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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Erasmus

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Erasmus.

Aufforderung nach Cambrai, um den dortigen Bischof nach Rom zu begleiten. Zwar kam es nicht zu dieser Reise, doch blieb er zunächst in Cambrai, zumal nachdem er 1492 zum Priester geweiht worden war. 1496 wurde unter Beihilfe des Bischofs sein sehnlichster Wunsch erfüllt, in Paris seine Studien fortzusetzen. Durch Not gedrängt, Privatunterricht zu geben, kam er hier in das Haus des jungen Lords William Mountjoy. Mit diesem reiste er 1497 nach England. Während eines zweiten längern Aufenthalts daselbst 1498-99 schloß er Freundschaft mit Männern wie Th. Morus, John Colet u. a., fand auch ehrenvolle Aufnahme am Hof Heinrichs VII. 1505 begab er sich wieder nach England und hielt wahrscheinlich in Cambridge Vorlesungen über griechische Sprache. Nach Paris zurückgekehrt, reiste er 1506 nach Italien, wurde in Turin Doktor der Theologie, verkehrte in Bologna mit tüchtigen Kennern des Griechischen, verweilte längere Zeit in Venedig, wo er bei seinem Freund Aldus Manutius unter anderm eine neue Ausgabe seiner "Adagia" (1506) erscheinen ließ, und ging 1508 nach Padua, von da nach Siena und Rom, wo er vom Papst seines Ordensgelübdes entbunden wurde. Die ihm dort gemachten Anerbietungen schlug er aus, weil sich ihm durch die Thronbesteigung Heinrichs VIII. (1509) in England glänzende Aussichten eröffneten. Er eilte dorthin und lehrte in Cambridge Griechisch, erhielt 1511 auch die Pfarrei von Aldington bei Canterbury. Trotzdem trat er 1516 als königlicher Rat in die Dienste des spätern Kaisers Karl V. und lebte als solcher erst in Brüssel, dann in Löwen ohne öffentliches Lehramt, bloß seinen Studien. 1517 war er noch einmal in England. Seit 1521 in Basel heimisch, wo er auch früher schon wiederholt sich wohl gefühlt hatte, entfaltete er hier im Verein mit Öcolampadius, Beatus Rhenanus, Glareanus und andern Gelehrten sowie den Buchdruckern Froben und Amerbach eine wunderbar reiche litterarische Thätigkeit; seit 1516 wurden auch fast alle seine Schriften hier gedruckt. Als 1529 in Basel die Reformation siegte, siedelte er nach dem katholischen Freiburg über, wo es ihm indessen nicht recht behagte. 1535 einer Einladung der Statthalterin der Niederlande Folge leistend, kam er auf der Durchreise noch einmal nach Basel, wurde hier von einem Gichtanfall ergriffen, der ihn den ganzen Winter über an das Bett fesselte, und starb in der Nacht vom 11. zum 12. Juli 1536. Er wurde im Münster zu Basel beigesetzt, wo sein Grabmal noch heute zu sehen ist. Ein ehernes Denkmal wurde ihm 1622 in seiner Vaterstadt errichtet. Seine Bildnisse von Dürer und Holbein sind allbekannt.

