Schnellsuche:
Info: Zur Zeit wird der Volltextindex aktualisiert. Sie erhalten daher bei Suchen nicht die volle Anzahl an Treffern. Die Aktualisierung dauert typischerweise wenige Minuten.

Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Darwinismus

567

Darwinismus (geschlechtl. Zuchtwahl, Wechselbeziehungen zwischen Pflanzen u. Tieren).

und sonstige Insekten, welche das Flugvermögen durch Verlust der Flügel ganz eingebüßt haben, über ihre geflügelten Kollegen das Übergewicht erlangt, wahrscheinlich, weil die fliegenden durch diese Fertigkeit immer wieder in Gefahr gerieten, bei heftigem Wind ins Meer geweht zu werden.

Einen ähnlichen ehemaligen Verlust muß man bei den Zweiflüglern unter den Insekten voraussetzen, denn die meisten andern Insekten haben vier Flügel, und in der That gewahrt man bei genauerm Hinschauen an der Stelle der beiden Hinterflügel zwei kleine Stummel, die in der Entwickelung immer von neuem erscheinenden Überreste der verlornen Organe (rudimentäre Organe). Solchen Beweisen eines in irgend einer Richtung stattgehabten Rückschritts begegnet der aufmerksame Naturbeobachter in großer Anzahl, sowohl bei Pflanzen als bei Tieren. Dahin gehören z. B. die verkümmerten Staubfäden weiblicher Blüten, die Augäpfel völlig blinder Tiere, die Zähne junger Wale, die Schwanzwirbel und Muskeln schwanzloser Wirbeltiere, die Beinstummel fußloser Schlangen und Eidechsen etc. Diese rudimentären Organe sind weit entfernt, irgendwie nützlich zu sein, ihrem Inhaber zuweilen geradezu schädlich, wie der Blinddarm und die Schilddrüse des Menschen, welche beide ohne ersichtlichen Nutzen unter Umständen Verderben und Krankheit herbeiführen.

Die bisher angedeuteten Hypothesen suchen die Zweckmäßigkeit oder Unzweckmäßigkeit der organischen Bildungen durch mechanische Prinzipien zu erklären. Eine Reihe von Erscheinungen der organischen Natur fallen aber nicht unmittelbar unter den Gesichtspunkt der Zweckmäßigkeit, und hier läßt sich alles das zusammenfassen, was die ästhetische Seite der Natur angeht, auf die Schönheit oder Unschönheit der äußern Erscheinung, Farbenpracht, Formenreiz, Duft und Geschmack, Bezug hat. Auch auf dem ästhetischen Gebiet hat Darwin zuerst die Wege des nähern Verständnisses eröffnet und zwar in seinem 1871 erschienenen Buch über die Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl. Er zeigte, daß auch eine zufällig erlangte äußere Schönheitszunahme einem Tier von Nutzen werden könne, sofern bei der Paarung schönere Tiere augenfällig bevorzugt werden und zuerst, bez. allein unter ihresgleichen dazu gelangen, sich fortzupflanzen. In der Regel ist es das männliche Geschlecht, welches auffallende äußere Zieraten erlangt und mit denselben kokettiert, wie z. B. der männliche Pfau, Paradiesvogel, Fasan etc. Die Weibchen, welche einfacher gefärbt erscheinen, üben eine Wahl aus und verhalten sich der Konkurrenz der Männchen gegenüber wie Preisrichter, die sich selbst als Preis hergeben. In der Regel erwirbt das stärkste Männchen den Preis im Ringkampf, oft besteht aber der Wettkampf nur in einem Entfalten der körperlichen Schönheit oder im Wettgesang vor dem wählenden Weibchen. Da nun die schönern und stärkern Männchen am meisten Aussicht haben, sich fortzupflanzen, so schließt Darwin, daß das unscheinbare Weibchen der Stammform am meisten gleicht, und daß die Schönheit der Männchen allmählich durch geschlechtliche Zuchtwahl entwickelt worden ist. Das Weibchen nimmt vielleicht darum keinen Teil an dieser Verschönerung, weil ihm beim Brüten die größte Unscheinbarkeit zum Schutz gegen seine Feinde nützlich ist. Auch die männlichen Jungen gleichen zuerst stets der Mutter, also der mutmaßlichen Stammform, und erlangen erst im Lauf ihrer fernern Entwickelung jenen auszeichnenden Schmuck des Männchens. Gegen diese Erklärung sind zwar von Wallace und Mantegazza beachtenswerte Einwände erhoben worden, doch haben dieselben keine wahrscheinlichere Theorie zur Erklärung der Steigerung geschlechtlicher Zieraten an deren Stelle zu setzen gewußt.

