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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Devrient

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Devrient.

Schauspieler: Ifflands und Devrients (Leinz. 1838); Gerold in der "Berlinischen Chronik" (Berl. 1876, Heft 13). Novellistisch behandelten ihn H. Smidt in den "D.-Novellen" (3. Aufl., Berl. 1882) und R. Springer in dem Roman "D. und Hoffmann" (das. 1873). Treffliche Schilderungen von Devrients Eigentümlichkeit finden sich auch in Ed. Devrients "Geschichte der deutschen Schauspielkunst" (Bd. 4) und in Holteis Roman "Die Vagabunden".

2) Karl August, der älteste der drei berühmten Brüder dieses Namens, Neffen des vorigen und Söhne eines Berliner Kaufmanns, der sie sämtlich ebenfalls für das kaufmännische Geschäft bestimmt hatte, war 5. April 1797 zu Berlin geboren. Er entzog sich dem Kontorzwang, indem er als Freiwilliger in Colombs Husarenregiment trat, mit dem er auch die Schlacht bei Waterloo mitmachte. Dann widmete er sich ebenfalls der Bühne und debütierte 28. Juli 1819 in Braunschweig. Talent, Eifer und Glück machten ihn in kurzem zum Liebling des Braunschweiger Publikums. Im J. 1821 an das Dresdener Hoftheater für die Rollen erster Helden und Liebhaber gerufen, verheiratete er sich hier 1823 mit der nachmals so berühmt gewordenen Wilhelmine Schröder (s. Schröder-Devrient); doch ward die Ehe schon 1828 nach vielen Mißhelligkeiten wieder gelöst. Nach Vollendung einer großen Kunstreise trat D. 1835 ein Engagement in Karlsruhe an, von wo er 1839 nach Hannover übersiedelte. Er starb. 3. Aug. 1872 in Lauterberg am Harz. Von den drei Brüdern war Karl der begabteste; aber er hat sein Talent weder konzentriert, noch durch ausdauernde Willenskraft ausgebildet. Daher glückten ihm oft Teile einer Darstellung ganz ungemein, während sich der Rest verflachte oder verflüchtigte. Früher spielte er jugendliche Helden und Liebhaber; in der letzten Zeit hatte er sich mehr den ältern Charakterrollen (Lear, Wallenstein) zugewandt. - Sein Sohn Friedrich, geb. 31. Jan. 1827 zu Dresden, ebenfalls ein geachteter Schauspieler, war 1848-52 am Wiener Burgtheater beschäftigt und erhielt 1865, nach häufig gewechseltem Aufenthalt, eine Anstellung am deutschen Theater in St. Petersburg, wo er 19. Nov. 1871 starb.

