Schnellsuche:
Info: Zur Zeit wird der Volltextindex aktualisiert. Sie erhalten daher bei Suchen nicht die volle Anzahl an Treffern. Die Aktualisierung dauert typischerweise wenige Minuten.

Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Deutschland

895

Deutschland (Geschichte 1859-1863. National- und Reformverein).

genta das französisch-italienische Heer sich der südlichsten deutschen Bundesgrenze näherte, machte es seine eigne Armee mobil und beantragte 25. Juni auch die der Bundesarmeekorps. Doch beanspruchte es die Führung dieses Kriegs als selbständige Großmacht, während Österreich dem preußischen Prinz-Regenten nur die Stellung eines Bundesfeldherrn im Dienste des unter seinem Einfluß stehenden Bundestags einräumen wollte. Als Franz Joseph erkannte, daß Preußen sich hierzu unter keinen Umständen verstehen würde, zog er es vor, um seine herrschende Stellung in D. zu behaupten, mit Napoleon die Friedenspräliminarien von Villafranca zu schließen und in einem Manifest den unglücklichen Ausgang des Kriegs dem Abfall seines "ältesten und natürlichen Bundesgenossen" aufzubürden. Preußen nahm dagegen die Vorfälle während des Kriegs zum Anlaß, die Reform des Bundes von neuem anzuregen und vor allem auf eine Reorganisation der Kriegsverfassung zu dringen. Es trat damit wieder in den Vordergrund der deutschen Politik und konnte dem österreichischen Einfluß durchaus ebenbürtig entgegentreten.

Die nationalen und liberalen Elemente der Nation fühlten sich hierdurch aufgefordert, nach zehnjährigem Druck an die Öffentlichkeit zu treten und die Lösung der deutschen Frage in die Hand zu nehmen. Nicht wenig aneifernd wirkte dabei das Beispiel Italiens, wo die Nation nach tausendjähriger Zerrissenheit sich einmütig um das thatkräftige Sardinien scharte und durch einheitliches, entschlossenes Handeln Großes erreichte. Mit richtigem Takt erkannte man, daß es bei Gründung eines deutschen Bundesstaats vor allem darauf ankomme, den Dualismus der Großmächte zu beseitigen und sich für eine derselben als Spitze zu entscheiden; daß dies nur Preußen sein könne, konnte kaum zweifelhaft sein. Auf Betrieb des liberalen hannöverschen Abgeordneten R. v. Bennigsen trat im August 1859 ein kleiner Kreis liberaler Männer in Eisenach zusammen mit dem Zweck, auf dem Wege gesetzmäßiger Agitation eine Reform des Bundes, die Herstellung einer Zentralgewalt und eines Reichsparlaments durch preußische Initiative zu erstreben. Bald breitete sich dieser Verein als "Deutscher Nationalverein" über alle Teile Deutschlands, besonders Preußens, aus und zählte zuletzt über 20,000 Mitglieder. Die erhebende Säkularfeier des Geburtstags Schillers 10. Nov. 1859 steigerte das Nationalgefühl und die Sehnsucht nach der deutschen Einheit. Auf den zahlreichen Versammlungen, welche wissenschaftliche, volkswirtschaftliche und gesellige Vereine, Sänger- und Schützenbünde Deutschlands veranstalteten, wurde das Interesse für die nationale Sache wenigstens wach erhalten. Die großdeutschen Elemente in Süddeutschland gründeten, um ihren Eifer für dieselbe Sache zu bethätigen, den "Reformverein".

