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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Englische Litteratur

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Englische Litteratur (altenglische Periode, Mittelalter).

jedermann der Dichtung ob, und keinem ziemte es, die Harfe beim Gelag vorübergehen zu lassen. Doch bildete sich, ähnlich wie im skandinavischen Norden, ein eigner Stand der Sänger (scóp) aus, die als Bringer der Lust von Burg zu Burg wanderten und Lieder und Neuigkeiten verbreiteten. Ein solcher, Widsith (Weitfahrer), ist der Held des vielleicht ältesten Denkmals englischer Dichtung, einer reichen Fundgrube für Sage und Mythus. So war die Dichtung Eigentum des Volkes und fand Wohlgefallen an volkstümlichem, sagenhaftem Stoff, wie in "Deors Klage" und manchem Beispiel der Spruch- und Rätselpoesie; epische Stoffe der Gegenwart feiern später noch das "Lied von Brunanburh" (937) und "Byrhtnoths Tod" (991). Unwillkürlich drängte sich jedoch hier christliche Färbung auf, wie im Gedicht vom "Seefahrer". Eines durchaus biblischen Gegenstandes bemächtigte sich der Northumbrier Kädmon (etwa 670, Hymnus, Genesis?), dem andre mit einer zweiten Bearbeitung der Genesis, einer epischen Wiedergabe des Exodus, des Daniel u. a. folgen. Auch Kynewulf (s. d.) besingt in seiner zweiten Periode Christentum und einzelne Heilige. Eine geistliche Lyrik fehlt nicht. So erobert die Kirche ein bedeutsames Gebiet, vermittelt aber gleichzeitig eine gelehrte Bildung, die populär zu machen König Alfred, nachdem er die einfallenden Dänen abgewehrt, sich zur Aufgabe stellt. Er übertrug die Historien des Orosius und die Kirchengeschichte des Beda in die Volkssprache und lehrte damit seinem Volk Geschichte, mit der Bearbeitung von Boethius' "Consolatio philosophiae" sogar Weltweisheit. Weiteres s. Angelsächsische Sprache und Litteratur.

