Schnellsuche:
Info: Zur Zeit wird der Volltextindex aktualisiert. Sie erhalten daher bei Suchen nicht die volle Anzahl an Treffern. Die Aktualisierung dauert typischerweise wenige Minuten.

Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Drehkrankheit, falsche; Drehkreuz, schottisches; Drehleier

127

Drehkrankheit, falsche - Drehleier.

sehr verschieden; in einem Fall wurden über 200, die sich bereits zu linsen- bis erbsengroßen Blasen entwickelt hatten, gefunden. Die Einwanderung der Embryos verursacht eine Reizung des Gehirns. Diese äußert sich durch Trägheit, Mattigkeit, Stumpfsinn, selbst Betäubung und Krämpfe; zuweilen zeigt sich außerdem Niederfallen oder Drängen nach der einen oder der andern Seite, selbst Drehen im Kreis. Daneben bestehen vermehrte Empfindlichkeit am Schädel, Rötung der Bindehaut der Augen und der Maulschleimhaut, Beschleunigung der Herzschläge und des Atmens, Hartleibigkeit. Unter diesen Erscheinungen und unter Hinzutritt von Lähmung des Körpers gehen öfters einzelne Tiere zu Grunde; bei den meisten verlieren sich jedoch die angegebenen Krankheitserscheinungen allmählich nach 2-10 Tagen. Manche, bei denen sämtliche Wurmembryos im Gehirn absterben, bleiben dann dauernd gesund; bei den meisten kommt aber ein Blasenwurm oder einige von denselben zur vollständigen Entwickelung. Diese weitere Entwickelung der Würmer bleibt gewöhnlich 4-6 Monate hindurch ohne nachteiligen Einfluß auf das Befinden der Schafe; nur einzelne zeigen beim Witterungswechsel vorübergehend Aufregung oder Eingenommenheit des Kopfes (Propheten). Wenn aber nach Ablauf des genannten Zeitraums der Blasenwurm eine bedeutende Größe erlangt hat, so treten von neuem Krankheitserscheinungen, die nun die eigentliche D. darstellen, hervor, nämlich Verminderung des Bewußtseins, selbst periodische Bewußtlosigkeit, Mattigkeit und Hinfälligkeit, stierer Blick, Erweiterung der Pupille, Verminderung oder Verlust des Appetits und unregelmäßige Bewegungen. Letztere sind je nach dem Sitz der Blase verschieden; das kranke Schaf dreht sich um einen fest auf den Boden gestellten Vorder- oder Hinterfuß, oder es geht im Kreis nach rechts oder links, selten abwechselnd nach beiden Seiten, oder es geht mit gesenktem oder mit hoch gehobenem Kopf schnell geradeaus, wobei es die Beine sehr hoch hebt, oder es taumelt beim Gehen und fällt oft nach vorn oder auf eine Seite nieder und macht dann unregelmäßige Bewegungen, um wieder auf die Beine zu kommen. Liegt die Blase oberflächlich am Gehirn, so entsteht an der betreffenden Stelle allmählich ein Schwund und eine Erweichung der Schädeldecke; Druck auf diese Stelle ruft Krämpfe oder Bewußtlosigkeit hervor. Schließlich entsteht bei allen drehkranken Schafen Abzehrung und vollständige Lähmung des Körpers, und der Tod erfolgt nach einer Krankheitsdauer von 4-8 Wochen. Bei der Sektion finden sich einige haselnuß- bis walnußgroße oder eine einzige bis hühnereigroße, mit wässeriger Flüssigkeit gefüllte Blase im oder am Gehirn. An der innern Oberfläche der Blase sitzen sehr zahlreiche stecknadelkopfgroße, trübe Knötchen, die Köpfe. Wird die Blase von einem Hund gefressen, so entstehen bei diesem wieder Bandwürmer.

