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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Deutscher Befreiungskrieg

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Deutscher Befreiungskrieg (Vorbereitung).

französische Joch zu brechen. Mit glänzendem Heldenmut erhoben sich die Völker des habsburgischen Kaiserstaats, und die Waffenthaten der Armee waren des höchsten Lobes würdig. Aber der Krieg wurde zu voreilig begonnen und zu langsam geführt. Auch blieb Österreich ohne Bundesgenossen; die Empörungsversuche in Deutschland gegen die Fremdherrschaft blieben vereinzelt und wurden rasch unterdrückt. Und nach dem Mißlingen des Unternehmens fiel Österreich in eine selbstsüchtige und engherzige dynastische Politik zurück.

Preußen hatte es nicht gewagt, an Österreichs Seite am Kampf teilzunehmen, da Rußland sich weigerte, ihm Neutralität, geschweige denn Beistand zu versprechen. Der Staat Friedrichs d. Gr. schien sich nicht wieder erheben zu können, und die Rheinbundsfürsten hörten nicht auf, Pläne zu seiner völligen Teilung zu schmieden. Dennoch sollte es dieser Staat sein, von dem die Befreiung und die Wiedergeburt Deutschlands ausgingen. Die furchtbare Katastrophe von 1806 hatte die Notwendigkeit von Reformen allen, auch dem König, gezeigt. Dieselben mußten sich erstens auf eine gründliche Reorganisation der Armee, dann auf die Aufhebung des Unterschieds der Stände, besonders auf die Befreiung des Bauernstandes, endlich auf die Beteiligung aller Staatsbürger an der Verwaltung des Staats und der Gemeinde richten. Die Reorganisation der Armee führte Scharnhorst durch. Die politischen Reformen leitete der Freiherr Karl vom Stein, der nach dem Tilsiter Frieden von dem König an die Spitze der Regierung gestellt worden war. Das schon 9. Okt. 1807 bekannt gemachte Edikt "über den erleichterten Besitz und freien Gebrauch des Grundeigentums" hob den Unterschied der Stände in Bezug auf den Grundbesitz auf und befreite namentlich den Bauernstand von einer Menge Lasten und Schranken; die Städteordnung vom 19. Nov. 1808 gab den städtischen Gemeinwesen die freie Verwaltung ihrer Angelegenheiten durch selbstgewählte Behörden zurück. Kreis- und Gemeindeverfassung sollten nach Steins Ideen die Grundlage der Provinzialstände bilden, und diese Selbstverwaltung sollte nicht bloß die Last der büreaukratischen Verwaltung erleichtern, sondern auch die Gefühle für Vaterland, Selbständigkeit und Nationalehre wieder beleben. Und wie der Ministerrat an der Spitze der Regierung stand, so sollte das gesamte Volk durch die Reichsstände vertreten werden, welche ausgedehnte Befugnisse der Gesetzgebung, Steuerbewilligung etc. erhalten sollten. Die vollständige Durchführung dieser Pläne wurde freilich durch Steins Entlassung vereitelt (November 1808), und das nun folgende Ministerium Altenstein war seiner Aufgabe, Steins Werk zu vollenden, durchaus nicht gewachsen. Die Adelspartei strengte allen ihren Einfluß an, die verhaßten Reformen, von denen sie den Untergang des Staats erwartete, rückgängig zu machen oder wenigstens zu sistieren. In der auswärtigen Politik verfiel man wieder in den alten Fehler unentschlossenen Schwankens. Endlich sah der König selbst ein, daß der Weg, den Stein vorgezeichnet, mit Energie eingeschlagen werden müsse, und berief 1810 Hardenberg als Staatskanzler an die Spitze der Regierung. Hardenberg ordnete vor allem das wieder in Unordnung geratene Finanzwesen, indem er alle Steuerbefreiungen aufhob, eine neue Verbrauchs- und Luxussteuer einführte und die Klostergüter einzog, um die Verpflichtungen gegen Frankreich erfüllen zu können. Die neue Gewerbeordnung vom 2. Nov. 1810 beseitigte mit Einem Schlag das alte Zunft- und Innungswesen, und auch die Lage der Bauern wurde durch mehrere Edikte verbessert, die ihre Pflichten verringerten und ihnen die Ablösung aller Dienste und Abgaben erlaubten. Das Edikt vom 14. Dez. 1811 endlich ermöglichte die Bildung zahlreicher freier Bauerngüter. Die Reichsverfassung rief Hardenberg indes nicht ins Leben, weil er in derselben das Übergewicht der Adelspartei und heftigen Widerstand gegen seine Reformen fürchtete.