II. Von der Eroberung Englands durch die Normannen bis Chaucer (1066-1400).

Mit dem Lied von Roland waren die Normannen in die Schlacht gezogen, in der Harald fiel und sein trotziges Heer erlag. Bezeichnend genug: germanischen Geblüts, hatten sie an den Ufern der Seine französische Sprache und Dichtung angenommen. Beides verleugneten sie als Herren Englands nicht; der einheimischen Sprache wurde ein fremder Organismus aufgezwängt, den sie erst nach langem Ringen überwand, und auch die Dichtkunst wurde durch romanische Stoffe und Formen bereichert. Nicht daß der nationale Sang gänzlich verstummte: in Sumpf und Wald vom Eroberer zurückgedrängt, durch harte Gesetze bedrückt, freute sich der sächsische Bauer seiner Volkshelden, die dem Fremden die Spitze boten, und der Haß gegen die Normannen begeisterte zum Lied. Gestalten wie Robin Goodfellow, Robin Hood, Alfred, später King Horn und Havelok durfte der englische Spielmann seinem Publikum immer wieder vorführen und des Beifalls sicher sein. Herrschend aber war die Poesie des Herrschers. Die altfranzösische Dichtung findet glänzende Vertreter auf britischem Boden: allen voran steht der Oxforder Text des "Chanson de Roland". Philipe von Thaun dichtet in sechssilbigen Reimpaaren seinen "Compuz" (etwa 1119) und später ein "Bestiaire"; reproduziert werden die Legende vom heil. Brandan, der Roman von Tristan. Wace behandelt national kirchliche wie profane Stoffe, das Leben des heil. Nikolas, die altbritischen Königssagen im "Brut d'Engleterre", die bis 1106 reichende Geschichte der normännischen Herzöge und Könige im "Roman de Rou"; auch übertrug er das fabelreiche Geschichtswerk des Galfrid von Monmouth (1155). Er betritt damit den Weg historischer Dichtung und findet Nachahmer. Aber auch leichtere poetische Gattungen dringen ein; gern hört die höfische Gesellschaft die Lais, Dits und Fabliaux des Jongleurs: als Repräsentantin dieses Genres pflegt Marie de France zu gelten. Nicht minder erwarb sich die Lyrik Frankreichs in England Freunde. König Richard Löwenherz war mit dem Troubadour Bertran de Born eng verbunden und dichtete selbst in französischer, vielleicht gar provençalischer, Sprache. Alles dies konnte auf die nationale Dichtung nicht ohne Einfluß bleiben. Schon vor der Eroberung war die Allitteration dem Endreim allmählich gewichen, nun löste sich die Langzeile zum Reimpaar, auch Strophen wurden nicht verschmäht. Die Ritter des Grals und der Tafelrunde entzogen den reckenhaften Gestalten altsächsischen Heldentums das Interesse, die leichten, novellenhaften Erzählungen verdrängten die Berichte von Episoden aus Schlacht und Fehde. Am meisten entzogen sich die geistlichen Dichter diesen Einflüssen: der Verfasser des "Poema morale", einer Predigt in Versen aus dem Ende des 12. Jahrh., baut seine gereimten Verse nach antikem Muster, ebenso wie ein Vierteljahrhundert später der Augustinermönch Orm in seiner "Ormulum" genannten Homiliensammlung. Zwischen beiden aber steht Layamon (um 1180), der Waces "Brut" zu einem neuen, ebenso benannten Werk umschuf. Ist ihm die Allitteration auch Regel, so bleibt doch der Reim nicht ausgeschlossen; sein Original erweitert er bedeutend und ist auch in der Darstellung demselben weit überlegen. Gleichzeitig warf sich die Thätigkeit dichtender Leute auf die Übersetzung und Bearbeitung französischer und anglonormännischer Romane. Aus der großen Zahl dieser Produktionen seien nur "Floriz and Blancheflur" und "Sir Tristrem" (hrsg. von Kölbing, Heilbr. 1882) genannt, letzterer in strophischer Form. Daß auch nationale Stoffe bald in gleicher Weise behandelt, englische Helden wie Alexander und Roland gefeiert wurden, kann nicht auffallen; so entstanden die Dichtungen: "Richard Cœur de Lion", "Guy of Warwick", "Bevis of Hamptoun", "King Horn", die teils in Reimpaaren, teils in Strophen abgefaßt sind. Nachdem diese Poesie, in Verbindung mit Legenden- und Novellendichtung, ein volles Jahrhundert geherrscht, konnte eine Reaktion zu gunsten minder weltlicher Stoffe nicht ausbleiben: christliche Lebensanschauung, moralische Tiefe treten den leichtfertigen Erzeugnissen einer etwas abgelebten Epik entgegen. Der "Cursor mundi" ist eine poetische Wiedergabe der heiligen Geschichte und mit zahlreichen Legenden durchflochten. Der unbekannte Verfasser dichtete es zu Ehren der Gottesmutter und zur Belehrung seiner Landsleute im ausgesprochenen Gegensatz zu der Frankreich entlehnten Litteratur seiner Zeit. Ihm schließt sich William de Shoreham an, dessen Gedichte (hrsg. von Th. Wright, Lond. 1849) sich mit den Sakramenten und Dogmen der Kirche beschäftigen und die kirchliche Lehre einem ungläubigen Skeptiker vortragen. Diese didaktische Tendenz gab in Dan Michels "Ayenbite of inwyt" ("Stachel des Gewissens", 1340) die poetische Form auf; auch die meisten Werke des gleichzeitigen Einsiedlers Richard Rolle von Hampole (gest. 1348) verschmähen sie. Doch beruht die Bedeutung dieses Predigers der Askese auf seinem Gedicht "The pricke of conscience" ("Stachel des Gewissens"), das mit grellen Zügen die menschliche Schwäche und das Elend der Kreatur ausmalt, um den Leser zur Einkehr in sich selbst zu vermögen. Gleich ihm ist Robert Longlande ein Eiferer für Sittlichkeit und Entsagung. In den Visionen des "Pierce Plowman" (hrsg. von Skeat, Lond. 1869-73), die er 1362 begann, erhebt er seine Stimme zur Buß-^[folgende Seite]