3) Philipp Eduard, der zweite der Brüder D., geb. 11. Aug. 1801 zu Berlin, eröffnete seinen Brüdern die Künstlerlaufbahn, indem er diese zuerst und zwar als Sänger betrat und seine Eltern mit ihr versöhnte. Seit 1819 gehörte er der Berliner Bühne an, wo ihm seine schöne Baritonstimme und gründliche, unter Zelter erworbene musikalische Bildung eine Stelle bei der königlichen Oper verschafften. Später wandte er sich dem rentierenden Fach zu, worin er sich bald durch Studium und Streben, weniger aber durch das Feuer der Begeisterung auszeichnete. 1844 übernahm D. die Oberregie des Hoftheaters in Dresden, legte sie aber 1846 wieder nieder, entsagte 1852 der Wirksamkeit als Darsteller und erhielt im Herbst 1852 einen Ruf als Direktor des Hoftheaters nach Karlsruhe, wo er später zum Generaldirektor ernannt wurde. Er hatte dort die Reorganisation des äußerlich wie innerlich zerrütteten Hoftheaters vorzunehmen, und es gelang ihm, in einer mehr als 17jährigen Leitung den Beweis von der Ausführbarkeit alles dessen zu liefern, was er in seinen dramaturgischen Schriften als Aufgabe der Schauspielkunst hingestellt hatte. Die korrekte und lebendige Totalwirkung der Darstellungen sicherte er durch unermüdliche Sorgfalt und lehrhaften Einfluß, wobei ihm seine schon in Berlin, Dresden, Karlsruhe und Mannheim bewährte Kunst des dramatischen Vorlesens zu Hilfe kam. Nachdem er 1869 sein 50jähriges Künstlerjubiläum gefeiert, legte er die Direktion aus Gesundheitsrücksichten nieder. Er starb 4. Okt. 1877 in Karlsruhe. D. hat sich als Schriftsteller für die Bühne bedeutende Verdienste erworben. Seine frühsten Arbeiten waren drei Operntexte: "Hans Heiling", "Die Kirmes", "Der Zigeuner", die von 1833 bis 1843 entstanden, und denen fünf Bühnenstücke: "Das graue Männlein", "Die Gunst des Augenblicks", "Verirrungen", "Treue Liebe" und "Wer bin ich?" (Leipz. 1846), nachfolgten. Weiter veröffentlichte er an dramaturgischen Schriften: "Briefe aus Paris" (2. Aufl., Berl. 1846); "Über Theaterschulen" (das. 1840) und die Reformschrift "Das Nationaltheater des neuen Deutschland" (das. 1848) sowie ein Schriftchen über das Passionsspiel von Oberammergau (das. 1851, 3. Aufl. 1880). Sein Hauptwerk ist aber die auf fleißigen Studien und gründlicher Kenntnis des Bühnenwesens beruhende "Geschichte der deutschen Schauspielkunst" (Leipz. 1848-74, 5 Bde.). Ferner ließ er "Meine Erinnerungen an Felix Mendelssohn-Bartholdy und seine Briefe an mich" (2. Aufl., Leipz. 1872) erscheinen und gab mit seinem Sohn Otto D. einen "Deutschen Bühnen- und Familien-Shakespeare" (das. 1873 ff.) heraus. Eine Gesamtausgabe seiner Schriften erschien Leipzig 1846-74, 11 Bde.

4) Gustav Emil, der jüngste und berühmteste der drei Brüder, geb. 4. Sept. 1803, mußte erst als Lehrling in die chemische Fabrik eines Oheims zu Zwickau treten, wandte sich aber bald ebenfalls dem Theater zu und debütierte 1821 in Braunschweig als Raoul in der "Jungfrau von Orléans". Ausgestattet mit angenehmem Äußern und wohlklingendem Organ, trat er bald auch in der Oper auf. Erst nachdem er in Leipzig 1823 ein Engagement gefunden, widmete er sich ausschließlich dem Schauspiel. 1828 siedelte D. nach Magdeburg über, von wo er 1829 einem Ruf nach Hamburg folgte. Hier vollendete er seine dramatische Bildung und fand 1831 in Dresden an der Hofbühne eine dauernde Stellung, von der er nach 37jähriger ruhmvoller Thätigkeit 1. Mai 1868 zurücktrat, um sich, nach seinen eignen Worten, als Künstler nicht selbst überleben zu müssen. Zum außerordentlichen Ehrenmitglied ernannt, erhielt er vom König persönlich das Ritterkreuz des sächsischen Zivilverdienstordens, das bis dahin noch kein Bühnenkünstler erhalten hatte, und wurde zum Hofrat ernannt. Unter seinen zahllosen und vielfach wiederholten Gastspielen in allen größern Städten Deutschlands, die vorzugsweise in die Periode von 1839 bis 1852 fallen, sei nur seiner Mitwirkung bei den Mustervorstellungen unter Dingelstedt in München, seines Auftretens in Peterhof vor Kaiser und Hof, in Weimar zur Feier der Enthüllung des Schiller-Goethe-Denkmals und des 100jährigen Geburtstags Karl Augusts 1857 erwähnt. Die herrlichste Anerkennung aber verschaffte er der deutschen Schauspielkunst bei seinem Gastspiel in London; seine Leistungen, besonders seine Auffassung des Hamlet, wurden noch über die von Kemble und Edmund Kean gestellt. Er starb 7. Aug. 1872 in Dresden. Als Schauspieler zeichnete sich D. durch Wärme und Leben, Wahrheit in der Darstellung, Phantasie in der Auffassung der Charaktere und seinen Geschmack bei der idealistischen Ausschmückung derselben aus. Sein Spiel zeigte den denkenden Künstler in allen Nüancierungen, nirgends erblickte man Übertreibung oder Manier. Namentlich war er Meister im Gebrauch des Sprachorgans. Die am meisten für ihn geeigneten Rollen waren die ideal gehaltenen, weichen Charaktere, wie Hamlet, Uriel Acosta, Tasso,