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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Deutschland

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Deutschland (chemische Industrie; Industrie in Papier, Leder, Stroh).

öfen gebraucht, am Harz, im Erzgebirge, Thüringer Wald etc.; Schwerspat in den Regierungsbezirken Wiesbaden und Kassel. Bau- und Werksteine gibt es fast überall, in der nördlichen Ebene werden die erratischen Blöcke dazu verwendet. Die Sandsteine der Sächsischen Schweiz, des Sollinger Waldes, des Wesergebirges etc. werden als vortreffliches Baumaterial weithin befördert, ebenso der Tuffstein der Eifel und der Trachyt des Siebengebirges. Die Granite des Riesen- und Fichtelgebirges liefern Platten und Pflastersteine, treffliche Pflastersteine auch der Basalt in Mitteldeutschland. Münchens Prachtbauten haben zur Aufschließung vieler schöner Marmorlager am Alpenrand geführt, selbst zur Bearbeitung des deutschen Statuenmarmors, der auch in den mitteldeutschen Gebirgen nicht fehlt. Zu größern Kunstsachen verwendet man auch den Serpentin aus Sachsen und Schlesien, den Alabaster, den feinsten und reinsten Gips, in Thüringen; ebenda werden auch Milliarden von Steinmärbeln verfertigt und mit den Sonneberger Spielwaren ausgeführt. Die lithographischen Steine von Solnhofen an der Altmühl im Fränkischen Jura sind weltberühmt. Wetzsteine werden im Thüringer Wald, in den Alpen etc. gebrochen. Die ausgezeichnetsten Lager von Dachschiefer in Europa trifft man im Thüringer Wald bei Lehesten und Gräfenthal an, woselbst jährlich Dachschiefer im Wert von mehr als 2 Mill. Mk. gebrochen werden; daselbst gibt es auch Lager von Tafel- und Griffelschiefer, die das Material zur Anfertigung der weitverbreiteten, von Sonneberg ausgeführten Schiefertafeln und Griffel liefern. Sonst findet sich Dachschiefer noch im Erzgebirge, Oberharz und in mehreren vorzüglichen Lagern im Schiefergebirge in Westfalen und der Rheinprovinz. Mühlsteine werden mehrfach gebrochen, ganz besonders aus der Lava zu Niedermendig auf der Eifel.

Von Edelsteinen finden sich in D. nur untergeordnete Arten, der Topas im Königreich Sachsen, der Chrysopras in Schlesien, der Achat an der Nahe bei Oberstein und Idar, der nebst fremdem eingeführten im oldenburgischen Fürstentum Birkenfeld eine eigne Industrie geschaffen hat; der Bergkristall in Schlesien, Sachsen, im Harz etc. erscheint in vielen Formen, als Amethyst, Rauchtopas, Chalcedon, Onyx, Karneol, Jaspis etc. Noch ist der Bernstein zu erwähnen, der in einzelnen Stücken in der Norddeutschen Tiefebene in Lehmlagern, Kies etc. an den verschiedensten Orten, ganz besonders aber an der Küste der Ostsee und in ihrer nächsten Nähe, vorkommt und in Ostpreußen in großer Menge durch Baggerung im Kurischen Haff bei Memel, durch Graben im Samland und durch Tauchen und Schöpfen in der See an der sogen. Bernsteinküste von Brüsterort bis Pillau gewonnen wird. Kunstsachen daraus werden in Danzig, Memel und Stolp gefertigt.

Chemische Industrie.

