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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Deutscher Befreiungskrieg

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Deutscher Befreiungskrieg (Pariser Friede).

Korps von Bennigsen verstärkt, 18. Okt. die Franzosen zum zweitenmal an. Diese hatten sich, jetzt um 100,000 Mann schwächer als der Feind, rings um Leipzig aufgestellt; das Zentrum bildete das Dorf Probstheida. Hier befehligte Napoleon selbst, und wiederum gelang es, die Angriffe der böhmischen Armee zurückzuschlagen. Dagegen errangen im Norden von Leipzig die schlesische und die Nordarmee einen entschiedenen Sieg und drangen bis zu den Thoren von Leipzig vor. In der Nacht vom 18. auf den 19. Okt. trat Napoleon den Rückzug an. Als Bülow am Mittag des 19. Okt. die Stadt erstürmte, waren nur noch 20,000 Franzosen in derselben außer den Verwundeten und Kranken.

Die Preußen drängten nun zu einer energischen Verfolgung, indes die Österreicher wußten dies zu verhindern: Napoleon gelangte noch mit 80,000 Mann an den Main, zersprengte 30. und 31. Okt. bei Hanau das österreichisch-bayrische Heer unter Wrede, welches ihm den Weg verlegen wollte, und überschritt 1. Nov. den Rhein. Der Typhus raffte zwar den größten Teil dieser Armee dahin, und Napoleon schien wehrlos. Wiederum aber ließen ihm die Alliierten Zeit zu neuen Rüstungen, indem auf Metternichs Betrieb im November zu Frankfurt ein Friedenskongreß eröffnet wurde. Man wollte Frankreich die Rheingrenze lassen, aber damit war Napoleon nicht zufrieden. Auch diesmal rettete allein seine Halsstarrigkeit Deutschland und Europa vor einem faulen Frieden. Der Einmarsch in Frankreich wurde beschlossen, in drei Heersäulen fand er Anfang Januar 1814 statt. Die Hauptarmee, durch die Truppen der Rheinbundstaaten verstärkt, überschritt den Rhein bei Basel und nahm als Basis ihrer Operationen das Plateau von Langres. Die schlesische Armee ging in der Silvesternacht über den Mittelrhein bei Kaub und drang in die Champagne ein. Die Nordarmee unter Bülow (Bernadotte führte den Krieg gegen Dänemark) sollte nach Befreiung der Niederlande durch Belgien in den Norden Frankreichs eindringen.

Blücher war schon Ende Januar an der Aube. Hier griff ihn Napoleon 29. Jan. bei Brienne an, wurde aber 1. Febr. 1814, nachdem sich Blücher durch einen Teil der Hauptarmee verstärkt hatte, bei La Rothière entscheidend geschlagen. Schwarzenberg weigerte sich, diesen Sieg durch den Vormarsch auf Paris auszunutzen. Blücher wollte nun diesen allein unternehmen, weil er den Gegner vernichtet glaubte, wurde aber beim Marsch von Napoleon, der jetzt sein Feldherrngenie aufs glänzendste bewährte, überfallen, und seine Korps erlitten in den Einzeltreffen von Chamypeaubert ^[richtig: Champaubert], Montmirail und Château-Thierr-Mitte ^[richtig: Château-Thierr Mitte] Februar empfindliche Verluste und mußten sich auf das rechte Marneufer zurückziehen. Die Vorhut der Hauptarmee trieb Napoleon bei Montereau zurück. Aber Blücher vereinigte sich mit Bülow, auch die Hauptarmee rückte vor, und ein Angriff Napoleons auf jene bei Laon wurde 9. März zurückgeschlagen, der auf die Hauptarmee bei Arcis sur Aube 20. März. Der Kaiser beschloß jetzt, nach Osten zu marschieren und den Krieg wieder nach dem Rhein zu spielen, wo er noch viele Festungen innehatte; aber die Verbündeten folgten ihm nicht, sondern marschierten direkt nach Paris. Marmont und Mortier versuchten die Stadt zu verteidigen; indes die Preußen und Russen erstürmten die Höhen im Norden und Osten 30. März, und am Abend kapitulierten die Franzosen. Am 31. März fand der feierliche Einzug des Kaisers Alexander und des Königs Friedrich Wilhelm in Paris statt.

