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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Darmentzündung

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Darmentzündung.

gewissen Zeiten häufen sich, ohne daß man die Ursache davon genau kennt, die Fälle von Darmkatarrh in einer bestimmten Bevölkerungsgruppe an, was man dann auf Rechnung des herrschenden Genius epidemicus bringt. Die epidemisch auftretende, entweder katarrhalische oder diphtheritische D. des Dickdarms bezeichnet man als Ruhr. Die akuteste und bösartigste, gleichfalls teils katarrhalische, teils diphtheritische Form s. unter Cholera. Nur selten wird das Darmrohr in seiner ganzen Länge vom Katarrh befallen; bald ist nur oder doch vorzugsweise der Dünndarm, bald vorzugsweise oder ausschließlich der Dickdarm, selten bloß der Zwölffingerdarm davon ergriffen. Die anatomischen Veränderungen, welche die Darmschleimhaut zeigt, bestehen beim akuten Katarrh in Rötung und Schwellung der Schleimhaut, welche an ihrer Oberfläche mit einer ansehnlichen Schicht eines trüben und leicht abstreifbaren Schleims überzogen ist. Dieser Schleim enthält massenhafte Cylinderepithelzellen, deren schnelle Bildung und Abstoßung zum Wesen des Katarrhs gehört. Nicht selten findet man eine Schwellung der lymphatischen Gebilde, welche in der Schleimhaut eingebettet sind, nämlich der solitären Lymphfollikel und der Peyerschen Drüsenhaufen. Zumal bei kleinen Kindern erreicht die Schwellung der Lymphfollikel des Darms manchmal einen bedeutenden Umfang. Bei dem chronischen Katarrh treten die Rötung und Schwellung der Schleimhaut mehr zurück, dagegen nimmt letztere häufig eine graue, schieferähnliche Farbe an; das schleimige Sekret auf der Oberfläche ist spärlicher, aber zäher, von mehr glasigem Aussehen. Nicht selten entstehen in den geschwollenen Lymphfollikeln Absceßbildungen (s. Darmgeschwüre). Bei ganz kleinen Kindern findet man nach langwierigen, tödlich verlaufenden Darmkatarrhen oft weiter nichts als eine auffallende Blässe, Dünnheit und leichte Zerreißbarkeit des Darmrohrs.

Die Symptome des Darmkatarrhs sind verschieden nach dem Sitz der Affektion in den einzelnen Abschnitten des Darmrohrs. Bei den selten vorkommenden Katarrhen des Zwölffingerdarms ist, wenn die Affektion auf dieses Darmstück beschränkt bleibt, außer Appetitlosigkeit und Stuhlverstopfung vorzugsweise die Gelbsucht zu erwähnen, welche dadurch bedingt wird, daß die Schwellung der Darmschleimhaut sich in den gemeinschaftlichen Gallengang fortsetzt, diesen verstopft und also der Galle nicht erlaubt, sich in den Darm zu ergießen. Das wichtigste Symptom beim akuten Katarrh des Dünn- und Dickdarms ist der Durchfall. Die Stuhlentleerungen sind nicht bloß flüssiger, weil eine starke wässerige Ausscheidung aus den Blutgefäßen der Darmwand in die Höhle des Darms stattfindet, sondern sie folgen auch schneller aufeinander, weil die wurmförmigen Bewegungen des Darms beim akuten Katarrh sehr lebhaft und selbst stürmisch sind. Dem Durchfall geht gewöhnlich Kollern im Leib voraus. Schmerzen und andre Beschwerden pflegen, abgesehen vom Durchfall, zu fehlen, wenn der Katarrh auf den Dünndarm beschränkt ist. Dagegen ist der Katarrh des Dickdarms in der Regel mit kolikartigen kneipenden Schmerzen verbunden, die anfallsweise eintreten und nach erfolgter Stuhlentleerung sich bessern. Die Kräfte und der Ernährungszustand des Patienten bleiben normal, wenn die Ausleerungen nicht zu massenhaft und zu häufig sind. Verlieren aber die Ausleerungen das Aussehen und den Geruch nach Kot, werden sie wässerig, dünnflüssig, farblos, und wiederholen sie sich sehr oft, so bewirken sie, zumal bei kleinen Kindern, einen hohen Grad von Erschöpfung und Abmagerung. Der Leib ist beim akuten Darmkatarrh zuweilen mäßig aufgetrieben, und es entleeren sich mit dem Durchfall große Mengen übelriechender Gase. Schwere Darmkatarrhe gehen mit Fieber einher. Setzt sich die Entzündung bis auf den Mastdarm fort, so sind beständiger Stuhldrang und schmerzhafte Gefühle im After (Stuhlzwang) vorhanden. - Der chronische Darmkatarrh ist bei Erwachsenen gewöhnlich nicht von Durchfall begleitet, im Gegenteil leiden die Kranken häufig an Stuhlverstopfung, die abgehenden Kotmassen sind aber in reichlichen zähen Schleim eingehüllt. Es treten dabei leicht abnorme Zersetzungen des Darminhalts mit reichlicher Entwickelung stinkender Gase, Auftreibung des Leibes, Oppressionsgefühl, Blähungen etc. ein. Die Kranken verlieren dabei die Kräfte, magern ab, haben eine bleiche, schmutzig graugelbe Gesichtsfarbe. Sie bilden sich ein, an der Leber zu leiden, sind verstimmt und werden von hypochondrischen und selbst melancholischen Stimmungen heimgesucht. Krankheitszustände dieser Art sind für den Patienten wie für seinen Arzt überaus lästig und im ganzen schwer zu beseitigen, aber meist ohne besondere Gefahr.

