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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Englische Litteratur

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Englische Litteratur (19. Jahrhundert).

nichts. Der tiefste Kern seines Wesens war durch und durch gesund. Durch seine romantischen Erzählungen in gebundener Rede ("The lay of the last minstrel", "The lady of the lake" etc.), noch mehr aber durch seine Prosaromane (von denen wir nur "Ivanhoe", "Kenilworth", "Rob Roy", "Quentin Durward", "Guy Mannering" als unvergleichliche Schöpfungen namhaft machen) ist er der gefeierte Liebling seines Volkes, das mit Begeisterung gelesene, nachgeahmte, ausgebeutete Romanvorbild aller zivilisierten Völker und namentlich der Vater des deutschen historischen Romans geworden. Während Scott in Schottland das Zeitalter der Neuromantik einführte und großartig vertrat, blieb auch Irland nicht zurück, sondern sandte einen glänzenden Vertreter in den britischen Dichterkreis. Nur wenig hatte die Grüne Insel bisher an der litterarischen Bewegung teilgenommen, jetzt aber ruhten die Traditionen des irischen Volkes nicht länger im Verborgenen: wie gewaltige Geister drangen sie in die Seele des Auserwählten und begeisterten ihn zu dichterischer Schöpfung. Thomas Moores (1779-1852) "Irish melodies" ließen seine ersten unbedeutenden, der anakreontischen Manier huldigenden Gedichte ("Tom Little's poems") vergessen und reihten das als untergeordnet betrachtete Irland wenigstens litterarisch würdig an Schottland und England. Von Moores Werken verdienen noch "The sacred songs" und "The national airs" Erwähnung, besonders aber "Lalla Rookh, an oriental romance", eine Dichtung, die sich durch ebenso liebliche wie farbenprächtige Schilderungen des Morgenlandes auszeichnet. In England versuchte George Crabbe (1754-1832), der Wirklichkeit des Alltagslebens poetische Seiten abzugewinnen, entwickelte aber in seinem Realismus, der namentlich die rauhen und düstern Seiten des Volkslebens zum Gegenstand nahm, oft mehr Treue der Schilderung als dichterische Schönheit. Bedeutender ist daher eine Gruppe von Dichtern, die, nüchtern und gemäßigt, im stande waren, Ausschreitungen der Romantik, wie sie andre Völker sahen, zu paralysieren. Die Richtungen, welche Walter Scott und Moore vertraten, enthielten gefährliche Keime, und mehr als einer ihrer Nachahmer scheiterte an den Klippen, die des einen orientalischer Schimmer, des andern nordische Nebel verhüllten. Man hat jener Gruppe den Namen einer Schule gegeben (the lake-school, Lakisten), obgleich sie eigentlich des Kennzeichens einer Schule, eines anerkannten Gesetzbuchs, entbehren. William Wordsworth (1770-1850), Samuel Taylor Coleridge (1772-1834), Robert Southey (1774-1843) und John Wilson (1789 bis 1854) sind die hervorragenden Vertreter dieser Richtung. Zum Teil durch Freundschaft und Verwandtschaft verbunden, verbrachten die drei erstgenannten einen großen Teil ihres Lebens an den Ufern der prachtvollen Seen Westmorelands und Cumberlands, ein Umstand, der ihrer Vereinigung den Namen gab. Die Dinge zu nennen, wie sie heißen, so darzustellen, wie sie existieren, wie sie leben in der Wirklichkeit und nicht in abstrakter Phantasie, mit Einem Wort Natürlichkeit ist das Ziel ihres dichterischen Strebens. Wordsworth beschrieb, wie einst Goldsmith, seine Alpenwanderungen, später seine Streifzüge im Gebiet der nordenglischen Seen und gab im Verein mit Coleridge "Lyrical ballads" (1798) heraus. Beide Freunde gingen zusammen nach Deutschland, wo sie unsrer Litteratur, gleichzeitig