Neben dieser Reorganisation des Staatswesens ging nun auch eine Umwandlung der Geister her. Die edelsten Patrioten bemühten sich, sittlichen Ernst, Vaterlandsliebe, uneigennütziges geistiges Streben im Volk, namentlich in der Jugend, zu wecken; so Fichte 1807 bis 1808 durch seine "Reden an die deutsche Nation", Schleiermacher durch seine Predigten, Arndt durch seine leidenschaftlich patriotischen Schriften. In Königsberg bildete sich der "Tugendbund", dem die angesehensten Staatsbeamten angehörten. Die Stiftung der Universitäten Berlin und Breslau hatte den Zweck und auch bald den Erfolg, die Jugend auf die idealen Güter des Lebens hinzuweisen und den geistigen Aufschwung der Nation zu befördern. Der Tod der Königin Luise (1810) nahm dem König freilich den letzten Rest von Selbstvertrauen. Er verhielt sich so ablehnend gegen die Pläne zu einer Erhebung Preußens, daß leidenschaftliche Patrioten, wie Gneisenau, in ihrer Ungeduld damals ernstlich den Gedanken erwogen, ob man nicht die Hohenzollern beiseite lassen und die englischen Welfen an die Spitze Norddeutschlands stellen solle. Die Verzögerung der Befreiung machte anderseits den niedern Schichten des Volkes die Notwendigkeit selbst der äußersten Opfer für Erreichung dieses Ziels klar; der neue Vertrag mit Frankreich im September 1808 verminderte nur die Kriegslasten, beseitigte sie nicht ganz; um wenigstens den Staatsbankrott abzuwenden, mußte die preußische Regierung die Steuern erhöhen, und dabei lähmten die stets drohende Kriegsgefahr und namentlich die Kontinentalsperre jeden Aufschwung der Gewerbe und des Handels. Das Übermaß von Demütigungen ward Preußen durch den Vertrag vom 24. Febr. 1812 auferlegt, der es zur Stellung eines Hilfskorps von 20,000 Mann im Kriege gegen Rußland sowie zu großen Naturallieferungen für die durchziehende "große Armee" verpflichtete.

Aber die Katastrophe dieser Armee brachte auch endlich die Rettung, allerdings wieder ohne, ja gegen den Willen Friedrich Wilhelms, der inmitten der Franzosen zu Potsdam keinen Entschluß zu fassen wagte. General York war es, der den entscheidenden Schritt that. Als Befehlshaber des trotz tapferer Kämpfe noch ziemlich intakten preußischen Hilfskorps wäre er im stande gewesen, Ost- und Westpreußen vor den Russen zu schützen und den Franzosen den Rückzug zu decken sowie Zeit zu neuen Rüstungen und Verstärkungen zu geben. Indem er nun aber auf eigne Verantwortung durch die Konvention von Tauroggen (30. Dez. 1812) von den Franzosen abfiel und sein Korps einstweilen eine neutrale Stellung einnehmen ließ, zwang er diese, bis an die Elbe zurückzuweichen. Er rückte nun in Preußen ein und organisierte im Verein mit den Präsidenten Auerswald und Schön die Volkserhebung in dieser Provinz. Der Landtag, der 5. Febr. 1813 in Königsberg zusammentrat, unterstützte York mit der großartigsten Opferbereitschaft. Die arme, ausgesogene Provinz verpflegte und ergänzte nicht nur bis zum Frühjahr das Yorksche Korps, sondern brachte auch nach wenigen Wochen ein Heer von 33,000 Mann auf. Inzwischen trat