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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Deutschland

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Deutschland (Geschichte 1809-1814. Befreiungskrieg. Wiener Kongreß).

Die Gewaltthätigkeit und Willkür, mit denen Napoleon nun in D. schaltete, überstieg alle Grenzen. Mit einem Federstrich wurden ganze Länder vertauscht und verteilt. Dalbergs, des Kurerzkanzlers, Besitz wurde zu einem Großherzogtum Frankfurt abgerundet. Bayern erhielt Salzburg, mußte aber dafür andres abtreten. Das Großherzogtum Berg ward nach Murats Ernennung zum König von Neapel so gut wie eine französische Provinz. Um die Kontinentalsperre gegen England erfolgreicher aufrecht zu erhalten, wurden das nördliche Hannover, Oldenburg, Bremen, Hamburg und Lübeck in französische Departements verwandelt. Die Truppenkontingente u. Kriegskontributionen, welche die Rheinbundstaaten zu liefern hatten, stiegen zu einer Höhe, welche die Kräfte auch der reichern Lande erschöpfen mußte. Dazu kam das Joch geistiger Knechtschaft, mit welchem die Franzosen D. bedrückten, die Knebelung der Presse und des Buchhandels durch die strenge Zensur, das Spioniersystem, die Verletzung des Briefgeheimnisses wie der persönlichen Freiheit friedlicher Bürger. Aber der ungeheuern Allgewalt gegenüber verzweifelte fast jedermann an der Möglichkeit erfolgreichen Widerstandes. Als 1812 der Krieg Frankreichs mit Rußland ausbrach, mußten sowohl Preußen als Österreich Hilfstruppen stellen, ersteres außerdem den Durchmarsch der Großen Armee durch sein Gebiet gestatten und die Verpflegung übernehmen, welche die letzten Kräfte des Landmanns verzehrte. Unter den 600,000 Mann, welche Napoleon über die russische Grenze führte, waren 200,000 Deutsche, die in der Katastrophe der Großen Armee zum großen Teil ihren Untergang fanden.

