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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Epopten; Epos

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Epopten - Epos.

Epopten (griech., "Zuschauer"), die in den dritten und letzten Grad der Eleusinischen Mysterien Aufgenommenen und damit zur vollständigen Erkenntnis der heiligen Geheimnisse Zugelassenen; auch spöttischer Name für die, welche sich einer nur wenigen Menschen zugänglichen, geheimern Erkenntnis oder gar einer unmittelbaren Anschauung göttlicher Dinge rühmen; daher auch s. v. w. Schwärmer.

Epos (Epopöe, griech.), eine Gattung der epischen (d. h. erzählenden) Poesie, welche außer dem E. selbst noch das Märchen, den Roman und die Novelle sowie die eigentliche Erzählung (s. diese Artikel) umfaßt. Das Charakteristische derselben besteht darin, daß sie (wirklich, vermeintlich oder angeblich) Geschehenes (Geschichte, Sage, Fabel) als geschehen (nach Lessing "Handlungen als Begebenheiten") statt, wie die dramatische Poesie, als geschehend ("Begebenheiten als Handlungen") darstellt. Form der Darstellung ist bei ihr, wie bei der dramatischen Poesie, das Nacheinander (die Succession), nur daß in der epischen Dichtung das nacheinander Dargestellte (die einzelnen Momente der Erzählung) zwar aufeinander folgt, aber nicht eben, wie in der dramatischen (die einzelnen Akte der Handlung), auseinander folgen muß. Die Verbindung der in der Zeit aufeinander folgenden Begebenheiten in der epischen. Dichtung kann daher eine wunderbare entweder sein (wie im Märchen und E.), oder doch wenigstens scheinen (wie im Roman und in der Novelle), während sie in der dramatischen eine nach dem Kausalgesetz notwendige nicht nur sein, sondern auch scheinen muß. Jene gestattet daher entweder wirklich (wie im Märchen und E.) oder doch wenigstens dem Scheine nach (wie im Roman und in der Novelle) den Eingriff übernatürlicher (persönlicher oder unpersönlicher, launischer oder sittlicher, guter oder böser) Mächte in den Lauf der Ereignisse (das Walten der Gottheit oder des Schicksals, dämonischer, neckender oder gesetzmäßig herrschender Geister, Mächte des Lichts und der Finsternis); das Drama schließt diesen aus (duldet keinen deus ex machina). Die epische Dichtung beruht entweder wirklich (wie im Märchen und E.) auf der Annahme einer Führung derjenigen, deren Schicksale sie berichtet, durch äußere Mächte (Zufall, Verhängnis oder Vorsehung), oder sie bringt (wie im Roman und in der Novelle) wenigstens den Schein einer solchen hervor; die dramatische dagegen zerstört auch den Schein, indem sie zeigt, daß ein jeder der Schmied seines Schicksals sei. Daher stellt das epische Gedicht seinen Helden passiv, von der Führung abhängig, das dramatische aktiv, sich selbst führend, dar. Odysseus, der von Athene in der Fremde und zu Hause, Dante, der von Vergil durch Hölle und Himmel geleitet wird, sind epische, Ödipus, der durch seine Selbstverblendung, Lear, der durch seine Unbesonnenheit, Richard III., der durch seinen verbrecherischen Ehrgeiz sein Schicksal heraufbeschwört, sind dramatische Helden. Jene werden bewegt, diese bewegen sich selbst. Jene zieht der Fluß der Begebenheiten mit sich fort, diese bringen ihn hervor. Verglichen mit dem rasch zum Ende fortstürzenden dramatischen ist der epische Fortgang in der Zeit ein zögernder. Während im Drama jeder Moment der Handlung nur dazusein scheint, um den folgenden aus sich hervorzutreiben, trägt die augenblickliche Lage im Epischen keine genügende Notwendigkeit in sich, zu einer nächstfolgenden überzugehen; die treibenden Mächte (Zufall oder Schicksal, freundliche oder feindliche) liegen außerhalb (nicht, wie im Drama, innerhalb) der Begebenheiten. Die Epik "hat Zeit"; es steht ihr frei, bei der in einem gewissen Zeitaugenblick vorhandenen Lage der Dinge und Personen beliebig zu verweilen, das eben Gegenwärtige behaglich ins Breite auszumalen, zu der ersten Dimension (der Zeitfolge) die zweite (das Gemälde des Gleichzeitigen) hinzuzufügen, das erzählende Element durch das beschreibende zu ergänzen. Das Interesse, das sie erweckt, ist daher ganz verschieden von jenem, welches die dramatische Darstellungsform erzeugt. Wie der epische Held, ist der epische Zuhörer geduldig; jener wartet sein Los, dieser den Fortgang der Erzählung ab; jenes weiß ersterer ebensowenig von sich wie diesen der Hörer von dem bisher Vernommenen abhängig; jenes wie dieser kann durch ein (wirkliches oder doch anscheinendes) Wunder ganz wider berechtigte Erwartung ausfallen. Vom dramatischen Helden wie vom Zuschauer des Dramas gilt das Gegenteil; jenen treibt es zur That, die sein Los, diesen zum Ausgang der Handlung, der seine Erwartung besiegelt; jener weiß sein Geschick von seinem Thun, dieser das künftig Eintretende von dem bereits Geschehenen abhängig; jenes wie dieses könnte nur durch ein (vom Drama ausgeschlossenes) Wunder wider die berechtigte Erwartung ausfallen. Durch dieses Passivitätsgefühl hat die Stimmung des epischen Helden wie des epischen Hörers etwas mit der religiösen (dem Abhängigkeitsgefühl und der Ergebung in das von außen verhängte Schicksal) gemein, das dem dramatischen fremd ist. Der epische Held duldet, der dramatische kämpft gegen sein Schicksal. Um dieser mit dem Gegenstand religiöser Verehrung verwandten Wirkung auf das Gemüt willen ist die epische Darstellungsform zur Aufnahme religiösen Gehalts vorzüglich geeignet, welche sie noch durch die Duldung wunderbaren oder doch wunderbar scheinenden Zusammenhanges unter den erzählten Begebenheiten unterstützt.

