jeder Beziehung streng konservativ, war er einer der erbittertsten Gegner von Georg Brandes und der von ihm vertretenen Litteraturrichtung (s. unten). Am bekanntesten sind seine "Forelæsninger" und die unter dem Titel "Dit og Dat" gesammelten Feuilletons. Außerdem hat er etwa ein Hundert Theaterstücke ins Dänische übersetzt oder bearbeitet sowie einige Originale geschrieben, von denen "Fastelavnsgildet" und "Huldrebakken" die erwähnenswertesten sind. Nach dem Durchbruch der neuern Richtung in der dänischen Litteratur ist er vom öffentlichen Leben fast ganz zurückgetreten. Ein ebenso unversöhnlicher Feind der