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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Deutsch-französischer Krieg von 1870/71

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Deutsch-französischer Krieg von 1870/71.

dieselbe zu erstürmen, ward 15.-17. Jan. von den deutschen Truppen abgeschlagen, während Manteuffel mit der neugebildeten Südarmee (2. und 7. Korps), unbelästigt von Garibaldi, die Côte d'Or überschritt und sich in den Rücken des Bourbakischen Heers warf. Als dies den Rückzug nach Lyon antreten wollte, fand es den nächsten Weg versperrt, ward bei seinem Marsch durch die Thäler des Jura von Manteuffel ereilt und 1. Febr. bei Pontarlier gezwungen, 80,000 Mann stark auf schweizerisches Gebiet überzutreten.

Waffenstillstand und Friedensverhandlungen.

Da nun in Paris die Lebensmittel trotz größter Vorsicht gänzlich auszugehen drohten, mußte sich die Regierung zu Verhandlungen entschließen. Nach mehrtägigen Unterhandlungen zwischen Bismarck und Jules Favre in Versailles wurde 28. Jan. eine Konvention abgeschlossen, in welcher ein Waffenstillstand auf 21 Tage und zugleich die Übergabe sämtlicher Forts um Paris von Favre zugestanden wurden. Während des Waffenstillstandes sollte eine Demarkationslinie die Truppen trennen, und es sollte eine französische Nationalversammlung berufen werden, welche an Stelle der bestehenden Regierung der Nationalverteidigung einen Entschluß über die Kriegs- oder Friedensfrage zu fassen hätte. Ausgenommen vom Waffenstillstand waren die Departements Doubs, Côte d'Or und Jura, wo die Feindseligkeiten vorläufig fortdauern sollten, weshalb Belfort erst 16. Febr. 1871 bei Erneuerung des Waffenstillstandes auf Befehl der französischen Regierung von dem Verteidiger, Oberst Denfert, übergeben wurde. Als Gambetta den Waffenstillstand nur zur Verstärkung der Armeen und zur Beherrschung der Wahlen im Sinn eines Kriegs bis zum Äußersten benutzen wollte, ward er von der provisorischen Regierung genötigt, seine Entlassung zu nehmen. Allerdings hatten Chanzy und Faidherbe noch an Zahl beträchtliche Truppenmassen zur Verfügung. Dieselben konnten aber nicht darauf rechnen, gegen das deutsche Heer etwas auszurichten, welches in einer Stärke von 900,000 Mann einen großen Teil Frankreichs besetzt hielt, die meisten Festungen im Osten und Norden erobert hatte und im Besitz hinreichender Verkehrslinien war. Die Sehnsucht nach dem Ende des aussichtslosen blutigen Kriegs und nach Frieden war daher in Frankreich allgemein und machte sich auch bei den Wahlen zur Nationalversammlung 8. Febr. sehr geltend. Die Mehrheit derselben war zum Frieden entschlossen.

