Schnellsuche:
Info: Zur Zeit wird der Volltextindex aktualisiert. Sie erhalten daher bei Suchen nicht die volle Anzahl an Treffern. Die Aktualisierung dauert typischerweise wenige Minuten.

Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Dänische Litteratur

524

Dänische Litteratur (19. Jahrhundert).

neuern Schule wie Bögh ist Parmo Karl Ploug (geb. 1813), der Hauptvertreter und Hauptsänger des sogen. Skandinavismus, einer politischen Richtung, welche eine engere Vereinigung der drei skandinavischen Reiche herbeizuführen strebte. Hervorragender als Bögh und Ploug ist Chr. Knud Fr. Molbech (geb. 1821), ebenfalls ein Vertreter der ältern Schule. Seine lyrischen Gedichte sind vielleicht das Vollendetste und jedenfalls das Wohlklingendste, was man nach dieser Richtung hin in der dänischen Litteratur besitzt. Auch als Dramatiker ist er hervorragend; so zeugt z. B. sein Trauerspiel "Dante" von einer dramatischen Kraft und (besonders in der von ihm selbst umgearbeiteten deutschen Übersetzung) von einer Bühnenkenntnis, wie man sie bei dänischen Schriftstellern sehr selten antrifft. Auch sein "Ambrosius" enthält zahlreiche und hohe Schönheiten, obwohl die Sentimentalität des Helden einigermaßen unangenehm wirkt. Außerdem ist Molbech durch eine vorzügliche Übersetzung von Dantes "Göttlicher Komödie" bekannt und berühmt geworden. Minder vielseitig, aber auf dem Gebiet des Romans und der Novelle recht bedeutend ist Vilhelm Bergsöe (geb. 1835). Er war zuerst Zoolog, mußte aber infolge eines Augenleidens, welches ihn seiner Sehkraft beraubte, diesen Beruf aufgeben und widmete sich fortan der Litteratur. Sein erstes größeres Werk war der Novellencyklus "Fra Piazza del Popolo"; doch hat er erst mit dem Roman "Fra den gamle Fabrik" einen durchschlagenden Erfolg erzielt. Seine populären naturwissenschaftlichen Abhandlungen hat er unter dem Titel "Fra Mark og Skov" gesammelt erscheinen lassen. Eine eigenartige Stellung in der dänischen Litteratur nimmt Meir Aron Goldschmidt (geb. 1819) ein. Schon im Alter von 21 Jahren gründete er das satirische Wochenblatt "Korsaren", welches die nicht ausgesprochene Tendenz hatte, für den Sturz des Absolutismus im Volk zu wirken, und bald einen ungeheuern Einfluß errang. Aber das befriedigte den kühnen Redakteur noch nicht; er unternahm eine längere Reise ins Ausland, um die großen sozialen und politischen Bewegungen zu studieren, und gründete nach seiner Rückkehr (1847) die Monatsschrift "Nord og Syd", welche später als "Ude og Hjemme" fortgesetzt wurde. Durch diese Zeitschriften, welche er mit sehr großem Geschick redigierte, hat er auf seine Zeit einen gewaltigen Einfluß ausgeübt. Später verlegte er sich indessen ausschließlich auf die dichterische Produktion und schrieb eine große Reihe von Novellen und Romanen sowie ein zweibändiges Werk unter dem Titel: "Livs-Erindringer og Resultater". In dem letztern neigt er sich sehr einem seltsamen Mystizismus zu, der sich am ehesten mit der Hartmannschen Lehre vom Unbewußten vergleichen läßt. Wenig gelesen, aber recht lesenswert ist Hans Peder Holst (geb. 1811), der als Lyriker und Epiker viel Schönes hervorgebracht und auch einige allerliebste Novellen geschrieben hat, ebenso Hans Vilhelm Kaalund (geb. 1818), dessen Gedichtsammlungen "Et Foraar" und "Et Efteraar" kaum ein einziges Gedicht enthalten, welches nicht mit Ehren seinen Platz verteidigen könnte. Ferner sind zu erwähnen: der geschmackvolle Lyriker Emil Aarestrup (1800-1856), der Romanschriftsteller Hermann Fr. Ewald (geb. 1821) und der verdienstvolle Übersetzer Shakespeares, Edvard Lembcke (geb. 1815).

