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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Epos

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Epos (geschichtliche Entwickelung).

lächerlich werden, so entsteht das humoristische ("Batrachomyomachie"; Kortums "Jobsiade"). Jenes entspricht dem Schauspiel, dieses der Posse. Andre setzen dem E., dessen Helden Menschen sind, dasjenige entgegen, dessen Helden über- (Götter, Heroen) oder untermenschliche Wesen (Tierepos: "Reineke Fuchs") sind.

Geschichtliche Entwickelung des Epos.

In Bezug auf die Entstehung wird das kunstmäßig entstandene (Kunstepos) dem naturwüchsigen E. (Volksepos) entgegengesetzt. Fast alle großen Kunstepen sind aus der Überarbeitung von ursprünglichen Volksepen hervorgegangen. Die Anfänge derselben verlieren sich bei den verschiedenen Völkern in ihr vorgeschichtliches Altertum. Die Heldenlieder der Chinesen hat Konfutse im "Schi-King" gesammelt; die Heldenthaten des Ägypterkönigs Ramses d. Gr. feiert das in einem Papyrus erhaltene historische Gedicht seines Hofpoeten Pentaur; das Siegeslied der Deborah (um 1300 v. Chr.) und die zwölf zusammenhängenden Abenteuer der (an den Sonnen- und Heraklesmythus mahnenden) Simsonsage zeigen die Spur epischer Heldendichtung bei den alten Hebräern. Ein eigentliches E. aber findet sich erst bei den Völkern arischer Abstammung und zwar sowohl bei jenen des Orients (Inder und Iranier) als des Occidents (Gräko-Italiker, Kelten, Germanen und Slawen). Von den beiden Hauptepen der Inder stellt das eine, der "Mahâbhârata", den Kampf zweier arischer Heldengeschlechter, der Kuruinge und Panduinge, unter sich, das andre, das "Râmâyana", den Kampf des Sonnenhelden Rama, als Repräsentanten des Ariertums, mit den dunkelfarbigen, in der Volksmeinung zu Affen gewordenen Ureinwohnern des Landes (den sogen. Drawidastämmen) dar. Als Verfasser des erstern wird Vjasa (der "Ordner", so daß dieser Name auch den bloßen Sammler und Bearbeiter vorhandener Lieder bedeuten kann), als jener des zweiten Valmîki genannt; beide haben wiederholt (wie es wahrscheinlich ist, noch in der Zeit nach Christus) Umarbeitungen durch Einschübe und Erweiterungen erfahren. Der Charakter des Wunderbaren wird dem geschichtlichen Kern beider Dichtungen dadurch verliehen, daß die kämpfenden Helden teils Söhne und Enkel von Göttern, teils selbst Inkarnationen von solchen sind. Das unterliegende Geschlecht hat im "Mahâbhârata" durch gewaltsamen Thronraub, aber auch das siegreiche dadurch schwere Schuld auf sich geladen, daß das Haupt desselben seine eigne Gattin frevelhaft im Würfelspiel auf einen Wurf gesetzt und verloren hat. Nachdem die Kuruinge, ihren Thronraub sühnend, gefallen sind, werden auch die Panduinge zur Strafe für ihren Frevel bis auf den letzten Mann erschlagen. Unter den zahllosen Episoden, welche die einfache Handlung umranken, ragt die Liebesgeschichte Nals und Damajantis durch Treue und Zartheit hervor. Wie das "Mahâbhârata" durch den tragischen Untergang zweier mächtiger Geschlechter dem Charakter des tragischen, so entspricht das "Râmâyana", welches den Sieg des Helden Rama über sich selbst und dadurch über seine Feinde schildert, jenem des erlösenden E. Als ihm, dem ältesten, sein Vater statt der Thronfolge Verbannung ankündigt, weil er seiner zweiten Gemahlin, die ihren eignen Sohn auf den Thron erheben will, diese ihre Bitte zu erfüllen gelobt hat, unterwirft sich Rama freiwillig und gegen den Willen der Brüder dem ungerechten Befehl aus Gehorsam gegen die Eltern, während die Gattin und die Brüder freiwillig sein Schicksal teilen. Für diese Treue gegen die Pflicht verleihen die Götter ihm den Sieg über die finstern Riesen der Insel (Ceylon), die ihm die Gattin geraubt haben, und führen ihn nach 14 Jahren des Exils glorreich auf den Thron seiner Väter zurück. In der spätern Gestalt des indischen E. trat die Götternatur der Helden, die nun fast sämtlich Inkarnationen der Gottheit selbst werden, immer mehr hervor und artete der wunderbare Charakter der Begebenheiten ins Maßlose, Abenteuerliche und Phantastische aus, während die physische Helden- ebenso wie die ethische Entsagungskraft (letztere namentlich in der Form übermenschlichen Büßertums) ins Grenzenlose gesteigert ward. Die persische Heldensage, aus dem uraltpersischen Gegensatz eines Licht- und Finsternisreichs (Ormuzd und Ahriman) entsprungen und auf den Kampf der Nachkommen Dschems, des guten, mit Sohak, dem bösen Fürsten, übertragen, hat erst 1000 n. Chr. ihre kunstmäßige Bearbeitung durch Firdûsi, den Dichter des "Schâhnâmeh"; erhalten. Mittelpunkt derselben ist Rustem, der Unbesiegbare, den der böse Feind Ahriman lange vergebens (zuletzt durch dessen eignen ungekannten Sohn, der im Kampf gegen den Vater von dessen Hand fällt) zu verderben sucht, bis er zuletzt durch Arglist in eine Wolfsgrube gelockt und in dieser begraben wird.

