Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

614

Defr. - Degeer.

von Rhachitis, oder durch mechanische Verletzungen und die diesen folgenden Heilungsprozesse.

Defr., bei naturwissenschaftl. Namen Abkürzung für M. Defrance (geb. 1758 zu Caen, gest. 1850 in Sceaux); schrieb: "Tableau des corps organisés fossiles" (Par. 1824).

Defraudation (Defraude, lat., "Hinterziehung"), das durch die Nichtentrichtung öffentlicher Abgaben dem Staat oder einer Gemeinde gegenüber begangene Vergehen, insbesondere die Hinterziehung von Zöllen und indirekten Steuern. Defraudieren, eine derartige Abgabe hinterziehen; Defraudant, derjenige, welcher sich einer solchen Hinterziehung schuldig macht. Das deutsche Zollgesetz vom 1. Juli 1869 unterscheidet zwischen Konterbande und D.: jene besteht in der Einfuhr, Ausfuhr oder Durchfuhr verbotener Gegenstände und wird mit Konfiskation sowie mit einer Geldbuße zum doppelten Wert, jedoch nicht unter 30 Mk., bestraft; diese in dem Versuch der Hinterziehung der Eingangs- oder Ausgangsabgaben, worauf neben der Konfiskation der Waren die Erlegung des vierfachen Betrags der vorenthaltenen Abgabe steht. Verletzung des amtlichen Warenverschlusses ohne Absicht einer Gefällentziehung wird mit Geldstrafe bis zu 900 Mk. gebüßt, andre Zuwiderhandlungen geringerer Art mit einer solchen bis zu 150 Mk. Rückfälle in Konterbande oder D. ziehen das erste Mal Verdoppelung der Geldbuße, die folgenden Male Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren, falls das richterliche Ermessen nicht bei Geldbuße stehen bleibt, nach sich. Unter erschwerenden Umständen tritt eine Verschärfung der Strafe um die Hälfte ein. Komplottmäßige Verbindung zu Konterbande oder D. zieht Freiheitsstrafen bis zu sechs Monaten, im Widersetzungsfall oder bei dauernder Bandenstiftung bis zu zwei Jahren nach sich. Dasselbe gilt bei der Schmuggelei unter dem Schutz einer Versicherung oder mit bewaffneter Hand. Übrigens wird der Ausdruck D. auch gleichbedeutend mit Unterschlagung gebraucht. Vgl. Löbe, Das deutsche Zollstrafrecht (Berl. 1881).

Defrayieren (franz., spr. defrä-), jemand zehrungs- und kostenfrei halten, z. B. auf Reisen.

