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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Englische Sprache

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Englische Sprache.

von tiefgreifender Bedeutung auch für die Sprache der Besiegten. Ursprünglich altnordisch, also einen dem angelsächsischen ganz nahe verwandten Dialekt redend, hatten jene noch nicht zwei Jahrhunderte nach ihrer Niederlassung in der Normandie durchaus französische Sprache und Sitte angenommen. Dieses Normännisch-Französische nun, eine Mundart der langue d'oïl, wurde durch Wilhelm den Eroberer zur Hof-, Gerichts-, Geschäfts- und Schulsprache erhoben, während das Lateinische der Kirche und Gelehrsamkeit verblieb und das Angelsächsische sich nur bei dem niedern Volk erhielt. Jener romanische Dialekt wirkte nun auch auf letztere Sprache ein; französische Wörter zeigen sich hier im Lauf der Zeit in immer größerer Anzahl; französische und deutsche Accentuation gehen bald nebeneinander her. Außerdem aber beginnt der Ablaut beim Zeitwort zu schwanken; der Unterschied zwischen starker und schwacher Substantiv- und Adjektivsflexion schwindet allmählich, die vollern Flexionsvokale werden gleichförmig zu e; neben die gewöhnliche deutsche Steigerungsweise tritt die umschriebene (mit more und most). Auch wurden die angelsächsischen Buchstaben mit den Schriftzügen der Normannen vertauscht, die alsdann, natürlich modifiziert, in stetem Gebrauch geblieben sind. In dieser mit dem 12. Jahrh. beginnenden neuen Periode der englischen Sprache, die bis zum Auftreten von Shakespeare und F. Bacon dauert, und die man am besten als die mittelenglische oder (falls man die erste Periode die angelsächsische anstatt altenglische nennt) als die altenglische bezeichnet, hat man wiederum unterschieden: a) die neuangelsächsische (Koch) oder halbsächsische Periode (Mätzner), dem Semi-Saxon der Engländer entsprechend, bis 1250; b) die altenglische, bis 1350, und c) die mittelenglische, bis gegen Ende des 16. Jahrh. An eine irgendwie einen wirklichen Einschnitt machende Veränderung in der Sprache ist jedoch bei keiner dieser Perioden zu denken, und die Einteilung hat keine wissenschaftliche Berechtigung. Unter Eduard III. (1327-77) wurde, nachdem schon das Englische zur Geschäftssprache geworden und durch die Kriege mit Frankreich das französische in England mehr und mehr außer Gebrauch gekommen war, 1362 durch einen Erlaß das französische als Gerichtssprache durch das Englische ersetzt. An Eduards Hof erhielt sich zwar jenes noch; doch als um Ende des Jahrhunderts das Haus Lancaster den Thron bestieg, führte man auch als Hofsprache das Englische ein. Um die Mitte des 15. Jahrh. trat nun eine Beschleunigung des sprachlichen Umschwunges ein, der aber nicht von der Art war, daß das Neuenglische sich durch eine scharfe und zeitlich streng innegehaltene Grenzlinie von dem Mittelenglischen abhöbe. Als allgemeine Unterscheidungsmerkmale dieses Neuenglischen von der vorhergegangenen Periode gelten: gleichmäßigere Regelung der Orthographie; das Eindringen zahlreicher lateinischer und die Erweiterung des Gebiets französischer Wörter bei gleichzeitigem Verlust germanischer; die starken Verben vermindern sich; im Präteritum bleibt für Singular und Plural nur ein Ablaut (früher z. B. Sing. wan, Plur. wonnen, jetzt nur won); Person- und Modusbezeichnung schwindet fast gänzlich; das aktive Partizip geht auf -ing anstatt auf -end aus; die adjektivische Flexion ist ganz geschwunden, die substantivische bewahrt nur noch s als Zeichen des Genitivs im Singular und des ganzen Plurals; eine große Anzahl romanischer Wörter erhält nur deutsche Accentuation; allseitige stilistische Durchbildung, die zu den höchsten Leistungen auf allen Gebieten der Poesie und Prosa befähigt. Schon unmittelbar nach dem Beginn der neuen Periode legen Marlowe und Shakespeare, F. Bacon und die "Authorized version" der Bibel (1607-11) das herrlichste Zeugnis hierfür ab. Daß auf die Bildung dieses litterarischen Idioms auch Ereignisse von allgemein kulturgeschichtlicher Bedeutung, wie die Einführung der Buchdruckerkunst (in England durch Caxton), die Reformation, das Wiederaufleben der klassischen Studien, von hervorragendem Einfluß gewesen sind, darf bei der Betrachtung der Entwickelung der englischen Sprache nicht außer acht gelassen werden.