Der chronische Darmkatarrh der Kinder verläuft bald mit, bald ohne Fieber, fast immer aber in Gestalt eines hartnäckigen und erschöpfenden Durchfalles, infolge dessen die Kinder im höchsten Grad abmagern und sehr häufig ein Opfer des Todes werden. Besonders sind ganz kleine Kinder, kurz nach dem Entwöhnen, dieser gefährlichen Krankheit (Diarrhoea ablactatorum) ausgesetzt (s. Darmschwindsucht).

Die kruppöse D. kommt in ihrer reinen Form äußerst selten, am ehesten noch bei Vergiftungen mit ätzenden Substanzen, zur Beobachtung. Sie ist öfters verbunden mit der diphtheritischen D. Diese betrifft bald den Dünndarm, bald den Dickdarm oder beide Abschnitte zugleich. Sie entwickelt sich meist auf der Grundlage schwerer einfacher D., z. B. epidemisch bei der als Ruhr bezeichneten Krankheit, bei Cholera, bei Darmschwindsucht, Kotstauungen, Einklemmungen etc. Die Darmdiphtheritis beruht in einem Absterben der oberflächlichen Schleimhautschichten, welche dann abgestoßen werden und Substanzverluste hinterlassen, die auf der Höhe der Falten zu liegen pflegen. Als Ursache sind Bakterienvegetationen zu betrachten. Die Erscheinungen gleichen denen des heftigen akuten Katarrhs.

Die Behandlung des Darmkatarrhs hat sich zunächst mit der Beseitigung seiner Ursachen zu beschäftigen. Liegt dem akuten Darmkatarrh eine Erkältung zu Grunde, so hat der Kranke das Bett zu hüten, er mag einige Tassen warmen Thee (Kamillen- oder Pfefferminzaufguß) genießen und warme Tücher oder einen naßkalten Umschlag auf den Leib legen, welcher bald warm wird und dann längere Zeit liegen bleiben muß. In einem rauhen Klima wird man sich durch wollene Strümpfe, durch eine Leibbinde aus Flanell und (namentlich die Frauen) durch das Tragen von Beinkleidern aus Barchent und andern dichten Stoffen gegen Darmkatarrhe schützen können. Ist der Darmkatarrh die Folge von Diätfehlern oder einer unzweckmäßigen Ernährungsweise, so muß die Diät reguliert werden. Bei kleinen Kindern hat man in dieser Beziehung mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen. Die Milchdiät vertragen sie während der Dauer eines Durchfalles gewöhnlich nicht; man muß sie dann mit kräftigen Fleischbrühen, mit etwas süßem Wein (Malaga), mit kleinen Portionen fein geschabten rohen Rindfleisches oder mit der neuerdings von Professor Leube in Erlangen an-^[folgende Seite]