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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

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Enfants de France - Engadin.

der Sekte mit Bazard trennte sich von dem "Mann des Fleisches", während die soziale Fraktion mit E. zusammenhielt, der von nun an "Le Père" hieß und sich von seinen Predigern für das "lebendige Gesetz", eine Art Messias, erklären ließ. Als die Gesellschaft sich mit Ekel von seinen neuen Lehren abwandte, zog sich E. mit einigen 40 ihm treu gebliebenen Anhängern auf seine Besitzung in Ménilmontant zurück und organisierte dort eine patriarchalisch-sozialistische Gesellschaft nach seinen neuen Lehren. Die Staatsgewalt sah in der Verbindung eine Verletzung des Vereinsgesetzes, zugleich aber auch der öffentlichen Moral und guten Sitten und stellte E. mit seinen Genossen (darunter Rodrigues, Michel Chevalier, Duveyrier, Barrault etc.) vor die Assisen. E. wurde zu einem Jahr Gefängnis und 100 Frank Geldstrafe verurteilt. Die Verbindung wurde aufgelöst, der Saint-Simonismus war damit vernichtet. E. ging, nach einigen Monaten seiner Haft wieder entlassen, mit mehreren seiner Anhänger nach Ägypten und wurde dort als Ingenieur des Paschas an den Nildämmen beschäftigt. Wieder nach Frankreich zurückgekehrt, erhielt er eine Anstellung als Postmeister und ging dann als Mitglied der wissenschaftlichen Kommission, welche mit der Untersuchung der Kolonisationsfrage beauftragt war, nach Algerien. In seiner Schrift "Colonisation de l'Algérie" (Par. 1843) gab er eine klare Erörterung der Frage. Nach der Februarrevolution redigierte er wieder ein Journal, "Le Crédit public", das viel von dem alten Saint-Simonistischen Geist in sich hatte, aber bald aus Geldmangel einging. Später ward er bei der Verwaltung der Lyoner Bahn angestellt. Er starb 31. Aug. 1864. Von seinen Schriften verdienen hauptsächlich Erwähnung: "Économie politique et Politique Saint-Simonienne" (1831); "Morale" (1832); "Le livre nouveau" (1832); "La religion Saint-Simonienne" (1831). Seine Werke erschienen gesammelt mit denen von Saint-Simon in 17 Bänden (Par. 1865 ff.).

Enfants de France ("Kinder Frankreichs"), in Frankreich ehedem Bezeichnung der legitimen Kinder und Enkel des regierenden Königs, während die übrigen Verwandten desselben princes und princesses du sang ("Prinzen" und "Prinzessinnen von Geblüt") hießen.

Enfants de troupe, in den franz. Regimentern Söhne von Militärs (1-2 bei einer Kompanie, Eskadron oder Batterie), die auf Staatskosten erzogen wurden; durch Gesetz vom 19. Juli 1884 aufgehoben. Es erhalten jetzt die Familien, deren Söhne durch eine Kommission hierfür vorgeschlagen werden, Erziehungsgelder von 100-180 Frank jährlich; mit dem 13. Lebensjahr treten die Knaben in Militär-Vorbereitungsschulen, deren sechs: zu Rambouillet, Montreuil sur Mer, Bayeux, Bagnols sur Cèze, Pézénas und Bourges, errichtet sind.

Enfants perdus (franz., "verlorne Kinder"), im Mittelalter und bis ins 17. Jahrh. leichte, mit Arkebusen bewaffnete Truppen, welche beim Sturmlauf die ersten waren und deshalb für verloren galten.

Enfants sans souci (franz.), Name einer Gesellschaft, welche unter Karl VI. in Paris zur Darstellung von Spottspielen, den sogen. sotties, privilegiert worden war und der Confrérie de la passion (s. d.) sowie der Genossenschaft der Bazoche (s. d.) große Konkurrenz bereitete. Sie stand unter einem eignen Oberhaupt, das den Titel "prince des sots" ("Fürst der Narren") führte, wurde aber wegen der zügellosen Rohheit, in die sie später verfiel, mehrmals unterdrückt und fand 1659 ihr definitives Ende.