Am Wortschatz hat das Angelsächsische und nach ihm das Normännisch-Französische den größten Anteil, und zwar mögen etwa fünf Achtel sämtlicher Wörter dem erstern zufallen. In wissenschaftlichen Werken ist natürlich die Anzahl der angelsächsischen Wörter am geringsten. Deutsche Benennung herrscht vor in den Namen für Naturgegenstände und Naturerscheinungen, für Kleidung und Waffen, für die Geräte der Haus- und Landwirtschaft und der Schifffahrt; französisch hingegen sind alle Ausdrücke, welche im Hof- und Staatsleben gebräuchlich sind, die Bezeichnungen für Titel und Würden, Künste und Wissenschaften. In Beziehung auf die Sprachformen verdankt das Englische, außer seiner Betonung, dem Angelsächsischen die Reste seiner Substantiv-, wie Verbalflexion, seine Hilfsverben, seine Artikel, sein Zahlwort (ausgenommen das schon früh für other eingetretene second), die meisten Verhältnis- und Bindewörter, seine Steigerungsformen wie seine Adverbialbildung. Unter französischem Einfluß steht die Wortfolge; auch auf die Aussprache einzelner Laute mag das französische eingewirkt haben. So werden ihm die Verstummung des l vor andern Konsonanten, das teilweise Verstummen von h und gh sowie der Übergang des gutturalen k in den Zischlaut ch (= tsch) zugeschrieben. Bei der Erlernung des Englischen bietet hauptsächlich die Orthographie und Aussprache viel Schwierigkeit, da man die alte Schreibweise beibehielt, während der Laut ein andrer wurde; z. B. ear (Ohr) wurde früher wirklich ear ausgesprochen, dann er und zuletzt îr. Mit einer bessern Regelung ihrer Orthographie sind die Engländer übrigens seit Jahren beschäftigt (vgl. Pitman). Eine weitere Schwierigkeit liegt in dem ungeheuern Wortreichtum und dem teilweisen Mangel an scharf ausgeprägten grammatischen Regeln, der dazu zwingt, sich mehr durch Lektüre das Idiom zu eigen zu machen. Die Hauptvorzüge der englischen Sprache sind ihr Reichtum, indem sie meist für einen Ausdruck sowohl ein deutsches als ein französisches Wort hat (z. B. to begin und to commence, freedom und liberty), die Klarheit der grammatischen Konstruktion, ihre Kürze und Gedrängtheit; arm hingegen ist sie im Vergleich zum Deutschen und mehr noch zum Griechischen an die Rede nüancierenden Partikeln. Das Englische ist jetzt die verbreitetste Sprache und wird in allen Erdteilen gesprochen, wenn auch natürlich je nach dem Land mit mehr oder weniger dialektischen Eigentümlichkeiten, wie sie z. B. das Nordamerikanische aufweist.

Die e. S. im weitern Sinn zerfällt zunächst in das Englische im engern Sinn und das Schottische. Sie hatte schon in ihrer ältesten, der angelsächsischen, Periode verschiedene Dialekte, die sich im Lauf der Zeit noch mannigfaltiger gestalteten. Die Gruppierung derselben ist bei den Grammatikern etwas verschieden. Mätzner z. B. teilt sie in die westliche, die südliche und die nördliche Gruppe, wovon die südliche wieder in drei Unterabteilungen zerfällt; nach