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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Deutschland

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Deutschland (Geschichte 1799-1805. Napoleonische Kriege).

und, durch das Verhalten Frankreichs in Rastatt verletzt, auch Österreich und das Deutsche Reich beitraten; doch blieben Preußen und die ihm verbündeten Fürsten derselben fern. Der Krieg der zweiten Koalition verlief anfangs günstig: Italien wurde wiedererobert und Jourdan durch den Sieg des Erzherzogs Karl bei Stockach (25. März 1799) über den Rhein zurückgedrängt. Aber die Eroberung der Schweiz mißlang infolge der Uneinigkeit der österreichischen und russischen Feldherren; verstimmt sagte sich Kaiser Paul von Rußland von der Koalition los; ein Versuch der Engländer, Holland zu erobern, scheiterte, und 1800 sah sich Österreich allein den Streitkräften Frankreichs gegenüber, welche von Bonaparte, seit dem Staatsstreich vom 18. Brumaire Erstem Konsul, allein geleitet wurden. Durch die Schlacht bei Marengo (14. Juni 1800) verlor es Italien wieder; in Süddeutschland trieb Moreau den General Kray vom Rhein zurück und errang 3. Dez. über Erzherzog Johann bei Hohenlinden einen entscheidenden Sieg. Um Wien zu retten, schloß Österreich 25. Dez. den Waffenstillstand von Steier, dem 9. Febr. 1801 der Lüneviller Friede folgte. Dieser bestätigte im wesentlichen den Vertrag von Campo Formio, nur wurde er vom Kaiser auch im Namen des Reichs unterzeichnet. Das ganze linke Rheinufer, 60,000 qkm mit 3,5 Mill. Einw., wurde von D. abgetreten, und nicht bloß die deutschen Fürsten, welche auf dem linken Rheinufer Besitzungen gehabt, wurden durch säkularisiertes und mediatisiertes deutsches Gebiet entschädigt, sondern auch fremde depossedierte Fürsten, wie der Erbstatthalter der Niederlande, die Herzöge von Modena und Toscana.

Zur Regelung der Entschädigung setzte der Regensburger Reichstag eine Reichsdeputation ein, welche aus Mainz, Böhmen, Sachsen, Brandenburg, Pfalz-Bayern, Württemberg, Hessen-Kassel und dem Hoch- und Deutschmeister bestand. Diese verhandelte das ganze Jahr 1802 hindurch. Die maßgebende Entscheidung lag aber bei Frankreich und Rußland, welche im Oktober 1801 dahin übereingekommen waren, Österreichs und Preußens Eifersucht so auszubeuten, daß keins von beiden viel gewinne, dagegen die südwestdeutschen Staaten, Bayern, Württemberg, Hessen und Baden, als Kern einer dritten Staatengruppe und mit Rußland durch verwandtschaftliche Bande verknüpft, vorzugsweise zu begünstigen. Ihr Vorschlag ward auch 1803 von der Reichsdeputation im wesentlichen angenommen und 25. Febr. 1803 der Reichsdeputationshauptschluß vom Reichstag bestätigt. Derselbe säkularisierte alle geistlichen Fürstentümer und Stifter. Die Depossedierten behielten ihr geistliches Amt und eine Dotation. Bloß der Hoch- und Deutschmeister und der Kurerzkanzler blieben als Reichsstände bestehen; nur verlor der letztere das Kurfürstentum Mainz und erhielt Regensburg nebst Wetzlar und Aschaffenburg und die Würde eines Primas von D. Alle deutschen Reichsstädte wurden mediatisiert, mit Ausnahme von sechs: Bremen, Lübeck, Hamburg, Frankfurt, Nürnberg und Augsburg. Das gewonnene Gebiet war so bedeutend, daß die Entschädigung reichlicher ausfiel als der Verlust, zumal nur die größern Fürsten berücksichtigt wurden. Österreich bekam die Bistümer Trient und Brixen und für den Großherzog von Toscana Salzburg, wogegen es den Breisgau nebst der Ortenau an den Herzog von Modena abtrat; Preußen die Stifter Hildesheim, Paderborn, den größten Teil von Münster, Erfurt und das Eichsfeld, die Abteien Essen, Werden und Quedlinburg und die Städte Nordhausen, Mühlhausen und Goslar, fast fünfmal mehr, als es verloren; Hannover erhielt Osnabrück, Bayern die Stifter Würzburg, Bamberg, Freising, Augsburg, Passau und eine Anzahl Reichsstädte, Württemberg die von seinem Gebiet umschlossenen oder begrenzten Reichsstädte und Abteien, Baden siebenmal mehr, als es verloren; auch Hessen-Darmstadt und Nassau wurden ansehnlich vergrößert. An Stelle von Köln und Trier wurde Württemberg, Baden, Hessen-Kassel und Salzburg die Kurwürde verliehen, so daß das Kurfürstenkollegium aus zehn Mitgliedern bestand. Die katholischen Fürsten verringerten sich so, daß das Fürstenkollegium fortan 50 evangelische gegen 30 katholische Stimmen zählte. Die auf dem Besitz der Stifter und Kapitel beruhende Reichsaristokratie war damit in der Wurzel getroffen, die Reichsritterschaft verlor den Fürsten gegenüber ihren letzten Schutz und konnte ihre Unabhängigkeit nicht länger behaupten. Die Macht des Kaisertums war durch die Veränderung der Stimmverhältnisse auf dem Reichstag zu gunsten der großen evangelischen Stände fast vernichtet. Der Reichsdeputationshauptschluß bedeutet daher in Wirklichkeit die Auflösung des Reichs in selbständige Staaten und damit sein Ende als Staatswesen, wenn es auch noch ein paar Jahre seinen Namen fristete. Kaiser Franz II. nahm deshalb 18. Aug. 1804 den Titel eines Erbkaisers von Österreich (als Franz I.) an.