Am geeignetsten aber zu diesem Zweck ist diejenige Gattung der Epik, welche den letztern nicht bloß duldet, sondern fordert, die wunderbare Fügung der erzählten Begebenheiten durch übernatürliche Mächte nicht bloß dem Anschein nach, wie der Roman, oder nicht einmal dem Scheine nach, wie die Erzählung, sondern wirklich zuläßt und dabei den Schein der Wunderbarkeit nicht, wie das Märchen (welches das Übernatürliche als natürlich darstellt), vermeidet, sondern durch ausdrückliche Darstellung des Übernatürlichen als eines solchen provoziert. Diese Gattung ist das E. oder Heldengedicht. Dasselbe ist rein religiöser Natur, d. h. es setzt den Glauben an das Dasein und Walten übernatürlicher (nicht notwendig sittlicher) Mächte voraus, von deren Leitung das Menschenschicksal abhängt. Jede Form der Religion, d. h. jede der verschiedenen Auffassungen jener Mächte (als persönliche oder unpersönliche, als dämonische und göttliche, Zufalls- und Schicksalsgewalt), hat ihr eignes E.; der religiöse Unglaube, für welchen dergleichen überhaupt nicht vorhanden sind, kann keins haben. Die Stelle desselben vertritt der Roman, in welchem der Lauf der Begebenheiten "romanhaft", d. h. dem Scheine nach wunderbar, in Wahrheit aber natürlich ist, während er im E. dem Schein und dem (geglaubten) Sein nach übernatürlich ist. Das E. gehört der religiösen, der Roman wie das Drama der philosophierenden Bildungsstufe des Menschen und der Menschheit an. "Homer und Hesiod haben den Griechen ihre Götter gemacht." Da das eigentlich Handelnde im E. nicht der epische Held, sondern die führenden Mächte sind, so kann von einer Einheit der Handlung, wie im Drama, wo die That des Helden sein Los erzeugt, im E. nicht die Rede