Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

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Deutsch-französischer Krieg von 1870/71.

Im Lager von Châlons war nämlich zu dem 1., 5. und 7. französischen Korps, die von der Ostgrenze dahin zurückgegangen waren und rasch reorganisiert wurden, ein neugebildetes 12. Korps gestoßen. Die Armee zählte wieder 130,000 Mann. Den Oberbefehl erhielt Mac Mahon. Napoleon war zwar schon 15. Aug. nach Mourmelon gekommen, hatte aber weder den Oberbefehl über das neugebildete Heer übernommen, noch seine Reise nach Paris fortgesetzt. Die dortige Regentschaft wünschte seine Rückkehr nicht, weil sie einen Aufstand des entrüsteten Volkes gegen den besiegten Imperator fürchtete. Ja, sie hielt für die Erhaltung der Dynastie auf dem Thron einen Sieg für so notwendig, daß sie diese letzte kaiserliche Armee aufs Spiel zu setzen kein Bedenken trug und auch ein neues Korps, das 13., von Paris derselben zuwies. Der Kriegsminister Palikao erteilte nämlich Mac Mahon den Befehl, durch einen Marsch in der rechten Flanke der vorrückenden deutschen Armeen etwa bei Diedenhofen eine Vereinigung mit Bazaine, der gleichzeitig aus Metz herausbrechen werde, zu bewerkstelligen. So gewagt, ja verzweifelt das Unternehmen war, welches überdies im Fall des Mißlingens Paris bloßstellte, so gehorchte doch Mac Mahon, und auch der Kaiser erhob keinen Protest dagegen. Am 21. Aug. brach die Armee aus dem Lager auf, um über Reims, Rethel und Montmédy nach Diedenhofen zu marschieren. Aber teils Mangel an Vertrauen in die Zweckmäßigkeit und den Erfolg des Unternehmens, teils die Schwierigkeit der Verpflegung bewirkten, daß der kühne Marsch, der nur bei höchster Entschlossenheit und Raschheit gelingen konnte, wiederholt stockte und kostbare Zeit versäumt wurde. Bereits 27. Aug. wurden die Franzosen von der Kavallerie des Kronprinzen bei Buzancy erreicht. König Wilhelm befahl nun, daß die Maasarmee und zwei von Metz herangezogene Korps dem Feinde den Weg nach Metz verlegen, die dritte Armee aber ihn im Westen umfassen und nach der belgischen Grenze drängen sollte. Diese Operationen wurden pünktlich und sicher ausgeführt, 30. Aug. das 5. Korps der Franzosen bei Beaumont eingeholt und zersprengt und Mac Mahon, ehe er sich nach Mézières retten oder über die belgische Grenze gehen konnte, 1. Sept. bei Sedan zur Schlacht gezwungen. Nachdem die französische Armee im Norden der Festung völlig umzingelt worden, war weiterer Widerstand nutzlos; am 2. Sept. mußte General Wimpffen, des verwundeten Mac Mahon Nachfolger, die Kapitulation von Sedan unterzeichnen, durch welche, außer den 21,000 in der Schlacht gefangen genommenen, 83,000 Franzosen, darunter 2866 Offiziere, in deutsche Kriegsgefangenschaft gerieten. Nur das 13. Korps entkam den Deutschen und rettete sich nach Paris. Der Versuch, den Bazaine 31. Aug. machte, die deutsche Zernierungslinie vor Metz auf dem rechten Moselufer zu durchbrechen, wurde in der zweitägigen Schlacht von Noisseville zurückgewiesen. Die eine französische Armee war also in Metz eingeschlossen, die andre kriegsgefangen, das stolze Heer des Kaiserreichs vernichtet.