Auch die Mittelstaaten mußten sich nun zu einer veränderten Politik bequemen. Im Innern lenkten sie wieder in liberale konstitutionelle Bahnen ein. Die Konkordate Württembergs und Badens mit dem römischen Stuhl wurden im letzten Augenblick noch rückgängig gemacht. Baden ging unter dem vortrefflichen Ministerium Lamey-Roggenbach auf der Bahn freiheitlicher Entwickelung und nationaler Politik allen andern Staaten mit leuchtendem Beispiel voran. Die deutsche Verfassungsfrage kam auch am Bundestag wieder in Fluß. Die Mittelstaaten, Pfordten und Beust an der Spitze, bemühten sich, die Forderungen der Nation durch kleine Zugeständnisse zu beschwichtigen. Im Spätherbst 1860 vereinbarten mehrere mittelstaatliche Minister auf den Würzburger Konferenzen einen Verfassungsentwurf, welcher unter anderm die Einsetzung eines Bundesgerichts und die Verbesserung der Reichskriegsverfassung enthielt. Hannover, welches sich als den deutschen Admiralstaat betrachtete, beantragte die Begründung einer Flotte. Beust legte 15. Okt. 1861 ein umfassendes, auf dem Triasgedanken beruhendes Bundesreformprojekt vor, welches den größern Mittelstaaten einen Anteil an der Exekutive verschaffte und dem Bundestag eine aus Delegierten der Landtage bestehende Abgeordnetenversammlung, jedoch nur mit beratender Stimme, zur Seite stellte. Österreich verhielt sich diesen Anträgen gegenüber meist neutral; es wußte, daß sie nicht ernst gemeint waren. Preußen sprach sich entschieden gegen sie aus und bewirkte ihre Ablehnung. Umgekehrt lehnten die Mittelstaaten alle preußischen Anträge auf Reform der Bundeskriegsverfassung und Gründung einer Flotte ab und trafen Anstalten, als Preußen 1862 im Namen des Zollvereins einen Handelsvertrag mit Frankreich schloß, sich auch dieser Hegemonie Preußens zu entziehen und den Eintritt Österreichs in den Zollverein zu erzwingen.

Preußen ließ sich hierdurch aber nicht einschüchtern, schritt ruhig auf dem Weg selbständiger Ausbreitung seines Einflusses fort und begnügte sich zunächst mit kleinen Erfolgen. Es zwang den Kurfürsten von Hessen im November 1862, endlich der zehnjährigen innern Krisis durch Wiederherstellung der Verfassung von 1831 ein Ende zu machen, und schloß mit einigen Kleinstaaten Militärkonventionen. In der Note des Grafen Bernstorff, welche das Beustsche Reformprojekt ablehnte, präzisierte es seinen Standpunkt in der deutschen Frage: eine Reform der Bundesverfassung auf dem bundestäglichen Weg sei absolut unmöglich, da sie Einhelligkeit sämtlicher Bundesglieder voraussetze; das Richtige sei vielmehr, den völkerrechtlichen Charakter des Bundes in seiner Reinheit festzuhalten und die engere Vereinigung seiner Glieder auf dem Weg freier Vereinigung zu suchen. Es kam also auf die Unionspolitik zurück. Jedoch ein wirkliches Vorgehen auf diesem Weg wurde durch den innern Konflikt in Preußen unmöglich gemacht. Als erstes Erfordernis für eine kräftige und erfolgreiche Politik sah der Prinz-Regent, seit 2. Jan. 1861 König Wilhelm I., die Heeresreorganisation an. Über diese kam es aber zum Streit mit dem Abgeordnetenhaus, der durch beiderseitiges Festhalten an dem Gewollten zu einem förmlichen Kampf zwischen Königtum und Volksvertretung anwuchs und 1862-66 die innere Geschichte Preußens ausfüllte. Die schroffe Art, mit welcher Bismarck der parlamentarischen Opposition entgegentrat, die polizeilichen Maßregelungen u. a. ließen die Wiederkehr der schlimmsten Reaktion befürchten und entfremdeten Preußen die liberalen Elemente des deutschen Volkes. In diesen wurde jetzt die Anschauung herrschend, daß die Hegemonie in D. nicht ein ehren- und mühevolles Amt sei, das dem mächtigsten deutschen Staat zukomme, sondern ein Preis für Wohlverhalten, der jederzeit wieder entzogen werden könne. Selbst im Nationalverein wagte man kaum noch von preußischer Spitze zu reden, und wenn das Votum Preußens bei der Abstimmung über das Beustsche Delegiertenprojekt 22. Jan. 1863 die Worte enthielt: "Nur in einer Vertretung, welche aus unmittelbarer Wahl hervorgeht, kann die deutsche Nation das berechtigte Organ ihrer Einwirkung auf die gemeinsamen Angelegenheiten finden", erklärte das die öffentliche Meinung in Preußen selbst für Bismarcksche Spiegelfechterei.