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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Deutschland

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Deutschland (Geschichte 1866. Preußisch-deutscher Krieg).

sche Statthalter beauftragt sei, die dortigen Stände zu berufen. Bismarck erklärte 4. Juni diesen Schritt Österreichs für einen offenen Bruch der Gasteiner Konvention und eine Herausforderung Preußens, und als Gablenz die holsteinischen Stände wirklich 5. Juni nach Itzehoe berief, rückte Manteuffel 7. Juni mit seiner Division in Holstein ein und besetzte es, während die österreichische Brigade Kalik, der Übermacht weichend, gefolgt vom Herzog von Augustenburg, das Land verließ. Am 27. Mai hatte Bismarck den deutschen Regierungen noch einmal in offener, männlicher Sprache seine Bundesreformvorschläge entwickelt und empfohlen und hervorgehoben, daß Preußen den andern Staaten keine größern Opfer zumute, als es selbst zu bringen bereit sei. Am 9. Juni erklärte Preußen in der Bundesversammlung, daß es die schleswig-holsteinische Frage als eine nationale ansehe und sie als eine solche, d. h. in Verbindung mit der Bundesreform, zu lösen bereit sei; es erwarte nur den Augenblick, wo es diese Frage mit einer Bundesgewalt verhandeln könne, in welcher die Mitwirkung der nationalen Vertretung ihm die Bürgschaft gewähre, daß die von Preußen gebrachten Opfer dem gesamten Vaterland und nicht der dynastischen Begehrlichkeit zu gute kämen. Österreich dagegen klagte 11. Juni am Bund wegen gewaltthätiger Selbsthilfe Preußens in Holstein und stellte den Antrag auf Mobilmachung der gesamten Bundesarmee mit Ausnahme ihrer preußischen Bestandteile, d. h. auf Kriegserklärung gegen Preußen. Da Österreich selbst und seine Verbündeten den Augenblick zum Losschlagen für gekommen erachteten, so ward trotz des Protestes Preußens schon 14. Juni über diesen Antrag abgestimmt und derselbe mit neun gegen sechs Stimmen (außer Preußen Oldenburg, Mecklenburg, die thüringischen Staaten, die Freien Städte außer Frankfurt und Luxemburg) zum Beschluß erhoben. Als die Abstimmung beendet und das Resultat verkündet war, erklärte der preußische Gesandte v. Savigny, daß seine Regierung den bisherigen Bundesvertrag damit für gebrochen und erloschen ansehe, daß sie aber an der über den vorübergehenden Formen erhabenen Einheit der deutschen Nation festhalte, und daß sie einen neuen Bund mit den deutschen Regierungen zu schließen bereit sei auf Grund einer neuen Verfassung, deren Grundzüge Savigny auf den Tisch des gewesenen Bundestags niederlegte, und deren erster Artikel lautete: "Das Bundesgebiet besteht aus den seitherigen Staaten mit Ausnahme der kaiserlich österreichischen und königlich niederländischen Landesteile". So bewährte sich Preußen als der eigentlich deutsche Staat, indem es die Gründung eines lebensfähigern, kräftigern Bundesstaats als Ziel des Kampfes hinstellte, während seine Gegner ohne politische Ideen nur den alten Zustand erhalten und durch Zerstückelung Preußens ihren Neid u. ihre Selbstsucht befriedigen wollten.