Kaiser Napoleon hatte sich schon 1. Sept. dem König Wilhelm als Kriegsgefangener ergeben. In persönlichen Unterredungen mit Bismarck und dem König machte er nur den Versuch, das Schicksal der Armee von Sedan zu mildern, lehnte aber Friedensverhandlungen ab. Wenn er auch den Mut gehabt hätte, die Konsequenzen der Niederlage auf sich zu nehmen, so würde er gar nicht die Macht besessen haben, den Frieden durchzuführen. Denn sofort, nachdem die Kunde von der "Schmach von Sedan" nach Paris gelangte, stürzte das Kaiserreich unter der allgemeinen Entrüstung und Verachtung zusammen, ohne daß irgend jemand den Versuch gemacht hätte, es zu halten. Kaiserin Eugenie flüchtete nach England, wohin ihr der kaiserliche Prinz folgte, während Napoleon das Schloß Wilhelmshöhe bei Kassel als Aufenthaltsort angewiesen erhielt. Der Senat und der Gesetzgebende Körper lösten sich auf, und die Deputierten von Paris ergriffen als "provisorische Regierung der Nationalverteidigung" unter dem Vorsitz des Gouverneurs von Paris, General Trochu, Besitz von der obersten Gewalt.

In Deutschland und auch im Ausland glaubte man, daß mit dem Sturz des Kaiserreichs auch der Krieg zu Ende sein und die Franzosen Frieden schließen würden. Diese dagegen meinten, da der Urheber des Kriegs beseitigt sei, würden die Deutschen befriedigt in ihre Heimat zurückkehren, und wären allenfalls geneigt gewesen, ihnen die Kriegskosten zu vergüten. Sie rechneten hierbei auch auf die Unterstützung der Mächte, welche Thiers auf einer Rundreise an den Höfen, freilich vergebens, anrief. Das naive Ansinnen, Deutschland möge nun mit dem Krieg aufhören und Frankreich räumen, sprach der neue Minister des Auswärtigen, J. ^[Jules] Favre, auch offen in einem Rundschreiben aus, indem er die prahlerische Phrase hinzufügte, Frankreich werde keinen Zoll seines Gebiets, keinen Stein seiner Festungen abtreten. Bismarck beantwortete diese Herausforderung 16. Sept. mit der Erklärung an die Mächte, daß Deutschland Elsaß und Lothringen mit Metz und Straßburg als Bürgschaften gegen die Rachsucht und die Eroberungslust der Franzosen verlange, und lehnte auch die Bewilligung eines Waffenstillstandes, den Favre in einer persönlichen Zusammenkunft mit dem Bundeskanzler in Ferrières forderte, ohne genügende Garantien ab. Die Fortsetzung des Kriegs war für Deutschland um so mehr eine Notwendigkeit, als die neue französische Regierung die allgemeine Volksbewaffnung proklamierte und, statt zum Frieden zu mahnen, die nationalen Leidenschaften zum Krieg bis aufs Messer anstachelte. Deutscherseits erkannte man, daß die Einnahme von Paris und die gleichzeitig möglichst ausgedehnte Besetzung des feindlichen Landes die Franzosen allein zum Frieden zwingen würden, und die deutschen Korps setzten sich daher von Sedan sofort gegen die Hauptstadt in Bewegung, in welcher allerdings an Liniengruppen, Mobil- und Nationalgarden gegen 400,000 Mann versammelt waren, indes noch ein solches Chaos herrschte, daß 19. Sept. die deutsche Armee ohne alle Schwierigkeiten die Einschließung von Paris vollenden konnte. Da zu einer Beschießung kein schweres Geschütz zur Stelle, zu einem gewaltsamen Angriff die Zernierungsarmee (ca. 130,000 Mann) viel zu schwach war, so war man deutscherseits genötigt, sich auf Einschließung und Aushungerung der Stadt zu beschränken, die aber über Erwarten spät zum Ziel führte, da es den Franzosen gelungen war, die Hauptstadt noch rechtzeitig in wirklich großartiger Weise zu verproviantieren. Daneben wurde durch energische Belagerung der Festungen im östlichen Frankreich der Rücken gedeckt und die Verbindung mit Deutschland gesichert. Am 23. Sept. fiel Toul, wodurch die Armee vor Paris eine Bahnverbindung mit dem Rhein erhielt, am 27. ward Straßburg nach regelrechter Beschießung zur Kapitulation gezwungen, die Einnahme der übrigen elsässischen Plätze vorbereitet und ein neues 14. Korps unter General Werder gebildet, welches sich des Saône- und Seinegebiets bemächtigen sollte.