Zugleich bezeichnet der Vertrag von 1803 eine tiefe Erniedrigung des deutschen Volkes, dessen Schicksal von fremden Mächten nach Laune und Willkür entschieden wurde. Indes dafür hatte die überwiegende Mehrzahl der Nation keine Empfindung, selbst die Gebildeten nicht. Der Nationalstolz war völlig erloschen und einem Kosmopolitismus und einer Humanitätsschwärmerei gewichen, welche in andern Sphären Trost und Zuflucht suchten. Viele erwarteten von dem Zusammenbruch des alten feudalen Reichs eine neue Ära für vernünftige Freiheit und Bildung. Nur wenige erleuchtete Geister, wie Schiller, erkannten die Gefahr und bemühten sich, die Deutschen aus ihrer selbstsüchtigen, trägen Gleichgültigkeit gegen das Schicksal ihrer Volksgenossen und ihrer Heimat aufzurütteln, wenn auch vergeblich. Weder die Besetzung Hannovers trotz der vertragsmäßig anerkannten Neutralität dieses Reichslandes (1803) noch die Entführung des Herzogs von Enghien von deutschem Boden (15. März 1804) nach Vincennes, wo er erschossen wurde, riefen einen Protest des Reichstags oder der deutschen Großmächte hervor, und die Nation blieb stumm.

Die dritte Koalition, welche sich 1805 unter englischem Einfluß bildete, war daher das Werk reiner Kabinettspolitik, nicht einer Volkserhebung. Rußland, Österreich, Schweden und Neapel, welche sich ihr anschlossen, thaten es, weil sie teils in ihren Erwartungen auf Machtvergrößerung enttäuscht, teils durch den Übermut und die Willkür Napoleons, der seit 2. Dez. 1804 sich Kaiser der Franzosen nannte, verletzt waren. Der französische Einfluß hatte sich an den deutschen Fürstenhöfen so befestigt, daß Bayern, Württemberg und Baden trotz drohender Okkupation durch die Österreicher sich mit Napoleon verbündeten, Preußen und der Norden wiederum neutral blieben. Und die süddeutschen Fürsten hatten sich in ihrer Berechnung nicht getäuscht. Das österreichische Heer drang bloß bis Ulm vor; hier wurde Mack mit einem großen Teil desselben von Napoleon umzingelt und 17. Okt. 1805 mit 23,000 Mann zur Kapitulation gezwungen. Jetzt stand den Franzosen der Weg nach Wien offen, wo