Defregger, Franz, Maler, geb. 30. April 1835 zu Stronach bei Dölsach im Tiroler Pusterthal als Sohn eines Bauern, begann schon in früher Jugend beim Viehhüten zu zeichnen und in Holz zu schneiden und ging 1860 mit seinem aus dem Verkauf des väterlichen Guts gewonnenen Vermögensanteil nach Innsbruck, um unter Leitung des Professors Stolz Bildhauer zu werden. Da er jedoch mehr Geschick zum Maler zeigte, ging er nach München und besuchte die Kunstakademie noch ohne entschiedenen Erfolg. Nach einem Aufenthalt in Paris (1863-65) und in seiner Heimat trat er 1867 in das Atelier Pilotys, und jetzt fand er das Gebiet, auf welchem sich seine Begabung schnell entwickeln sollte, indem er Motive aus dem Tiroler Volksleben zu behandeln begann. Seine ersten Bilder: Försters letzte Heimkehr (1867), Speckbacher und sein Sohn (1868), der Ringkampf (1869) und die beiden Brüder (1871), hatten ihm bereits durch gemütvolle Auffassung und tiefe Empfindung einen geachteten Namen erworben, als ihn eine Rückenlähmung auf das Krankenlager warf. Doch fand er in Bozen Heilung, und aus Dankbarkeit malte er für die Kirche zu Dölsach eine Madonna von modernem Gesichtsausdruck, aber in der Komposition sich an venezianische Vorbilder anschließend (1873). Nachdem er allmählich seine Kraft wiedergewonnen, entstanden: der Tanz auf der Alm (1872), das Preispferd und die italienischen Bettelsänger (1873) und diejenigen Bilder, welche seinen Ruhm sicher begründet haben: das letzte Aufgebot, eine ergreifende und auch durch die Energie der Charakteristik bedeutende Szene aus dem Tiroler Aufstand von 1809 (1874, im Wiener Belvedere), und das Seitenstück dazu, die Heimkehr der Sieger (1876, Berliner Nationalgalerie). In die Zwischenzeit fallen: der Besuch in der Sennhütte, die Bestrafung des Hundes, das Tischgebet (städtisches Museum in Leipzig) und ähnliche Bilder aus dem Leben der Älpler, welche eine große Popularität erlangten. D. strebte jedoch über die Genremalerei zur Historienmalerei hinaus und machte auf diesem Gebiet den ersten Versuch in lebensgroßen Figuren mit dem Todesgang Andreas Hofers (1878, Museum in Königsberg). Trotz der tiefgehenden und reichen Charakteristik fehlt es dem Bild an lebensvoller, einheitlicher Komposition und an gleichmäßiger, sich auf alle Teile erstreckender koloristischer Durchbildung. Auf Bildern kleinern Umfanges tritt Defreggers hartes und buntes Kolorit hinter der Lebendigkeit und Anmut der Figuren und der glücklichen Erfindung und gemütvollen Erfassung des Moments zurück. Für Bilder mit lebensgroßen Figuren, unter denen noch die Briefleserinnen (1879), die Erstürmung des Rotenturmthors in München (Pinakothek daselbst) und Vor dem Sturm (Tiroler Aufstand) zu nennen sind, reichen jedoch seine koloristischen Fähigkeiten nicht aus. Auch fehlt es ihm an dramatischer Kraft, um Leidenschaften in höchster Erregung zu schildern. Einen vollen Erfolg fanden auch in den letzten Jahren wiederum seine Gemälde kleinern Umfanges, wie: Andreas Hofer in der Hofburg zu Innsbruck, Ankunft zum Tanz, der Salontiroler und der Urlauber. D. ist einer der vorzüglichsten Genremaler Deutschlands, welcher das Volksleben mit richtigem Blick und mit voller Wahrheitsliebe am glücklichsten von seiner heitern Seite erfaßt hat. Er ist Professor an der Münchener Akademie und besitzt die großen Medaillen der Ausstellungen von Berlin und München.

Defrugieren (lat.), ein Feld abnutzen, ausmergeln; Defrugation, Abnutzung.

Defter (türk.), Register, Schematismus, Inventar, Archiv. D. Chane, der Ort, an welchem die offiziellen Aktenstücke auf der Pforte aufbewahrt werden, d. h. Registratur. D. Emini, Archivar.

Defterdar, der Finanzdirektor in den türk. Wilajets. Vor Einführung der Reformen war D. der Titel des Finanzministers, der heute den Namen Malije Naziri führt.

Defunctus (lat.), ein Verstorbener; defuncta, eine Verstorbene; Defunktion, Ableben, Tod.

Deg., bei naturwissenschaftl. Namen Abkürzung für K. Degeer (s. d.).

Dega, abessin. Landschaft, s. Deka.

Degagement (franz., spr. -gāsch'māng), Ungezwungenheit, Befreiung von einer Verbindlichkeit etc.; in der Baukunst ein verborgener Nebenausgang, insbesondere Geheimtreppe; in der Holzschneidekunst Bezeichnung für die Reinheit und Schärfe der Umrisse.

Degagieren (franz., spr. -schi-), befreien, losmachen; in der Kriegskunst eine im Gefecht bedrängte Truppe von der Berührung mit dem Feind los machen, z. B. durch eine Kavallerieattacke; in der Fechtkunst das Umgehen der Klinge des Gegners unterhalb, gewöhnlich mit einem Nachstoß verbunden. Degagiert, frei, ungezwungen (besonders vom Benehmen gebraucht).

Degeer, Karl, Baron, Entomolog, geb. 1720 zu Farsprang in Schweden, war Schüler Linnés, wurde 1761 schwedischer Hofmarschall und starb 1778 in Stockholm. Er schrieb: "Mémoires pour servir à