Schnellsuche:
Info: Zur Zeit wird der Volltextindex aktualisiert. Sie erhalten daher bei Suchen nicht die volle Anzahl an Treffern. Die Aktualisierung dauert typischerweise wenige Minuten.

Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Deutschland

857

Deutschland (Geschichte 1273-1308. Rudolf I., Adolf, Albrecht I.).

entwickelung gerichteten Schwung in den Geistern verdankt D. der Größe und dem Glanz des Staufergeschlechts, dessen Herrschaft durch diese geistige Einwirkung überdauert wurde, und das gerade in dieser idealen Richtung noch jahrhundertelang wirksam fortgelebt hat.

Deutschland unter der Herrschaft verschiedener Kaiserhäuser. 1273-1410.

(Hierzu die "Geschichtskarte von Deutschland II".)

Als im J. 1272 Richard von Cornwallis gestorben und, da Alfons von Kastilien sich nie um D. kümmerte, der deutsche Thron erledigt war, erkannten die Wahlfürsten doch die Notwendigkeit der Neuwahl eines Königs, der D. vor Zersplitterung bewahren, und unter dessen Schutz sie selbst ihre herrschende Stellung befestigen konnten. Auf die Anregung des Burggrafen Friedrich von Nürnberg wählten sie im September 1273 den Grafen Rudolf von Habsburg, einen tapfern, klugen Fürsten aus einem alten, am Oberrhein reichbegüterten, aber im Vergleich zu den Häuptern der deutschen Aristokratie nicht sehr mächtigen Geschlecht. Die Absicht der Wahlfürsten dabei war, daß fortan der König zwar Sicherheit des Rechts und Frieden im Innern des Reichs herstellen und erhalten, nach außen die Rechte seiner Krone wahrnehmen, aber dabei von den Fürsten stets abhängig sein solle. Der König mußte allerdings von vornherein darauf verzichten, die kaiserliche Macht in dem Umfang, wie die Sachsen und Salier sie besessen, die Staufer noch beansprucht hatten, auszuüben. Die Reichsgüter, welche seinen Vorgängern zu Gebote gestanden, waren verloren gegangen, die alten königlichen Rechte des obersten Gerichts, des Heerbannes, der Zölle in den Besitz der Fürsten gekommen, welchen sie nicht mehr streitig gemacht werden konnten, und die Fürstentümer durch die Erweiterung des Erbrechts fast ganz der Verfügung des Königs entzogen. Als materielle Grundlage seiner Herrschergewalt blieb ihm allein sein eigner fürstlicher Besitz, seine Hausmacht. Diese nun durch geschickte Benutzung des Restes kaiserlicher Befugnisse zu vergrößern und so das Ansehen und die Macht der Krone wieder zu erhöhen, war das Streben Rudolfs und seiner Nachfolger. Die Fürsten suchten dieser Gefahr einer Erstarkung der Königsgewalt durch ihre Begründung auf eine große Hausmacht dadurch zu begegnen, daß sie die Vererbung der Krone in Einem Geschlecht nicht aufkommen ließen, sondern kraft ihres unbeschränkten Wahlrechts immer neue Dynastien auf den Thron setzten. Die rücksichtslose Anwendung dieses Wahlrechts, die so weit ausgedehnt wurde, daß sich die Kurfürsten auch das Recht der Absetzung eines Königs zusprachen, und die allzu eigennützige Politik gerade der Dynastien, welche die größte Hausmacht gewannen, haben dann bewirkt, daß das Kaisertum sich im Besitz auch seiner geschmälerten Rechte nicht dauernd befestigen konnte und Deutschlands Staatsverfassung mehr und mehr einen oligarchischen Charakter annahm.

