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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Erdkunde

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Erdkunde (Begriff und Umfang, Verhältnis zu verwandten Wissenschaften).

physischer Kräfte unterwirft. Doch ist dieser Teil der E. fast ganz in die Hände der rechnenden und messenden Astronomie übergegangen und erscheint als astronomische Geographie (fälschlich mathematische genannt) meist nur mit seinen elementarsten Ergebnissen in den Lehrbüchern der E. Dennoch sind namentlich die Beziehungen der Erdoberfläche zur Sonne (Erwärmung) und zum Mond (Gezeiten) so tiefgreifend, daß kein Geograph umhin kann, sie aufmerksam zu studieren. Teilkörper der Erdoberfläche sind nun aber auch die Organismen: Pflanzen, Tiere, Menschen; demgemäß gehören sie nach obiger Definition in den Bereich der Geographie. Eine Kollision mit der Botanik, der Zoologie, der Anthropologie ist ausgeschlossen dadurch, daß der Geograph diese organischen Objekte nach einer ihm eigentümlichen Methode untersucht. Der Botaniker und Zoolog beschreibt und klassifiziert die Pflanzen und Tiere, der Geograph aber untersucht die Verbreitung dieser so fixierten Arten, Gattungen, Familien auf der Erdoberfläche. Die sogen. Pflanzengeographie und Tiergeographie, wohl auch zusammengefaßt als biologische Geographie, sind ursprünglich Teile der Geographiegewesen, die sich indes aus praktischen Gründen der Arbeitsteilung mehr und mehr zu selbständigen Disziplinen entwickelt haben. Kein Botaniker oder Zoolog wird sie fördern können, wenn er nicht bei der Geographie in die Schule gegangen ist; die Kenntnis der Klimatologie, der Meeresströmungen, des Reliefs der Erdoberfläche sind beiden unentbehrlich.

Auch der Mensch ist zu den Organismen zu rechnen, welche die Erdoberfläche bewohnen; er ist geradezu der Erdoberflächenbewohner par excellence. Mit der Klassifikation der Menschen nach ihren körperlichen Merkmalen befaßt sich die Anthropologie, nach sprachlichen Merkmalen die Ethnographie. Aber die innigen, teilweise freilich dunkeln Beziehungen zwischen den natürlichen Bedingungen der Erdoberfläche und der Geschichte, namentlich der Kulturgeschichte, der Menschheit bilden ein wiederum speziell der E. zugewiesenes Gebiet. Karl Ritter stellte diesen Gesichtspunkt, den man schon bei Strabon angedeutet findet, so in den Vordergrund (z. B. schon im Titel seines Hauptwerkes: "Die E. im Verhältnis zur Natur und zur Geschichte des Menschen"), daß lange Zeit hindurch in der Aufdeckung dieser Beziehungen ganz unberechtigterweise die wissenschaftliche Hauptaufgabe der E. gefunden wurde, wie man, noch dieser Ansicht folgend, an den Schulen vielfach die Geographie als einen nebensächlichen Anhang der Geschichte behandelt. Es ist nun gerade diese Frage, wie weit das sogen. historische Element in der Geographie zum Ausdruck gelangen dürfe, ein Hauptpunkt der methodologischen Kontroverse unter den modernen Geographen. Nur wenige derselben erblicken darin noch den Gipfelpunkt geographischer Forschung; einige werfen diese Aufgaben gänzlich aus der Geographie hinaus und betrachten also diese lediglich als eine Naturwissenschaft, die Mehrzahl aber, darunter die Führer der Geographen in Deutschland, huldigen der dualistischen Ansicht von zwei gleichberechtigten Richtungen, indem sie nicht nur physikalische Geographie lehren, sondern daneben auch der Kulturgeographie oder nach Ratzel besser Anthropogeographie (früher brauchte man wohl auch das leicht mißzuverstehende "historische Geographie") eine Stätte anweisen. Den Dualisten ist übrigens außer Karl Ritter (vgl. das obige Citat) auch Oskar Peschel zuzurechnen, den man mit Unrecht einen Gegner des erstern nannte, da er doch selbst sagt: "Die wissenschaftliche E. betrachtet die Erdoberfläche als einen Raum, auf dem sich eine Fülle von Erscheinungen nach bestimmten Gesetzen abspielt, und als Wohnplatz des Menschen". Peschel, dessen eigne methodologische Ansichten übrigens keineswegs abgeklärte waren, bekämpfte nur Übertreibungen der Ritterschen Schule. Ein System der anthropischen Geographie hat aber erst Friedrich Ratzel in unsern Tagen gegeben (s. unten). Immer bleibt auch hier das Kriterium zwischen Geographie und Geschichte: die Beziehungen zur Erdoberfläche aufzusuchen.

