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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Englische Litteratur

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Englische Litteratur (Ausgang des 18., Anfang des 19. Jahrhunderts).

Dramen der beiden vorgenannten weit hinter sich lassen, so bleibt der Ton, der bei ihm vorherrscht, doch nicht minder der der flachen Alltäglichkeit und hausbackenen Gewöhnlichkeit. Ungleich größer ist der Wert der Lustspieldichtung jenes Zeitraums. Zu ihren ausgezeichnetsten Vertretern gehört zunächst der geniale Schauspieler Samuel Foote (1719-77). Seine Komödien tragen ohne Ausnahme den Charakter persönlicher Satire, und das Beste an ihnen ist in der Regel der Entwurf, während die Ausführung an einer gewissen Hast und Überstürzung im Schürzen und Lösen des dramatischen Knotens leidet. Der hervorstechendste Vorzug in Footes Stücken ist die markige Charakteristik seiner Gestalten. Näher dem kunstmäßigen Lustspiel stehen die Komödien des großen Mimen und Shakespeare-Darstellers David Garrick (1716-79); als bedeutendster Lustspieldichter seiner Zeit aber muß Richard Brinsley Sheridan (1751-1816) bezeichnet werden. Seine beiden berühmtesten Stücke ("The Rivals" und "The school for scandal") gehören zu dem Besten, was die dramatisch-komische Muse hervorgebracht hat. Fast ununterbrochener, epigrammatischer Witz sprudelt in dem Dialog dieses Lustspiels, auch Handlung und Charaktere verdienen Lob; possierliche Ereignisse konnte Sheridan wie kein andrer erfinden, er kannte genau die Schwächen der Gesellschaft. Um diese Periode entstand auch die eigentliche Posse, die bald eine große Rolle in der dramatischen Litteratur Englands spielte und auch auf das Lustspiel Einfluß übte. Ihre vorzüglichsten Vertreter waren (außer Garrick) H. Fielding, Charles Macklin (gest. 1797), James Townley (gest. 1778) und vor allen der schon genannte Sam. Foote. Die Litteratur wurde indessen vom Hof und vom Publikum so schlecht unterstützt, daß die Dichter, um nicht zu hungern oder, wie Richard Savage, in Spelunken unterzugehen, zum Schwindel ihre Zuflucht nahmen, wie David Mallet (gest. 1765), oder zur Fälschung, wie der ebenso talentvolle wie unglückliche "Wunderknabe" Thomas Chatterton (1752-70) oder der Schotte James Macpherson (1738-96) mit seinem Pseudo Ossian. Andre, wie R. Lloyd (gest. 1764), Churchill (gest. 1764) und später John Wolcot ^[richtig: Wolcott] (gest. 1819), rächten sich an der schlimmen Zeit durch Satiren oder endeten, wie Chr. Smart (gest. 1770), im Irrenhaus oder Schuldgefängnis.

