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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Demoiselle; Demokedes; Demokrāt; Demokratie

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Demoiselle - Demokratie.

Anmerkung: Fortsetzung des Artikels 'Demographie, Demologie'

Guillard, Éléments de statistique humaine, ou Démographie comparée (Par. 1855). Vgl. auch Statistik.

Demoiselle (franz., spr. d'mŏasäl), s. Damoiselle.

Demokedes, berühmter Arzt aus Kroton in Unteritalien, hielt sich eine Zeitlang in Ägina und Athen auf und ward (ca. 530 v. Chr.) hochbesoldeter Leibarzt des Tyrannen Polykrates von Samos. Nach dem Sturz des Polykrates (522) als Gefangener nach Sardes gebracht, gelangte er durch eine glückliche Kur am König Dareios Hystaspis zu hohen Ehren und Reichtümern, vollends als er die Königin Atossa von einem Brustgeschwür befreit hatte. Aus Sehnsucht nach seiner Heimat ließ er durch Atossa dem König den Gedanken an eine Unterwerfung des Westens eingeben, und als zunächst Kundschafter nach Griechenland und Italien ausgesandt wurden, begleitete D. dieselben als Führer und entfloh von Tarent, wo sie gelandet waren, nach Kroton. Trotz der Forderung des Dareios wurde er von seinen Landsleuten nicht ausgeliefert. Er heiratete eine Tochter des Athleten Milon und wurde 504 bei einem Aufstand gegen die Pythagoreische Aristokratie, der D. angehörte, erschlagen.

Demokrāt (griech.), Anhänger, Angehöriger der Demokratie (s. d.); Demokratismus, Anhänglichkeit an die Demokratie.

Demokratie (griech., "Volksherrschaft") bezeichnet sowohl eine Staatsform als eine politische Partei und Parteirichtung, wie denn auch die Ausdrücke Demokrat (Angehöriger der D.) und demokratisch (die D. betreffend, auf die D. bezüglich) in dieser zweifachen Bedeutung gebraucht werden. Das Wesen der demokratischen Staatsbeherrschungsform besteht darin, daß die Staatsgewalt verfassungsmäßig der Gesamtheit der Staatsangehörigen zusteht. Die D. als Staatsform findet sich zuerst in Griechenland, wo sie die Herrschaft des Demos, d. h. die den freien Vollbürgern zustehende Staats- und Regierungsgewalt, bedeutete. Hat man dagegen das demokratische Streben (Demokratismus) im Auge, so versteht man unter D. diejenige Parteirichtung oder die Angehörigen derjenigen Partei, welche dem Volkswillen in der Gesetzgebung und in der Verwaltung des Staats eine entscheidende Bedeutung eingeräumt wissen will. Es ist dabei keineswegs notwendig, daß solche Parteibestrebungen die Staatsform der D. zum Endziel haben; sie können vielmehr auch in dem Rahmen der Monarchie sich geltend machen. Was die D. als Staatsform anbetrifft, so ist die Dreiteilung der Staatsbeherrschungsformen in Monarchie, D. und Aristokratie auf Aristoteles zurückzuführen. Eigentlich gehört dazu auch noch die Theokratie, d. h. die im Altertum bei den Israeliten bestehende Staatsbeherrschungsform, bei welcher die Gottheit selbst als das Oberhaupt des Staats, welches durch die Priester herrschte, aufgefaßt wurde; eine Idee, an die sich auch in den mohammedanischen Staaten gewisse Anklänge vorfinden. Jene Dreiteilung wird aber von vielen dadurch beseitigt, daß sie die Staatsverfassungsformen auf nur zwei Kategorien zurückführen, je nachdem sich die Staatsgewalt in der Hand eines Einzelnen oder einer Mehrheit von Personen befindet. In der Monarchie erscheint nämlich ein Einzelner als Regierender, während alle übrigen Staatsangehörigen Regierte sind. In der Republik, unter welcher Bezeichnung D. und Aristokratie zusammengefaßt werden, ist das Volk oder doch eine bevorzugte Klasse desselben der Regierende, die Einzelnen als solche sind die Regierten. Die Monarchie bedeutet die Fürstensouveränität, die ↔ Republik die Volkssouveränität. In der demokratischen Republik besteht vollständige Gleichheit und Gleichberechtigung aller Staatsangehörigen, deren Gesamtheit die regierende Macht im Staate darstellt, welcher die Einzelnen als solche unterworfen sind. In der Aristokratie dagegen wird diese Herrschaft durch einen bevorzugten Stand oder eine bevorzugte Klasse der Staatsangehörigen ausgeübt, und die Angehörigen dieser Klasse, welche das Volk repräsentieren, stellen sich in ihrer Gesamtheit als die Regierenden dar, während sie in ihrer Einzelstellung ebenfalls als Regierte erscheinen. Im Zusammenhang mit jener Dreiteilung des Aristoteles, welche sich übrigens auch in den Schriften Ciceros findet, pflegt man als deren Ausschreitungen und zwar als diejenige der Alleinherrschaft die Tyrannis oder Despotie (Willkürherrschaft), als die Ausartung der Aristokratie die Oligarchie, d. h. die Herrschaft einiger besonders reicher oder vornehmer Personen, und als Ausschreitung der D. endlich die Ochlokratie, die Herrschaft der rohen Masse des Pöbels, zu bezeichnen.