Chemische Fabriken von Wichtigkeit gibt es außer zu Staßfurt und Leopoldshall in Berlin, Pommerenzdorf bei Stettin, Schönebeck an der Elbe, Neusalzwerk in Westfalen, Duisburg, Aachen, Hamburg, Nürnberg, Ludwigshafen, Heilbronn, Stuttgart etc. Schreibkreide kommt aus Rügen; Farberde wird in Thüringen und Franken gefunden. Farbenfabriken gibt es in Thüringen, Bayern (Nürnberg, Schweinfurt, Amberg); wichtig sind die Ultramarinfabriken zu Nürnberg und in der Rheinprovinz und die in neuester Zeit ganz besonders hervortretenden Anilin- und Alizarinfabriken (zu Höchst a. M., Elberfeld, Offenbach, Krefeld, Mannheim etc.). Parfümerien erzeugen vorzüglich Berlin und Frankfurt a. M., wohlriechendes Wasser Köln, vortreffliche Mineralöle und Paraffin, wie schon bemerkt, die Kreise Weißenfels und Aschersleben in der Provinz Sachsen. Zündwaren werden in Hessen, Württemberg, Rheinbayern, den Provinzen Sachsen, Schlesien und Hannover teilweise für den Export hervorgebracht; die Seifen- und Kerzenerzeugung führt uns nach Berlin, Barmen, Köln. Nürnberg hat durch seine Bleistifte, zu deren Anfertigung Graphit aus Sibirien herbeigeschafft wird, einen Weltruf erhalten; Gasbereitungsanstalten findet man jetzt bereits in den meisten mittelgroßen Städten, selbst schon in kleinern Städten, Dörfern und Fabriken; Leimfabriken in den Rheinlanden. Eingeführt wurden 1884 in das deutsche Zollgebiet: Pottasche 22,992, Soda, kalciniert 37,647, roh 66,767, Chilisalpeter 2,006,474, andrer Salpeter 28,872, Salpetersäure 2970, Salzsäure 22,037, Schwefelsäure 71,295, Superphosphate 302,727, Zündwaren und Feuerwerk 8280 Doppelzentner; ausgeführt: Pottasche 84,489, Soda, kalciniert 110,821, roh 46,390, Chilisalpeter 9599, andrer Salpeter 68,395, Salpetersäure 7441, Salzsäure 98,202, Schwefelsäure 161,352, Superphosphate 114,350, Zündwaren und Feuerwerk 39,254 Doppelzentner.

Industrie in Papier, Leder, Stroh etc.

Für die Papierfabrikation bestehen im Reich etwa 1140 Anstalten und 100 kleinere Handpapierfabriken, davon allein 130 Anstalten mit 190 Maschinen in Westfalen und der Rheinprovinz, 92 Anstalten mit 133 Maschinen im Königreich Sachsen, 73 Anstalten mit 84 Maschinen in Bayern etc. Sie ist am bedeutendsten in den Regierungsbezirken Aachen (in den Roerkreisen Düren und Jülich), Arnsberg (zu beiden Seiten der untern Lenne), Liegnitz und im Königreich Sachsen; viele der Fabriken in diesen Gegenden aber liefern nur Stroh- und Packpapiere. In den übrigen Teilen des Reichs sind sie mehr vereinzelt, nicht selten aber groß und durch Leistung ausgezeichnet. Papiertapeten werden vorzugsweise in Rheinpreußen, Unterfranken, Hessen, Berlin und Hamburg erzeugt, Buntpapiere in Aschaffenburg und Mainz, Dachpappen und Preßspäne in den Regierungsbezirken Potsdam und Liegnitz, Papiermachéwaren in Berlin, Sonneberg in Thüringen, Koblenz etc., geschmackvolle Buchbinderwaren in Berlin, Leipzig, Frankfurt a. M., Offenbach, Nürnberg, Koblenz etc. In das deutsche Zollgebiet wurden 1884: 102,234 Doppelzentner Papier aller Art, Papiertapeten und Waren aller Art aus Papier ein-, aus demselben 1,058,980 Doppelzentner ausgeführt. Strohwaren werden vorzüglich im Schwarz- und Wasgenwald, bei Dippoldiswalde (Sachsen), in den Regierungsbezirken Erfurt, Trier und Breslau, in Berlin etc. verfertigt. Die Korbflechterei arbeitet für den Export vornehmlich im bayrischen Regierungsbezirk Oberfranken bei Lichtenfels. Die Hutfabrikation befindet sich seit der Emanzipation von Frankreich in steigender Entwickelung. Für Gummi- und Guttaperchawaren gibt es große Fabriken in Harburg, Berlin etc.

Die Gerberei ist in D. ein altes Gewerbe; bedeutender ist sie im S. und W. als im N. und O. Ausgezeichnete Ledersorten liefern Mainz und Worms in Rheinhessen. Im preußischen Staat ist die Lederbereitung am bedeutendsten in der Rheinprovinz zu Malmedy, in Westfalen im Siegenschen, in Hessen-Nassau zu Eschwege. Auch in Thüringen ist dieser Industriezweig von Wichtigkeit. Feine Lederwaren werden in allen größern Städten angefertigt, jedoch