Der Krieg (s. Preußisch-deutscher Krieg) nahm einen Verlauf, wie ihn niemand vermutet hatte. Während die Bundestruppen sich erst sammelten, okkupierte Preußen Sachsen und Kurhessen ohne Schwertstreich, Hannover nach dem blutigen Gefecht von Langensalza (27. Juni). Ganz Norddeutschland war in Preußens Gewalt, die meisten kleinen Staaten riefen ihre Gesandten vom Rumpfbundestag ab und schlossen sich ihm an. Der siebentägige Feldzug in Böhmen und die Schlacht von Königgrätz brachten den Sieg über Österreich zu glänzender Entscheidung; der Mainfeldzug zersprengte die beiden Bundesarmeekorps, welche unter dem Symbol der schwarz-rot-goldenen Trikolore in den Kampf gezogen waren; der Bundestag mußte nach Augsburg flüchten, wo er sich 24. Aug. auflöste. Die Intervention Napoleons III. rettete Sachsen und nötigte Preußen, sich auf einen norddeutschen Bund zu beschränken; doch gestatteten die Nikolsburger Friedenspräliminarien (26. Juli) und der Prager Friede (23. Aug.), daß der Verein der süddeutschen Staaten mit dem Norddeutschen Bund eine nationale Vereinigung eingehe. Österreichs deutsches Gebiet blieb unverletzt, die Kriegskosten (20 Mill. Thlr.) waren nicht erheblich. Dagegen schied es nun aus D. aus; es gab für immer seine dominierende Stellung hier auf, und der Dualismus der deutschen Großmächte endete mit dem völligen Sieg Preußens, das durch die Einverleibung Schleswig-Holsteins (für dessen nördlichen Teil Art. 5 eine Volksabstimmung zu gunsten Dänemarks vorbehielt), Hannovers, Kurhessens, Nassaus und Frankfurts sein deutsches Gebiet bedeutend vergrößerte. Von Österreich im Stiche gelassen, wendeten sich die süddeutschen Staaten, mit Ausnahme von Baden, an Frankreich um Hilfe, das gleichzeitig in drohender Form eine Kompensation am Rhein auf preußische, bayrische und hessische Kosten verlangte. Bismarck wies dies Verlangen auf die Gefahr eines neuen Kriegs hin zurück. Zugleich aber entschloß er sich, durch milde Friedensbedingungen die süddeutschen Staaten für eine engere Verbindung mit Preußen zu gewinnen und so die Versöhnung und die Einigung ganz Deutschlands ohne Österreich anzubahnen. Württemberg und Baden erlitten also keine, Bayern nur unerhebliche Gebietsverluste und mußten bloß Kriegskontributionen zahlen, schlossen aber im August mit Preußen geheime Schutz- und Trutzbündnisse, in welchen sie sich ihr Gebiet gegenseitig garantierten und zur Verteidigung desselben im Fall eines Kriegs ihre volle Kriegsmacht zur Verfügung zu stellen und den Oberbefehl über dieselbe dem König von Preußen zu übertragen sich verpflichteten. Damit war die nationale Verbindung, die der Prager Friede vorsah, hergestellt, auch wenn kein Südbund zu stande kam.

Daß der deutsche Entscheidungskampf so rasch und mit einem so durchschlagenden Erfolg beendet wurde, war ein unschätzbares Glück für D. und ein großes Verdienst der preußischen Staats- und Heeresleitung. Hierdurch wurde eine tiefer eindringende Verbitterung zwischen den kämpfenden Parteien vermieden, Frankreichs Einmischung abgewehrt, jeder Versuch, die neue Gestaltung Deutschlands unter Preußens Hegemonie rückgängig zu machen, zur Erfolglosigkeit verurteilt und die Eingewöhnung der Gemüter in die neuen Verhältnisse erleichtert. Ein Sieg Österreichs und der Mittelstaaten würde die Frage der deutschen Einheit nicht gelöst, nur noch mehr verwirrt und D. wieder zum Spielball europäischer Ränke gemacht haben, wie es nach dem Dreißigjährigen Krieg der Fall war. Die Siege Preußens zeigten, daß es an sittlicher und intellektueller Kraft dem österreichischen Völkerkonglomerat weit überlegen sei, daß aber auch die Mittelstaaten nicht wirkliche Staatspotenzen waren, die auf eignen Füßen standen, daß namentlich sowohl die Bundeskriegsverfassung als die einzelnen Kontingente, auch die größern, praktisch unbrauchbar und die beträchtlichen seit Jahrzehnten dafür gebrachten Geldopfer vergebliche waren. Daß D. nur durch eine nach preußischem Muster durchgeführte Wehrverfassung unter preußischer Führung seine Sicherheit und Integrität mit Erfolg verteidigen könne, davon hatten die Kämpfe am Main auch die heftigsten Gegner Preußens überzeugt.