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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Dionysos

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Dionysos.

ner teils Orakel- und Heilgott, teils Urheber wilder Lust. Neben den Weinpflanzungen hat er die Obhut über die Bäume überhaupt, besonders über die kultivierten und veredelten. Er lehrt die Bereitung des Honigs, gibt Milch, Öl und Korn. Dieses ganze elementare Schaffen aber macht ihn, wie die Demeter und deren Tochter Persephone, zu einem halbchthonischen Wesen, da er, entsprechend der von ihm in Wald und Flur vertretenen schaffenden Kraft der Natur, von rauhen Stürmen des Winters in Schlaf und Tod versenkt, dann wieder zu neuem Leben erweckt wird. So erscheint er besonders in den Eleusinischen Mysterien als Beisitzer der Göttinnen Demeter und Persephone, dann in den Mythen und Mysterien der Orphiker. Er heißt hier D. Zagreus und ist der Träger der orphischen Hoffnungen auf ein geläutertes Dasein nach diesem Leben, ja auf ein allgemeines erneutes goldenes Zeitalter. Sein Vater ist Zeus in Gestalt eines Drachen, des mysteriösen Symbols der Unterwelt, seine Mutter Persephone. Zeus hat ihn zum König bestimmt und setzt ihn auf den Himmelsthron; aber die Titanen, von der eifersüchtigen Hera angestiftet, überfallen ihn, während er mit buntem Spielwerk beschäftigt ist, töten, zerreißen und verzehren ihn. Pallas rettet das noch zuckende Herz, den Sitz des Lebens und des Geistes; Zeus verschlingt dasselbe und erzeugt daraus den Sohn zum zweitenmal. Auch rächt er den Mord, indem er die Titanen mit seinen Blitzen niederschmettert. Da aus ihrer Asche die Menschen hervorgehen, so ist auch in diesen D. vorhanden, aber als ein auf frevle Weise zerrissener Gott. Hier ist der Punkt, an den sich die tiefere Auffassung des Dionysosdienstes anknüpft, aber freilich auch die leidenschaftlichere, wie sie besonders in den trieterischen Festen sich kundgibt, die nach allen zwei Mittwintern einmal stattfanden, und zu denen besonders Frauen (Bacchen, Mänaden, Thyiaden, Fig. 1) auf den schneebedeckten Bergen (Kithäron, Parnaß) schwärmten, mit Fackeln unter allerlei heiligem Unfug die Mitleidenschaft mit dem "Zerrissenen" ausdrückend, mit Rehkalbfell, Thyrsos und Handpauken, unter Lärm und Tanz. Ziemlich alt sind auch diese mehr ans Orientalische streifenden Orgien, die in voller Wildheit nur außerhalb Attika im Schwange waren, doch immerhin jünger und erst allmählich aufgekommen im Vergleich mit dem Dienst, bei welchem dem Gott einfach die Winzer zujubelten. Dieser D. war der Sohn der Semele (wohl ursprünglich Personifikation der Erde), einer Tochter des Kadmos, welche auch den Namen Thyone (die "Rasende") führt. Als dieselbe vom Blitz erschlagen worden war, entriß der Vater die sechsmonatliche Frucht dem Schoß der Mutter und barg sie bis zur völligen Reife in seiner Hüfte. Dieser Zug, überraschend beim indischen Soma wiederkehrend, ist auf die regenschwangere, fruchtbare Wetterwolke (den Sitz der zeugenden Manneskraft des Himmelsgottes) bezogen worden, indem jener Blitz als das Feuer der schaffenden Naturkraft aufgefaßt wurde. Aus der Hüfte des Vaters als ein unsterblicher Gott hervorgegangen, wurde D. von Hermes den Nymphen oder den Hyaden oder den Horen auf dem Waldgebirge Nysa zur Erziehung übergeben. Als Gott des Regens (Hyes oder Hyeus) wird er von Lykurgos, eigentlich dem Lichtmacher, dem Sonnengott, welcher als König von Thrakien erscheint, bekämpft. Erschreckt floh vor diesem der seiner Götterwürde noch unbewußte Knabe ins Meer, wo ihn Thetis liebreich aufnahm; Lykurgos aber erblindete. Schrecklicher noch erwies sich die Macht des D. an dem thebanischen König Pentheus, welcher der Verehrung des Gottes sich widersetzte und diesen selbst in den Kerker warf; von seiner Mutter und deren Schwestern, die ihn in wildem Taumel für einen Löwen oder Eber ansahen, wurde Pentheus auf dem Kithäron zerrissen. Eine schöne und erhabene, wiewohl spätere Dichtung ist die von dem dreijährigen Zug des D. durch Syrien, Ägypten und Indien bis an den Ganges mit einem Heer schwärmender Männer, Weiber und niederer Naturgottheiten, auf einem von Löwen und Tigern gezogenen Wagen; überall bändigt er die rohen Naturkräfte, lehrt er die besiegten Völker den Weinbau und höhern Lebensgenuß, verpflanzt er unter sie hellenische Kultur. Auf der durch Weinbau ausgezeichneten Insel Naxos nahm er Ariadne zur Gattin. Sie zeigt sich D. verwandt: wie er der qualvoll Verstorbene und der jubelnden Welt Wiedererweckte, so ist sie die (von Theseus) verlassene Trauernde, die an des D. Seite nun ein höheres Glück genießt.

Der Ursprung des Dionysosdienstes ist wohl in Nord- und Mittelgriechenland zu suchen. Durch die Thraker gelangte er frühzeitig nach Phokis und Böotien, wo Theben für des Gottes Geburtsort galt. Besonders empfänglich zeigten sich für den Bakchosdienst Äolier und Ionier (auch in Attika, doch hier, wie schon erwähnt, ohne den wilden Charakter), minder Achäer und Dorier. Was sich in Attika als ältester Dionysosdienst vorfand, feierte einfach in ländlicher Fröhlichkeit den Gott der Weinlese. Was das an der Grenze von Böotien und Attika gelegene Eleutherä dann beisteuerte, war schon mit Verehrung des Apollon verbunden, und von Eleusis aus kam durch den Verein mit Demeter ein mystisches Element dazu. Von Megara aus besonders kam die Dionysosverehrung auch nach Sizilien und Italien; in Rom finden wir sie seit 496 v. Chr. Mit Alexanders Zügen breitete sie sich zuletzt in Asien bis an den Ganges und über Ägypten aus, jedoch nicht, ohne mit dem Dienst verwandter Götter zu verschmelzen. Der ausschweifendste Orgiasmus in Freude und Schmerz gehört zu

^[Abb.: Fig. 1. Mänade (Bacchantin. Vasenbild in Neapel).]