aber auch der neubegründeten Naturphilosophie näher traten. In beiden Richtungen wirkten sie in der Heimat: Wordsworth schrieb das philosophische Gedicht "The recluse", Coleridge schenkte seinen Landsleuten eine vortreffliche Übersetzung von Schillers "Wallenstein", während er in seinen selbständigen Gedichten ("The ancient mariner", "Christabel") gern schauererregende Stoffe behandelt, sich überhaupt der romantischen Richtung von allen Lakisten am meisten nähert. Southey glänzt im Epos ("Joan of Arc", "Thalaba", "Madoc", "Kehama") und in der Ballade durch reiche Phantasie wie formelle Gewandtheit, während der Schotte John Wilson den Roman, die poetische Erzählung und das Drama ("The city of the plague") pflegte. Ferner stehen den Lakisten die Dichter: Samuel Rogers (1762-1855), der zuerst als Didaktiker auftrat ("The pleasures of memory") und sich dann später mehr der romantischen Richtung ("Jacqueline", "The voyage of Columbus", "The human life") zuwandte; Thomas Campbell (1777 bis 1844), der vom Lehrgedicht ausging, in welchem er durch "The pleasures of hope" außerordentlichen Erfolg errang, und dann hauptsächlich die Gattung der kleinern poetischen Erzählung pflegte, in der er sehr Anmutiges und Reizendes geschaffen hat ("O'Connor's child", "Gertrude of Wyoming" etc.); W. Lisle Bowles (gest. 1850), W. Savage Landor (1775-1864, "Gebir", "Count Julian"), Charles Lamb (gest. 1834), Leigh Hunt (1784-1859, "Story of Rimini"), Felicia Hemans (1794-1835, "The voice of spring") u. a. Das fromme und religiöse Element nach dem Vorbild des Geistlichen R. Blair (gest. 1747, "The grave") vertraten J. ^[James] Grahame (gest. 1811, "The sabbath"), W. Sotheby (gest. 1833), Bischof Reginald Heber (gest. 1826), R. Pollock (gest. 1827), W. Knox (gest. 1825) und die beiden Montgomery (James und Robert). Die zu früh gestorbenen Dichter G. Kirk White (gest. 1806), J. ^[John] Leyden (gest. 1811) und besonders John Keats (gest. 1821, "Endymion") u. a. erweckten als Lyriker und Balladendichter schöne Hoffnungen. Sie alle überragt der gigantische Genius George Byrons (1788 bis 1824). Ein glänzendes Gestirn, leuchtet er am Firmament der Weltlitteratur, wo er geeignet schien die streitenden Kräfte entgegengesetzter Sphären zu versöhnen. So faßte ihn Goethe auf, der bewundernd seiner Bahn folgte, und ähnlich empfanden die Zeitgenossen. Leider waren die mächtige Phantasie, das heiße Gefühl des Dichters schon in früher Jugend durch unglückliche Familienverhältnisse und eine mangelhafte Erziehung in falsche Wege geleitet und so jede harmonische Entwickelung seines Charakters und seiner Gaben im Keim vernichtet. Byrons ganzes Leben und Dichten krankt an den tausend Widersprüchen seines exzentrischen Selbst und reibt sich auf an ungelösten Rätseln und unvereinbaren Kontrasten. Sittlich erhaben, durchaus ideal heute, versinkt er morgen in gemeinen Cynismus und krassesten Realismus. Dies verkümmert oft den Genuß seiner herrlichen Schöpfungen, besonders der umfangreichern des frivolen, in satirischer Hinsicht scharf treffenden "Don Juan" und der an glänzendem Kolorit reichen, doch gram- und schmerzerfüllten Dichtung "Childe Harold's pilgrimage". Dagegen ist Byron Meister der poetischen Erzählung, deren Behandlung er ein eignes Genre schuf. Seine Dramen bedeuten als solche wenig; sie sind deklamatorisch, wie "Marino Faliero", "The two Foscari", oder eigentlich nur Monologe, wie "Manfred" und das großartig konzipierte Mysterium "Cain". Byrons Freund Percy Bysshe Shelley (1792-1822) war eine sittlich höher stehende Persönlichkeit als jener.