Rudolf I. (1273-91) gab zwar den Gedanken, in Italien einzugreifen und die Kaiserkrone zu erwerben, nie ganz auf; aber er ließ ihn zunächst zurücktreten und verstand sich, um mit dem Papst in gutem Einvernehmen zu bleiben, dazu, die thatsächlichen Verhältnisse in Italien auch rechtlich anzuerkennen. Sein ganzes Augenmerk richtete er auf die Befestigung seiner Stellung in D. selbst. Mit Nachdruck forderte er die seit Friedrichs II. Absetzung (1245) entfremdeten Reichsrechte und Reichsgüter zurück. Davon wurde vor allen König Ottokar von Böhmen betroffen, der nach dem Erlöschen des babenbergischen Herzogshauses (1246) die Lande Österreich, Steiermark, Kärnten und Krain an sich gerissen hatte und in stolzer Zuversicht auf seine Macht dem ohne sein Zuthun gewählten Rudolf die Huldigung verweigerte; noch weniger war er geneigt, Österreich herauszugeben. Mit geringer Heeresmacht (denn an ein Reichsaufgebot war nicht zu denken) zog Rudolf gegen ihn, eroberte mit Hilfe der österreichischen Ritter die babenbergischen Lande und schlug Ottokar 1278 in der Schlacht auf dem Marchfeld, in der der stolze Böhmenkönig selbst fiel. Sein unmündiger Sohn Wenzel ward auf Böhmen und Mähren beschränkt; Österreich, Steiermark und Krain verlieh Rudolf mit Zustimmung der Kurfürsten seinen Söhnen Albrecht und Rudolf, während Kärnten Meinhard von Tirol erhielt. So brachte der Kaiser große, blühende Fürstentümer an sein Geschlecht und begründete eine starke habsburgische Hausmacht. Nun widmete er sich der Herstellung des Landfriedens im südlichen und mittlern D. und schritt mit rühmlicher Strenge gegen die wüsten Raubritter ein, deren mehrere am Galgen endeten, und deren Raubburgen in großer Zahl gebrochen wurden.

Die Erfolge konnten freilich bloß partielle und vorübergehende sein. Nur ein nachhaltiges, ungestörtes Wirken der obersten Reichsgewalt in dieser Richtung hätte geordnete Rechtszustände schaffen können. Gerade dies aber erreichte Rudolf nicht; es gelang ihm nicht, die Kurfürsten noch bei seinen Lebzeiten zur Wahl seines Sohns Albrecht zu vermögen. Diesen erschien die Macht des Hauses Habsburg, zumal in der Hand eines so strengen, energischen Mannes wie Albrecht mit der deutschen Krone vereinigt, schon viel zu groß und für ihre Selbständigkeit gefährlich. Nach Rudolfs Tod wählten die Fürsten daher wieder einen kleinen Grafen, Adolf von Nassau (1292-98), zum König, nachdem sie, besonders Erzbischof Gerhard von Mainz, ihn zu den drückendsten Zugeständnissen in Bezug auf das Zollrecht der rheinischen Fürsten verpflichtet hatten. Als jedoch Adolf sofort nach Erwerbung einer Hausmacht strebte und einen Familienzwist im wettinischen Fürstenhaus in gehässiger Weise benutzte, um von Albrecht dem Unartigen Thüringen und Meißen für 12,000 Mk. Silber zu kaufen, als er, um diese Kaufsumme zu erlangen, sich gegen Hilfsgelder zur Beteiligung am Krieg Englands gegen Frankreich verpflichtete, als ferner sein Versuch, die erkauften Lande zu besetzen, an dem mannhaften Widerstand der Söhne Albrechts, Friedrich und Diezmann, kläglich scheiterte, und als er endlich, um die Städte für sich zu gewinnen, sein bei der Wahl erteiltes Versprechen brach und die Rheinzölle freigab: da schritten die Kurfürsten dazu, Adolf förmlich zu entsetzen und Albrecht von Österreich zu wählen. Adolf fiel im Kampf gegen seinen Gegner bei Göllheim (2. Juli 1298).

Klug, zäh und rücksichtslos in der Wahl seiner Mittel, war der neue König, Albrecht I. (1298-1308), vor allem bemüht, die übermütigen rheinischen Erzbischöfe zu unterdrücken. Er wagte gegen sie einen offenen Kampf, als sie mit Absetzung drohten, und errang den Sieg; er that nun die Rheinzölle wieder ab, um die Städte zu fördern, schirmte den Landfrieden, suchte in den Landständen eine Stütze gegen die Fürstengewalt zu gewinnen, ja er trat mit Papst Bonifacius VIII. in Verbindung, damit derselbe aus päpstlicher Machtvollkommenheit den Kurfürsten das Wahlrecht nehme und die deutsche Krone für erblich erkläre. Indessen Bonifacius VIII. wurde schon 1303 vom französischen König Philipp IV. gestürzt, und seine Nachfolger ge-^[folgende Seite]