Die D. insbesondere ist entweder eine unmittelbare, auch autokratische genannt, oder eine mittelbare, repräsentative. In jener regiert das Volk nicht bloß durch die Männer seiner Wahl, sondern es übt die wichtigsten Rechte der staatlichen Machtvollkommenheit unmittelbar selbst aus, während in dieser das Volk nur indirekt durch die von ihm gewählten Vertreter herrscht. Dabei liegt es aber in der Natur der Sache, daß die unmittelbare D. nur in einem kleinen Staatsgebiet möglich ist, wie sich denn dieselbe heutzutage nur noch in einigen kleinen Schweizer Kantonen findet. Anders im Altertum, welchem unser heutiges Repräsentativsystem, dessen Ausbildung das große Verdienst der englischen Nation ist, völlig fremd war. Die alte Welt kannte nur die unmittelbare D., weshalb die letztere auch von manchen Publizisten und namentlich von Bluntschli die antike, die repräsentative dagegen die moderne D. genannt wird. Wie der spartanische Staat und die altrömische Republik das Muster einer Aristokratie, so war Athen das Muster dieser unmittelbaren oder antiken D. Die Volksbeschlüsse waren hier für das gesamte Staatsleben maßgebend, und die völlige Gleichstellung aller freien Staatsgenossen ging in Athen so weit, daß bei der Wahl der Beamten des Freistaats nicht die persönliche Tüchtigkeit, sondern das blinde Los entschied, und daß man völlig unbescholtene, ja um das Vaterland hochverdiente Männer, deren Übergewicht gefürchtet ward, dem Grundsatz der allgemeinen Gleichheit opferte und durch geheime Abstimmung, den Ostrazismus, verbannte. In dieser völligen Gleichstellung aller Bürger lag aber auch der Keim zu dem Verfall Athens, denn die Erfahrung hat gezeigt, daß die schrankenlose Gleichberechtigung aller leicht zu einem verderblichen Dünkel und zu einer verhängnisvollen Selbstüberhebung und Überschätzung der Massen führt, daß die Herrschaft der vielköpfigen und veränderlichen Menge regelmäßig zu politischen Schwankungen und zur Bildung entgegengesetzter Parteien, schließlich aber zur Gewaltherrschaft einzelner ehrgeiziger Männer, zur Despotie, führt. Daher konnte Polybios es mit Recht als das Naturgesetz der Staaten bezeichnen, daß auf die D. die Despotie folge, und die moderne Geschichte Frankreichs zeigt uns, daß dieser Satz nicht bloß für das Altertum zutreffend war. Für die repräsentative D., wie sie uns gegenwärtig in den meisten Schweizer Kantonen und nun auch in Frankreich, vor allem aber in den Vereinigten Staaten Nordamerikas entgegen-

Anmerkung: Fortgesetzt auf Seite 667.