Die Heilung der D. kann nur durch operative Entfernung des Blasenwurms erzielt werden. Am einfachsten ist das Trokarieren des Schädels. Der Trokar, zu dessen Aufbewahrung ein besonderes Besteck dient, wird bei Böcken hart am Hinterrand der Hörner, bei Tieren mit mäßig großen Hörnern 1 cm hinter dem Horn, bei ungehörnten Tieren 1½ cm hinter dem Hornfortsatz, immer 2 cm von der Mittellinie entfernt, oder hinter der Innenecke des Horns, resp. innen neben dem Hornfortsatz, mit Vermeidung der Mittellinie, 1 cm tief eingeschlagen. Zunächst wird an der Seite trokariert, wohin das Schaf dreht. Ist die Blase getroffen, so quillt nach Entfernung des Stiletts Wasser aus der Trokarhülse hervor; andernfalls wird noch etwas tiefer und, wenn auch dann kein Wasser kommt, an einer andern von den bezeichneten Stellen, nötigen Falls an allen vier Stellen, neben und hinter jedem Horne nacheinander eingeschlagen. Quillt Wasser aus der Hülse hervor, so wird dasselbe mittels der im Besteck befindlichen Spritze vorsichtig ausgesogen, dann die Trokarhülse entfernt, die Spitze der Spritze in die Schädelöffnung vorsichtig eingeführt und durch ruhiges Saugen womöglich ein Teil der Blase in die Öffnung befördert, um dieselbe darauf vollständig mittels der Pinzette herauszuziehen. Auf die kleine Wunde wird etwas Karbolsalbe oder Teer gestrichen. Ist die Blase entfernt und bei der Operation keine bedeutende Verletzung des Gehirns entstanden, so tritt sofort Besserung in dem Befinden des Schafs und gewöhnlich vollständige Heilung ein. Andernfalls entsteht keine Besserung oder sogar eine Verschlimmerung, wo dann sofortiges Abschlachten des Schafs angezeigt ist. Jede erhebliche Entleerung von Blut aus der Operationswunde ist ein gefahrdrohendes Zeichen, weil die Wunde hierdurch an der schnellen Verheilung behindert wird und zur Verjauchung kommt. Die Vorbeugung besteht in der Verhütung der Aufnahme der Bandwurmbrut. Zu dem Zweck sind namentlich die Schäferhunde zu beobachten und, wenn sie Bandwurmglieder entleeren, zur Kur einzusperren. Die Köpfe der gestorbenen oder geschlachteten drehkranken Schafe müssen beseitigt werden, so daß Hunde oder Füchse den Blasenwurm nicht verzehren können. In seltenen Fällen kommt die D. auch bei Rindern vor. Die Symptome sind im wesentlichen wie bei Schafen; sofortiges Abschlachten ist gewöhnlich angezeigt, da die Krankheit oft tödlich verläuft. Bei vorsichtiger Operation kann man indes durch das Trokarieren des Schädels ebenso wie bei den Schafen eine Heilung erzielen.

Drehkrankheit, falsche, s. Bremen, S. 384.

Drehkreuz, schottisches, s. Reaktionsrad.

Drehleier (auch Bettler-, früher Bauernleier, franz. Vielle, ital. Lira tedesca oder Ghironda ribeca, Stampella, engl. Hurdygurdy), ein seltsames Saiteninstrument von hohem Alter, das sich einst großer Beliebtheit erfreute und im 10.-12. Jahrh. vielleicht eine ähnliche Rolle gespielt hat wie heute das Klavier. Die Konstruktion der D. ist heute noch beinahe genau dieselbe wie vor 900 Jahren: ein Resonanzkörper, welcher dem der Streichinstrumente ähnlich ist, darüber mehrere Saiten gespannt, von denen eine (oder zwei im Einklang gestimmte) durch eine Klaviatur verkürzt werden kann, während die andern zwei (oder vier, zu zweien im Einklang gestimmt) frei liegen und stets nur dieselben Töne geben (eine Quinte im Baß, wie beim Dudelsack). Ein durch eine Kurbel in Umlauf gesetztes Rad, das mit Harz bestrichen ist, bringt stets sämtliche Saiten gleichzeitig zum Tönen. Der älteste Name des Instruments ist Organistrum. Wir besitzen eine Anleitung für die Mensur und Anbringung der Tasten des Organistrums aus dem 10. Jahrh. (vgl. Gerbert, Scriptores, I), wonach das Instrument einen Umfang von einer Oktave hatte, während die besten Instrumente des vorigen Jahrhunderts bis zu zwei Oktaven (chromatisch) gehen. Etwa im 12. bis 15. Jahrh. hieß die D. Armonie oder Symphonie (korrumpiert Chifonie, ja Zampugna, Sambuca, Sambuca rotata); im 15. Jahrh., wo sie in Mißkredit kam, wurde ihr in Frankreich der Name Vielle beigelegt, der vorher ein Streichinstrument (Viola) bezeichnet hatte. Virdung (1511) hält die D., die er einfach Lyra nennt, nicht einer