E. ist der umfassendste und geistreichste Humanist des 16. Jahrh. Um die Belebung der klassischen Studien hat er unvergängliche Verdienste. In religiöser Beziehung hat er durch die Freiheit des Geistes, mit der er gewisse Einrichtungen der Kirche, besonders das Mönchtum und den Scholastizismus, geißelte, die Reformation vorbereiten helfen. Auch schien er anfangs mit Luther Hand in Hand gehen zu wollen. Allmählich aber wandte er sich immer mehr von dem kühnen Volksmann ab, schon weil ihm das exklusive Interesse der klassischen Studien in erster Linie stand, nicht die Befriedigung der religiösen und sittlichen Bedürfnisse des Volkes. In der "Diatribe de libero arbitrio" griff er Luther direkt an. Dieser antwortete mit der Schrift "De servo arbitrio", und E. entgegnete wieder in dem leidenschaftlichen "Hyperaspistes". Etwas früher hatte er auch Huttens "Expostulatio cum Erasmo" die bittern und für ihn wenig ehrenvollen "Spongia adversus Hutteni aspergines" entgegengesetzt. Infolge davon sank sein Einfluß, da ihm nun nicht bloß von römischer, sondern auch von protestantischer Seite Mißtrauen entgegengetragen wurde. Zwar betonte er seine Übereinstimmung mit der erstern immer mehr, dennoch verbitterten ihm die Fehden, in die er nach beiden Seiten verwickelt wurde, den letzten Teil seines Lebens. Um so staunenswerter ist seine litterarische Thätigkeit während desselben, zumal er noch von Kränklichkeit heimgesucht wurde. Seine wichtigsten philologischen Schriften, die zum Teil in vielen Auflagen wiederholt wurden, sind: "De duplici rerum ac verborum copia" (Par. 1512); "De ratione studii et instituendi pueros commentarii" (das. 1512); "De octo partium orationis constructione" (Straßb. 1515); "De conscribendis epistolis" (Basel 1522); "Familiarium colloquiorum opus" (das. 1524; hrsg. von Stallbaum, Leipz. 1828; Textausgabe, das. 1867, 2 Bde.); "De recta latini graecique sermonis pronunciatione" (das. 1528), wodurch er die noch jetzt gebräuchliche Aussprache des Griechischen (s. Etazismus) veranlaßte; "Ciceronianus s. de optimo genere dicendi" (das. 1528) sowie die Ausgaben von Catos Sittensprüchen (1513), Sueton und Curtius (1518), Ciceros "Offizien" (1520) und "Tuskulanen" (1523), Plinius' "Historia mundi" (1525), Seneca (1524), Ptolemäos (1530, editio princeps), Aristoteles (erste vollständige Ausgabe) und Livius (1531), Demosthenes und Terenz (1532), Josephus (1534); endlich die Sammelschriften "Adagia" (Sprichwörter, zuerst Par. 1500), "Parabolae s. similia" (Straßb. 1514), "Apophthegmata" (sinnreiche Anekdoten, Basel 1531). Auf theologischem Gebiet hat er die Editio princeps des griechischen Neuen Testaments mit Übersetzung (Basel 1516; 2. Aufl. 1519, nach der Luther übersetzt hat; dann 1522, 1527, 1535) geliefert, an die sich seit 1518 die für das Schriftverständnis höchst belangreichen Paraphrasen schlossen; ferner Ausgaben zahlreicher Kirchenväter, des Hieronymus, Cyprian, Arnobius, Hilarius, Irenäus, Chrysostomus, Ambrosius, Augustin, Origenes; außerdem "Enchiridion militis christiani" (Antwerp. 1609), "Institutio principis christiani" (Löwen 1516), "Ecclesiastes s. de ratione concionandi libri IV" (Basel 1535, die erste nach festem Plan ausgeführte Homiletik) u. a. Von allgemeinern Schriften sind hervorzuheben: die in fast alle neuern Sprachen übersetzten "Colloquia" (Bas. 1516; beste Ausg., Amsterd. 1650 u. öfter; Leiden 1664) und das nicht minder bekannte "Encomium moriae" ("Lob der Narrheit", Par. 1509 u. öfter; mit den berühmten Randzeichnungen, durch die Hans Holbein ein Exemplar der Frobenschen Ausgabe von 1514 geziert hat, Basel 1676 u. öfter; Havre 1839; deutsch, St. Gallen 1839, und von Frank, Leipz. 1884). Die erste Sammlung von E.' Schriften, zu welcher er selbst schon Anstalten getroffen hatte, erfolgte durch Beatus Rhenanus (Basel 1540-41, 9 Bde.). Die beste Ausgabe besorgte Clericus (Leclerc, Leid. 1703-1706, 10 Bde.); im dritten Bande derselben ist auch die beste Sammlung seiner lebensvollen Briefe enthalten. Von den zahlreichen Biographien nennen wir die von Erhard (in der "Encyklopädie" von Ersch und Gruber), Stichart (Leipz. 1870), Durand de Laur (Par. 1872), Drummond (Lond. 1873), Feugère (Par. 1874), Pennington (Lond. 1874). Vgl. auch Stähelin, E.' Stellung zur Reformation (Basel 1873); Scholz, Die pädagogischen und didaktischen Grundsätze des E. (Nordh. 1880, Programm); Kan, Erasmiana (Rotterd. 1881, Programm).