Durch eine ähnliche Betrachtungsweise hat man auch die Schönheit und den Wohlgeruch der Blumen nach mechanischen Prinzipien aus einem Züchtungsprozeß hergeleitet, bei welchem die dem Blumenstaub und dem Honig nachgehenden Insekten als die Züchter anzusehen sind, welche die durch Größe, Farbenschönheit oder Wohlgeruch ausgezeichneten Blüten, weil sich dieselben ihnen schon aus einiger Entfernung sichtbar machten, bevorzugten und, indem sie zu ihrer Befruchtung und Fortpflanzung beitrugen, die Steigerung ihrer Anziehungskraft bewirken konnten. Auch auf diesem von teleologischem Standpunkt schon im vorigen Jahrhundert durch Kölreuter und Sprengel bearbeiteten Feld wirkten Darwins Arbeiten bahnbrechend, und er zeigte zunächst an den Orchideen, daß sich hierbei die innigsten Wechselbeziehungen zwischen Blumen und Insekten herausgebildet haben, und daß die Kreuzung der Blüten mit fremdem Pollen, wie sie die Insekten bewirken, für die Nachkommenschaft von Vorteil ist, indem die Samen kräftiger ausfallen als bei Selbstbefruchtung. Kann man sich nun erklären, wie sich aus den ältern Gewächsen mit unscheinbaren Blüten, die der Wind befruchtete, solche mit farbenreichen und duftenden Blüten entwickelt haben, so haben Darwins Arbeiten auch den Schlüssel für viele andre Umbildungen des Pflanzenreichs gegeben, z. B. für die Entstehung der besondern Wachstumsart der Kletterpflanzen und für die abnorme Ernährungsweise der insektenfressenden Pflanzen. Schon sein Großvater hatte darauf hingewiesen, daß viele Pflanzen die Fähigkeit erlangt haben, sich durch Dornen, Nesselhaare, Harzausschwitzungen, scharfe Öle und Giftstoffe gegen die Angriffe unerwünschter Gäste, die nichts zu ihrer Fortpflanzung beitragen, zu schützen, und auch hier haben sich höchst merkwürdige Wechselbeziehungen entwickelt, indem z. B. manche Gewächse durch Ameisen, denen sie Unterkunft und Honignahrung gewähren, vor dem Besuch andrer, ihr Laub verzehrender Insekten geschützt werden. Auf diesem die Wechselbeziehungen zwischen Pflanzen und Tieren behandelnden Gebiet haben namentlich Fritz und Hermann Müller, Delpino, Kerner die Erkenntnis beträchtlich erweitert.

Man begreift ohne Mühe, wie durch die zahllosen Wechselbeziehungen der lebenden Natur, unter dem regelnden Einfluß der natürlichen Auslese und geschlechtlichen Zuchtwahl im Lauf unübersehbarer Zeiträume vielleicht aus sehr geringen Anfängen jene ungeheure Mannigfaltigkeit der Pflanzen- und Tierformen, die wir bewundern, entwickelt worden sein kann. Erst dadurch wird das natürliche System der Pflanzen und Tiere, bei denen man schon längst von Verwandtschaftsbeziehungen und natürlichen Familien sprach, verständlicher, und das ganze Reich des Lebens löst sich in wenige Hauptstämme, von denen sich unter Einordnung der ausgestorbenen, fossilen Formen die andern ableiten lassen, kurz das Gesamtsystem wird ein genealogisches, und die heute lebenden Arten lassen sich als die letzten grünenden Verzweigungen von Ästen verstehen, deren Stämme und Wurzeln in der grauesten Vorzeit ruhen. Die Gattungen lassen sich dann ebenso den Hauptzweigen, die Familien und Ordnungen den Nebenästen und die Klassen den Hauptästen am Stamm