Die 12. Febr. zu Bordeaux eröffnete Nationalversammlung ernannte 17. Febr. Thiers zum Chef der Exekutivgewalt der französischen Republik und beauftragte ihn mit Eröffnung der Friedensunterhandlungen. Dieser begab sich 21. Febr. nebst den Ministern Favre und Picard und einer von der Nationalversammlung gewählten diplomatischen Kommission von 15 Mitgliedern in das deutsche Hauptquartier zu Versailles, um die Unterhandlungen anzuknüpfen. Von der deutschen Regierung wurde die Abtretung von Elsaß-Lothringen mit Straßburg, Metz und Belfort u. eine Kriegskontribution von 6 Milliarden Frank verlangt. Die französischen Unterhändler brachten die Geldforderung auf 5 Milliarden herab, bis zu deren Abzahlung französisches Territorium besetzt bleiben sollte, und setzten durch, daß die Festung Belfort bei Frankreich verblieb. Die auswärtigen Mächte, besonders England, hätten sich gern in die Verhandlungen zu gunsten Frankreichs eingemischt; indes der Reichskanzler bestand darauf, daß Deutschland, das den Krieg allein ausgefochten, auch allein den Frieden schließe. So wurde 26. Febr. der Präliminarfriede von Versailles unterzeichnet und, um die Genehmigung desselben durch die Nationalversammlung zu beschleunigen, deutscherseits die Besetzung eines Teils von Paris bis zur Genehmigung angeordnet. Dieselbe erfolgte 1. März mit 546 gegen 107 Stimmen. Am 28. März wurde die Konferenz zum definitiven Abschluß des Friedens in Brüssel eröffnet. Da aber dort die französischen Diplomaten unerwartete Schwierigkeiten machten, stockten die Unterhandlungen längere Zeit, bis die deutsche Regierung entschieden den Abschluß forderte. Darauf wurde 6. Mai der Kongreß nach Frankfurt verlegt, und hier kam 10. Mai im Gasthof zum Schwan der Frankfurter Friede zu stande, den von deutscher Seite Bismarck und Graf Arnim, von französischer Jules Favre, Pouyer-Quertier und Goulard unterzeichneten. Er lautete, abgesehen von einigen Bestimmungen der Zahlung und der Okkupation, wie die Präliminarien. So endigte nach einer Dauer von 180 Tagen dieser Krieg, in welchem 15 größere Schlachten und weit über 100 Gefechte, fast alle für die Deutschen siegreich, geschlagen, 370,000 Franzosen nebst 12,000 Offizieren gefangen nach Deutschland abgeführt, gegen 7400 Geschütze und 107 Fahnen von den Deutschen erbeutet wurden; im ganzen hatten 26,000 Offiziere und 702,000 Mann des französischen Heers die Waffen strecken müssen. Die französischen Verluste beliefen sich auf 80,000 Tote und 14 Milliarden an Kriegskosten. Der deutsche Gesamtverlust betrug 6247 Offiziere und Ärzte und 123,453 Mann, darunter ca. 40,080 Tote. Insgesamt wurden von deutscher Seite 44,420 Offiziere und 1,451,944 Mann unter Waffen gestellt, davon 33,101 Offiziere und 1,113,254 Mann zum Krieg verwendet. Der Gewinn des Kriegs war nicht bloß die Wiedergewinnung von Elsaß-Lothringen und der Festungen Straßburg und Metz, sondern auch die Gründung eines Deutschen Reichs, welch letzteres schon während des Kriegs 18. Jan. 1871 in Versailles errichtet wurde.

[Litteratur.] Deutsche Werke: Das offizielle Werk "Der deutsch-französische Krieg 1870/71, redigiert von der kriegsgeschichtlichen Abteilung des Großen Generalstabs" (Berl. 1872-82, 5 Bde.). Auf offizielle Aktenstücke basiert sind: Blume, Die Operationen der deutschen Heere von der Schlacht bei Sedan bis zum Ende des Kriegs (3. Aufl., Berl. 1872); v. Wartensleben, Die Operationen der Südarmee im Januar und Februar 1871 (2. Aufl., das. 1872); Derselbe, Die Operationen der Nordarmee unter General v. Manteuffel (das. 1872); v. Schell, Die erste Armee unter General v. Steinmetz (das. 1872); Derselbe, Die Operationen der Nordarmee unter General v. Goeben (das. 1873); v. d. Goltz, Die Operationen der zweiten Armee von Beginn des Kriegs bis zur Kapitulation von Metz (das. 1873); Derselbe, Die Operationen der zweiten Armee an der Loire (das. 1875); Löhlein, Die Operationen des Korps des Generals v. Werder (das. 1874). Außerdem sind als vollständige Darstellungen des Kriegs hervorzuheben: Niemann, Der französische Feldzug 1870/71 (mit vielen Karten, Hildburgh. 1871); Borbstädt, Der deutsch-französische Krieg 1870 (Berl. 1871); Junck, Geschichte des deutsch-französischen Kriegs (das. 1876, 2 Bde.); Scherr, 1870-1871. Vier Bücher deutscher Geschichte (2. Aufl., Leipz. 1880, 2 Bde.). Populäre, illustrierte Darstellungen lieferten: H. Fechner (3. Aufl., Berl. 1871), G. Hiltl (3. Aufl., Bielef. 1876), Th. Fontane (Berl. 1873-76, 2 Bde.). - Französische Werke: die "Enquête parlementaire"; General d'Aurelle de Paladines, La première