V. Vom Ausgang des 18. Jahrh. bis auf die Gegenwart.

Macphersons "Ossian" war eine Täuschung, aber ganz Europa sog begeistert die vermeintlich uralte Poesie ein. Nicht nur die Empfindsamen schwelgten, wie Goethes Werther, in den Nebeln des keltischen Bardengesanges, auch starke Seelen freuten sich seiner. Es liegt etwas Rührendes in dieser Freude, und sie ist ein Zeichen der Zeit, ein Zeichen, daß das Ursprüngliche, das Alte wieder die Oberhand gewinnt über das Gezierte, Moderne. Mit Macht rüttelte man an den Ketten, in die der französische Klassizismus überall den Geschmack geschlagen, und eine Fessel fiel nach der andern. Das Feuer glimmte auch nicht unter der Asche: mehr als ein Hauch wehte herbei, um es zur Flamme anzufachen, und England nahm daran hervorragenden Anteil. Größern Einfluß als der gefälschte "Ossian" gewann hier wie in Deutschland Thomas Percys Volksliedersammlung "Reliques of ancient English poetry" (1765). Hier liegt altes, echtes Gut aufgehäuft. Percys Beispiel fand Nacheiferung, und überall, in Deutschland besonders durch Herder und Goethe, wurde man auf die Schätze volkstümlicher Dichtung aufmerksam und begann, sie sorgfältig zu sammeln. Dies Studium der Volkspoesie, die befruchtend auf die Kunstdichtung einzuwirken berufen ist, bildet einen Grundpfeiler der Romantik. Auch Garricks Wiederbelebung Shakespeares, die eine neue Würdigung des Dichters anbahnte, war eine wichtige That: stellte sie doch den großen Briten den klassischen Franzosen gegenüber, seine scheinbare Regellosigkeit der pedantischen mißverstandenen Regelmäßigkeit, und zeigte dem erstaunten Zeitalter den innigen Zusammenhang der Kunst und der Natur. Garrick ist es zu danken, daß das englische Volk seinen größten Dichter wieder kennen und verstehen lernte; ihm, daß Shakespeares Bedeutung auch bei uns gewürdigt werden konnte. Daneben macht sich selbst das bürgerliche Trauerspiel trotz seines bedenklichen Charakters als ein Fortschritt und eine für die Zeit bezeichnende Erscheinung geltend. Freilich kann der Misere nichts Großes begegnen, nichts Großes durch sie geschehen; aber ihr Schicksal rührte das Herz, während Cäsar und Andromache, die in der Allongeperücke auf steifem Kothurn agierten, mit ihren wortreichen Alexandrinern kalt ließen.

So war von verschiedenen Seiten das erlösende Wort erklungen; neu errungen schienen Luft und Licht, und beide Errungenschaften gaben einer Reihe höchst bedeutsamer Dichter Kraft und Gedeihen. Zunächst macht sich in Schottland ein Aufschwung bemerkbar. Durch die aus dem Herzen des Volkes entstandenen Jakobitenlieder, welche die Triumphe und Leiden des Prätendenten Karl und das Unglück des blutig niedergedrückten Volkes besangen, durch das Pastoraldrama Allan Ramsays (1686-1758) und die Ergüsse geselliger Freude des jungen Robert Fergusson (1751-74) war dem größten lyrischen Genie Großbritanniens, dem Bauernsohn Robert Burns (1759-96), der Weg bereitet. Dieser Dichter, auf den die Volkspoesie seiner Heimat den stärksten Einfluß geübt hat, war nach Thomas Carlyle zum Poeten geboren, die Dichtung war das himmlische Element seines Wesens. Armut, Verkennung und alles Übel, nur nicht Entweihung seiner selbst und seiner Kunst, dünkten ihm ein Geringes. Eine Jugend wie von grünen Feldern und Berglüften lebt in seiner Dichtung, sie erinnert an das Naturleben und an rüstige Naturmenschen. Er rührt unser Herz oder entflammt es mit einer Gewalt, die er wie eine bloße vertraute Gewohnheit ausübt. Thränen liegen in ihm und verzehrendes Feuer, wie der Blitz in der feuchten Sommerwolke versteckt ruht. War Burns ganz und gar Lyriker, so erstand in Walter Scott (1771-1832) der Heros des neuromantischen Epos. Das geschichtliche Leben seines englischen, zumeist aber das seines engern schottischen Vaterlandes wurde für ihn zum unerschöpflichen Quell der Dichtung. In allen seinen Werken, vom ersten bis zum letzten, entfaltete Scott eine ganz wunderbare Kunst des Erzählens, aus allen spricht eine Natur von den seltensten sittlichen und intellektuellen Vorzügen. In den bestgelungenen aber offenbaren sich noch daneben der feinste historische Instinkt und ein wahrhaft einziges Vermögen, durch lebhaftes Kolorit und sehr detaillierte Schilderung den Leser in die Zeiten zu versetzen, in welche er seine romantischen Begebenheiten verlegt. Als Romantiker im besten Sinn kennzeichnet sich Scott durch die Vorliebe für das mittelalterliche Leben, vorzüglich für die schottische Vorzeit. Von dem, was uns bei deutschen Romantikern störend entgegentritt, von Verschwommenheit in der poetischen Gestaltung, von Nebelei der Empfindungen und Schwebelei der Gefühle, findet sich bei Scott gar