Kämpfen hier Götter zweier Reiche und dem entsprechend Iranier und Turanier als Völker verschiedener Abstammung im Spiegelbild des E., so sind es im Homerischen E. der Griechen nicht nur Glieder derselben (olympischen) Götterwelt, sondern auch Völker derselben Abstammung (Troer und Achäer), die miteinander im Streit liegen. Während die einen (Apollon, Ares, Aphrodite) den Troern, stehen die andern (Hera, Athene, Poseidon) den Griechen bei; nur der "Vater der Götter und Menschen", Zeus, wägt gleichmäßig die Wagschalen beider ab. Wie im indischen "Mahâbhârata", bildet in der "Ilias" der Verlust einer Frau, die dort freventlich vom eignen Gatten auf das Spiel gesetzt, hier ebenso freventlich vom Gastfreund entführt wird, den Hebel der Handlung, der hier wie dort den Untergang des ganzen blutsverwandten Geschlechts (der Häuser Pandus und Priamos') nach sich zieht. Helenas, der schönen Gattin des Atriden Menelaos, Raub durch Paris, Priamos' Sohn, den alle griechischen Fürsten zu rächen geschworen haben, einigt die zersplitterten Kräfte aller kleinen achäischen Heer- und Seekönige zu einer gemeinsamen großen Unternehmung übers Meer, deren Frucht nach zehnjährigen Kämpfen der Fall und Brand Trojas ist. Einzelne Helden und Thaten derselben mögen lange Zeit hindurch Stoff einzelner epischer Lieder wandernder Rhapsoden gewesen sein, ehe es einem oder dem andern der letztern gelang, sämtliche Thaten eines Helden oder jene sämtlicher Helden in epischer Folge aneinander zu reihen und zum E. zu gestalten. Je nachdem jene Lieder einem der Helden vor Troja als Preisgesänge galten oder Begebenheiten eines der von Troja Heimgekehrten berichteten, wurden sie Aristeia ("Heldenthaten") oder Nostoi ("Heimfahrten") genannt, und zwar ist aus dem Preisgesang auf Achilleus, den Sohn des sterblichen Helden Peleus und der Meergöttin Thetis, die Homerische "Ilias", aus den Berichten von den zehnjährigen Irrfahrten des heimkehrenden "Dulders" Odysseus, des Königs von Ithaka, die "Odyssee" hervorgegangen. Das Wachstum der "Achilleis" zur "Ilias" vollzog sich (nach Wolf und Lachmann) allmählich und (nach Carriere) unter der läuternden Einwirkung des Homerischen Genius, zu dessen Werk es in der Meinung der Griechen ward, in welcher als Stammheros Homer ein ganzes