Der Hauptzug in der Dichtung der 50er und 60er Jahre war jene eigentümliche Duselei, welche sich als Skandinavismus bezeichnete. Dieselbe ist wohl in erster Linie zurückzuführen auf die Schwärmerei für die altnordische Vorzeit, welche in Dänemark durch die Dichtungen Öhlenschlägers und in Schweden durch Ling, Tegnér, Geijer u. a. wachgerufen worden war. Dazu kam der Krieg von 1848 bis 1850, der in den skandinavischen Ländern einen derartigen Deutschenhaß hervorrief, daß man den geistigen Verkehr mit Deutschland so gut wie ganz aufgab. Dadurch aber verstopfte man sich zugleich den Kanal, durch welchen man bisher so ziemlich mit allen Kulturvölkern in Verbindung gestanden hatte. Es war das freilich ein Resultat der skandinavischen Bewegung, welches die Führer derselben nicht vorausgesehen hatten; da es nun aber einmal eingetreten war, mußte die bittere Pille wenigstens etwas überzuckert werden. Dies geschah dadurch, daß man alles, was nicht skandinavisch war, als faul und verrottet hinstellte, daß man alles Nordische besang als etwas halb Übernatürliches und die "nordische Kraft, welche die Welt hätte beherrschen können", als das einzige Mittel pries, um "der Sache der Menschheit den Sieg zu erringen" (Ploug). Diese phantastische Idee von der hohen weltgeschichtlichen Mission der skandinavischen Völker hatte sich damals in den Köpfen fast aller "Gebildeten" eingenistet, und es konnte also nicht ausbleiben, daß sie auch in der Litteratur und speziell in der Lyrik zur Geltung kam. Aber ebenso unumgänglich notwendig war es, daß gegen eine so einseitige Bewegung über kurz oder lang eine kräftige Reaktion eintreten mußte, und daß dann der beschränkte Nationalismus umschlagen mußte in einen ebenso vagen Kosmopolitismus. Diese Umwandlung vollzog sich zu Anfang der 70er Jahre vornehmlich unter dem Einfluß von Georg Brandes (geb. 1842). Er bewirkte dies hauptsächlich durch eine Reihe von Vorträgen, welche er im Winter 1871/72 über die "Hauptströmungen in der Litteratur des 19. Jahrhunderts" hielt, und welche später im Druck erschienen sind. Er wies darin nach, daß man in andern Ländern, namentlich in Frankreich, Deutschland und England, schon längst die Reaktion überwunden habe, welche zu Anfang dieses Jahrhunderts gegen die Litteratur der Aufklärungszeit angekämpft habe, daß aber in Dänemark wie in den skandinavischen Ländern überhaupt diese Reaktion noch in vollster Blüte stehe. Diese Vorträge riefen eine derartige Aufregung hervor, daß Brandes es vorzog, sein Vaterland zu verlassen. Aber die Saat hatte schon Früchte getragen, und zudem kämpfte Brandes von Berlin aus, wohin er sich begeben hatte, in der von ihm und seinem Bruder Edvard Brandes herausgegebenen Zeitschrift "Det nittende Aarhundrede" noch unerschrocken weiter. So gelang es ihm, in wenigen Jahren eine Schule zu bilden, welche jetzt nicht allein in Dänemark, sondern auch in Norwegen und Schweden fast die alleinherrschende ist. Einer der ersten und hervorragendsten Schüler des so schnell zur Berühmtheit gelangten Meisters war der Botaniker Jens Peder Jacobsen (1847-85), der bisher nur als energischer Vertreter der Darwinschen Theorien und Übersetzer der Werke Darwins hervorgetreten war. Seine erste Novelle: "Mogens" (1872) bildet, gewissermaßen den Grenzstein zwischen der ältern und der neuern Litteraturrichtung im Norden. Später hat er noch einige Novellen geschrieben, die mit dem "Mogens" zu einem Band vereinigt sind ("Mogens og andre Noveller"), sowie zwei Romane: "Fru Marie Grubbe" und "Niels Lyhne". Dauernde Kränklichkeit und finanzielle Sorgen drückten ihn indessen so nieder, daß er in den letzten Jahren seines Lebens nichts Weiteres produziert hat. Dennoch aber