Aber diese Katastrophe gab auch das Signal zur rettenden That, zur Erhebung Preußens (s. Deutscher Befreiungskrieg), mit der Konvention von Tauroggen (30. Dez. 1812) begann, welche der preußische General York mit den Russen abschloß. Ihr folgten das preußisch-russische Bündnis (28. Febr.), Friedrich Wilhelms III. "Aufruf an mein Volk" (17. März) und die Proklamation von Kalisch (25. März). Die Übermacht des ehrgeizigen Eroberers, das verkündeten die Alliierten als ihr Ziel, sollte gebrochen, Preußens Machtstellung wiederhergestellt und auch das Deutsche Reich von neuem errichtet werden; alle deutschen Männer wurden aufgefordert, sich der heiligen Sache des Vaterlandes und der Menschheit anzuschließen, und die deutschen Fürsten, welche noch ferner der Fahne des Landesfeindes folgen sollten, mit Verlust ihrer Herrschaft bedroht. In der That rechneten die Verbündeten beim Beginn des Befreiungskriegs auf einen allgemeinen Aufstand in D. Die Lützowsche Freischar, aus den edelsten Jünglingen zusammengesetzt, war bestimmt, ihn überall anzufachen und den Kern der deutschen Volksbewaffnung zu bilden. Jedoch das Verhalten von Regierung und Volk in Sachsen bewies, daß diese Erwartung eine trügerische war. Außerhalb Preußens und der früher altpreußischen Gebietsteile fehlte es der Bevölkerung an hervorragenden Führern wie an der eignen Kraft und Entschlossenheit, alles an alles zu setzen, um die Freiheit wiederzuerlangen. Der harte Druck der despotischen Regierungen hatte allen selbständischen Willen ertötet; Nationalstolz war früher nicht vorhanden gewesen und konnte in den Rheinbundszeiten sich nicht bilden. Die deutschen Fürsten blieben aber der französischen Sache aus Eigennutz und Furcht treu. Dazu kam der unglückliche Verlauf des russisch-preußischen Feldzugs, der trotz heldenmütiger Tapferkeit nach den Niederlagen von Großgörschen (2. Mai) und Bautzen (20. und 21. Mai) mit dem Zurückweichen der verbündeten Armee nach Schlesien endete. Die einzige Hoffnung auf Erfolg beruhte auf dem Anschluß Österreichs, und wenn auch im zweiten Teil des Kriegs von 1813 die preußischen Heere durch die geniale Kühnheit ihrer Feldherren und durch den Opfermut und die Ausdauer der Soldaten weitaus das meiste leisteten, so dankte man den endlichen Sieg bei Leipzig doch wesentlich dem Beitritt Österreichs. Aber er ward auch teuer erkauft. Die diplomatische Leitung nahm nun Metternich in die Hand, und sein Ziel war nicht die Wiederherstellung des Deutschen Reichs in früherm Glanz und alter Herrlichkeit, sondern die Vergrößerung Österreichs und die Begründung seines Übergewichts in D. und Italien. Von der Proklamation von Kalisch war nun nicht mehr die Rede. In den Verträgen, die Metternich mit den von dem gestürzten Weltherrscher abgefallenen Rheinbundstaaten schloß, wurden ihnen die Integrität ihres Gebiets und ihre Souveränität garantiert. Um Preußens Macht nicht übermäßig anschwellen zu lassen, hemmte er in entscheidenden Momenten seinen Siegeslauf durch Friedensverhandlungen, welche zum Glück Napoleons verblendeter Trotz stets scheitern machte. Die Ströme deutschen Blutes, mit denen 1813 und 1814 der deutsche und französische Boden getränkt wurde, vermochten bloß D. von der Fremdherrschaft zu befreien, aber nicht einen starken deutschen Staat zu schaffen. Im ersten Pariser Frieden (30. Mai 1814) behielt Frankreich die Grenzen von 1792 mit Landau und dem Saarbecken. Selbst nach dem neuen Krieg, der 1815 mit Napoleons Rückkehr von Elba ausbrach, und nach dem glänzenden Sieg von La Belle-Alliance erhielt D. Elsaß und Deutsch-Lothringen nicht zurück, weil Rußland und England es aus Eifersucht gegen die deutschen Mächte nicht zugaben. Nur Landau und das Saargebiet mußte Frankreich abtreten.

Die territoriale Gestaltung und die Verfassung Deutschlands gehörten zu den schwierigsten Fragen, welche der seit 1. Nov. 1814 in Wien versammelte Kongreß der Mächte zu beraten hatte. Von einer Wiederherstellung der durch den Reichsdeputationshauptschluß vernichteten geistlichen Staaten ward ebenso abgesehen wie von der Restitution der mediatisierten Stände in ihre reichsunmittelbare Freiheit. Vielmehr wurde der Stand der Dinge bei Auflösung des Reichs 1806 zu Grunde gelegt. Die vertriebenen norddeutschen Fürsten, der zum König erhobene Kurfürst von Hannover, die Herzöge von Oldenburg und Braunschweig, der Kurfürst von Hessen, traten wieder die Regierung ihrer Lande an. Preußen ergriff ohne Widerspruch von seinen alten Landen links der Elbe wieder Besitz; nur Hildesheim, Goslar und Ostfriesland trat es an Hannover ab. Auch Großpolen (Posen) erhielt es zurück. Für die Erwerbung der dritten polnischen Teilung, Neuostpreußen mit Warschau, welches Rußland für sich verlangte, beanspruchte Preußen Sachsen, dessen König in Leipzig als Kriegsgefangener in die Hände der Verbündeten gefallen und dessen Land von diesen in Besitz genommen worden war. Der Neid Österreichs sowie die Ränke Englands und Frankreichs bewirkten jedoch, daß es bloß den nördlichen, zwar größern, aber ärmern und dünner bevölkerten Teil erhielt, das südliche als Königreich unter der alten Dynastie bestehen blieb. Dafür wurden Preußens westliche Lande durch Jülich, Berg, die Stifter Köln, Trier u. a. erheblich vergrößert und abgerundet, wenn auch nicht mit dem Osten verbunden, und Neuvorpommern erworben. Daß Preußen für Polen durch deutsche Lande entschädigt und ein großer