Auch in den Mitteln, durch welche die wissenschaftliche E. das von ihr zu bearbeitende Material gewinnt, liegt etwas sehr Charakteristisches. Zwar sind es an und für sich keine andern als die der Naturwissenschaften, nämlich Messung und Beobachtung; aber die Art ihrer Anwendung auf die Erdoberfläche bildet ein Merkmal geographischer Methode. Die Messung der Erdoberfläche führt zur Bestimmung der Gestalt der Erde, zu ihrer Überspannung mit einem Gradnetz. Zur Fixierung eines Objekts auf der Erdoberfläche gelangt man durch Messung seiner drei geographischen Koordinaten: geographische Breite, geographische Länge und vertikale Höhe über dem Meeresspiegel. Die Resultate dieser Messungen gelangen zum Ausdruck in der Karte. So wird denn die Karte, weil sie die Orientierung unter den Objekten der Erdoberfläche bezweckt, das entschiedenste Charaktermerkmal der Geographie. Keine andre Wissenschaft zeichnet von sich aus Karten, die Geographie übergibt sie z. B. der Geologie oder der Statistik zur Benutzung oder zu speziellen Eintragungen aus der geographischen Grundlage. Zu des Ptolemäos Zeiten war es möglich, Geographie (wörtlich: graphische Darstellung der Erde) geradezu als Kartographie zu definieren, und noch heute sind die geographischen Werke der Chinesen nach Richthofen nichts andres als gesprochene Karten, insofern sie über eine trockne Statistik in Namen-, Zahlen- und Maßangaben etc. wenig hinausgehen, das Moment der Schilderung mehr oder weniger und die gedankliche Kombination der geographischen Elemente fast gänzlich vermissen lassen. Die kartographische Abbildung aller Teile der Erdoberfläche in möglichst getreuer Gestalt ist darum die fundamentalste aller Aufgaben der Geographie, und der Geodät oder militärische Topograph, welcher diese (einen großen mathematischen Apparat erfordernden) Arbeiten da ausführt, wo es sich um die Herstellung von Kartenbildern in der exaktesten und subtilsten Form handelt, arbeitet bewußt als Diener der Geographie. Für den größten Teil der Erdoberfläche indes beruhen unsre Karten auf den unmittelbaren Aufnahmen geographischer Reisenden.

Auch das zweite Mittel, die Beobachtung, findet in der Geographie eine charakteristische Anwendung. Der Geograph beobachtet die in der Natur gegebenen Objekte und Vorgänge in der Absicht, ihre Beziehungen zur Erdoberfläche aufzusuchen. Freilich sind es dieselben Objekte, welche auch die Naturwissenschaften beobachten; der Geograph aber tritt all diesen Objekten mit dem einen oben genannten Gesichtspunkt gegenüber, der für andre Wissenschaften nicht obligatorisch ist. Je mehr die Naturwissenschaften die Kenntnis ihrer Objekte fördern und vertiefen, um so mehr kann dann auch der Gesichtspunkt des Geographen diesem eine Vervollkommnung seiner Auffassungen, eine schärfere Klarstellung der kausalen Beziehungen zur Erdoberfläche, ermöglichen. Am klarsten zeigt sich dies im Verhältnis zur Geologie. Die Hauptaufgaben dieser Schwesterwissenschaft der Geographie