Auf die Kunde von dem Marsch der Alliierten war Napoleon umgekehrt, in Fontainebleau erfuhr er die Einnahme von Paris. Er wollte noch den Kampf an der Loire fortsetzen, indes die Marschälle verweigerten den Gehorsam. Der Senat setzte die Bonapartesche Dynastie ab, und der gestürzte Eroberer mußte sich nach der Insel Elba zurückziehen. In Frankreich ward Ludwig XVIII. als König eingesetzt, mit dem die Mächte 30. Mai 1814 den ersten Pariser Frieden schlossen; dieser ließ Frankreich die Grenzen von 1792, es brauchte keine Kriegskosten zu zahlen und behielt sogar die geraubten Kunstschätze.

Doch nur die französischen Verhältnisse berührte dieser Vertrag. Die Verhältnisse Europas sollten auf einem Kongreß geordnet werden, der sich 1. Nov. 1814 in Wien versammelte. Die meisten Schwierigkeiten machten hier die Neugestaltung Deutschlands und die Entschädigung Preußens. Letzterm war im Vertrag zu Teplitz 9. Sept. 1813 auch von Österreich die Wiederaufrichtung im Umfang von 1805 zugesichert worden. Es verlangte nun vor allem Sachsen, dessen König kriegsgefangen war. Indes Metternich gönnte Preußen diese Machterweiterung nicht und wußte England und Frankreich für sich zu gewinnen. Rußland stand auf Preußens Seite, und im Januar 1815 waren die Verhältnisse so gespannt, daß ein neuer Krieg drohte. Indes im Februar einigte man sich: Preußen erhielt die Hälfte von Sachsen, und seine westlichen Lande wurden zu den Provinzen Westfalen und Rheinland abgerundet; von Polen erhielt es bloß Posen, das übrige erhielt Rußland. Die Regelung der deutschen Verhältnisse hatte Metternich erschwert durch die Verträge mit den Rheinbundstaaten, welche denselben ihren Besitzstand und ihre volle Souveränität garantierten. Von der Erfüllung der Kalischer Proklamation war keine Rede mehr. Nur der Rheinbund sollte aufgelöst werden und ebenso das Königreich Westfalen. Von der Errichtung eines einigen Deutschen Reichs wollte Metternich nichts wissen. Natürlich widersetzten sich auch Bayern, Württemberg u. a. jeder Beschränkung ihrer Souveränität, Preußen widerstrebte der Wiederherstellung der Kaiserwürde im Haus Österreich, und man war noch über nichts übereingekommen, als Deutschland zu einem neuen Krieg aufgeboten wurde.

Die rücksichtslose Reaktion, welche die Bourbonen und die Emigranten nach ihrer Rückkehr in Frankreich versuchten, und welche dem Volk auch seine teuersten Errungenschaften zu entreißen und die Vermögensverhältnisse zu zerrütten drohte, machte das wiederhergestellte Königtum bald so unpopulär, daß Napoleon es wagen konnte, Elba zu verlassen und 1. März bei Cannes in Südfrankreich zu landen. Die gegen ihn geschickten Truppen unter Ney gingen zu ihm über, und 20. März hielt er seinen Einzug in Paris, von wo Ludwig XVIII. mit seinem Hof eiligst geflohen war. Er gab nun Frankreich eine freisinnige Verfassung und erklärte vor Europa seine Friedensliebe. Aber der Haß und die Furcht waren bei den Völkern und Fürsten Europas noch zu stark. Der Wiener Kongreß erklärte Napoleon als Feind und Störer der Ruhe der Welt in die Acht. Die Mächte erneuerten ihr Bündnis und beschlossen sofort den Angriffskrieg gegen Frankreich. Preußen und England waren die ersten, die mit ihren Kriegsrüstungen bereit waren. 115,000 Preußen unter Blücher und 100,000 Engländer, Niederländer und Deutsche unter Wellington rückten in Belgien ein. Gegen sie zog Mitte Juni Napoleon mit 130,000 Mann. Er fiel zuerst über Blücher her und griff ihn 16. Juni bei Ligny an, wäh-^[folgende Seite]