Enfant terrible (franz., "Schreckenskind"), ein plauderhaftes Kind, das durch Wiedererzählung gehörter oder gesehener Dinge etc. seinen Angehörigen Verlegenheiten bereitet; daher im weitern Sinn jemand, der seine Partei oder Sache kompromittiert. Der Ausdruck soll vom Zeichner Paul Gavarni (s. d.) herstammen, der ihn als Titel für einen seiner komischen Bilderbogen erfand.

Enfield (spr. ennfihld), Stadt in der engl. Grafschaft Middlesex, 16 km nördlich von der Londonbrücke, mit (1881) 19,119 Einw., ehemals berühmt wegen seines wildreichen, jetzt längst vernichteten Waldes. In der Nähe eine berühmte Gewehrfabrik der Regierung.

Enfield-Gewehr, s. Handfeuerwaffen.

Enfilade (franz., spr. angfilad), in der Baukunst eine Zimmerreihe in solchem Zusammenhang, daß bei geöffneten Mittelthüren der Blick durch alle Zimmer geht; auch Längenfeuer (s. Enfilieren).

Enfilieren (franz., spr. ang-), einfädeln; aufreihen, verstricken (in ein Unternehmen); militärisch: eine Truppenaufstellung, Festungsfronte oder Festungslinien in der Richtung ihrer größten Länge beschießen, weniger um bestimmte Punkte zu treffen, als um größere Raumstrecken unsicher zu machen. Im Festungskrieg (s. d.) legt dazu der Angreifer mit schweren Geschützen armierte Enfilierbatterien an.

Enfin (franz., spr. angfäng), endlich; kurzum.

Enflammieren (franz.), entflammen.

Enfle (franz., spr. angfl, von enfler, "anschwellen"), sehr einfaches Spiel mit Whistkarte, meist unter sechs Personen, wobei jede acht Blätter erhält. Wer dem Geber zur Rechten sitzt, spielt aus, und die andern müssen die gespielte Farbe bedienen. Hat jeder die Farbe, so spielt der weiter, welcher mit dem höchsten Blatte den Stich machte. Hat aber jemand die Farbe nicht, so "schwillt" er, d. h. er muß alle Blätter des unterbrochenen Stiches zu den seinen einziehen. Der "Geschwollene" spielt aber wieder an. Wer zuerst aller Karten ledig ist, hat die Tour gewonnen.

Enfleurage (franz., spr. angflörahsch'), Blumenduftgeben, s. Parfümerie.

Enfoncieren (franz., spr. angfongfs-), in die Tiefe versenken; ein-, durchbrechen; sich in etwas vertiefen; einsinken. Enfoncement (spr. angfongss'mang), Vertiefung, Hintergrund (eines Gemäldes, der Bühne etc.).

Enforcieren (franz., spr. angforss-), verstärken.

Enfumieren (franz., spr. angfü-), einräuchern.

Engadin (rätoroman. Engiadina, Engadina), Bergthal im schweizer. Kanton Graubünden, eins der höchstgelegenen bewohnten Thäler Europas und von mehr als 80 km Länge, bildet die obere Thalstufe des Inn und zerfällt in zwei völlig verschiedene Hälften, das Ober- und das Unter-E., die durch die Puntauta (hohe Brücke) getrennt sind. Das erstere, an Großartigkeit der Gebirgswelt und an Umfang der Gletschermassen mit den besuchtesten Alpengegenden wetteifernd, hat bei einer Seehöhe von 160-1800 m ein ziemlich kaltes Klima, so daß der Winter fast zwei Drittel des Jahrs einnimmt; Schnee mitten im Hochsommer fallen zu sehen, ist ebensowenig eine Seltenheit wie im Winter eine Temperatur von -35° C. Aber an schönen Sommertagen ist die Landschaft von anziehendem Charakter. Den grünen Wiesengrund des Thals fassen beiderseits Berge ein, hinter denen erst die Schneegipfel hervorschauen. Die Abhänge der südlichen Berge tragen vom Fuß an Nadelwälder; über diesen folgt die Stufe der obern Alpweiden, und man kann hier stundenweit die Grenzlinie beider am Abhang wagerecht und scharf gezeichnet sehen. Das Ober-E. steht durch die Pässe des Bernina und des