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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Erdkunde

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Erdkunde (im Altertum).

Bereich der abflußlosen Gebiete, oder endlich die großartige Umformung der Gesteinsflächen der tropischen Kontinente zur Lateritdecke. Hierauf folgt eine Klassifikation der Oberflächentypen des Festlandes. Begriffe und geographische Verbreitung der Kettengebirge, der Vulkangebirge, der Massengebirge (Massive), ferner der Längen- und Querthäler werden entwickelt, die Ursachen ihres Vorkommens erläutert. Hochebenen und Tiefebenen werden gleichfalls klassifiziert; der Begriff der mittlern Höhe für die einzelnen Erhebungsformen wie für das Festland im allgemeinen entwickelt und deren Werte festgestellt.

Nun folgt als vierter Hauptteil der allgemeinen E. die biologische Geographie, behandelnd erstlich die geographische Verbreitung der Pflanzen nach ihren Hauptzonen (horizontal) und Regionen (vertikal genommen), endlich nach den Vegetationsformationen, deren wichtigste Wälder, Steppen und Wüsten sind. Besondere Wichtigkeit ist hierbei der geographischen Verbreitung der Nutzpflanzen beizumessen. Zweitens begreift die biologische E. die geographische Verbreitung der Tiere in sich nach ihren verschiedenen Faunengebieten. Auch hier steht die Verbreitung der nutzbaren Tiere obenan. Die Ursachen der gegenwärtigen Verbreitung vieler charakteristischer Tier- und Pflanzenfamilien sind häufig nicht ohne Bezugnahme auf die Lehren der Paläontologie, also einer Hilfswissenschaft der Geologie, zu erklären. Damit ist der Inhalt der physikalischen E. in großen Zügen umschrieben.

Die Anthropogeographie untersucht nun die Wirkungen aller der vorgenannten Erdoberflächenobjekte und Erdoberflächenerscheinungen auf die kulturliche und politische Geschichte der Menschheit. So wird die Einwirkung des Klimas, z. B. der Tropen, auf Einzelne wie auf Völker untersucht, es werden die Unterschiede der Lebens- und Arbeitsweise oder im Charakter schon der Nord- und Südländer in Europa aufgedeckt, endlich die Rolle der gemäßigten Zone als eigentlicher Kulturzone begründet. Der Ozean tritt in die Erscheinung als stärkste Schranke der Völkerverbreitung, wenn auch als keine unübersteigliche. Hier bildet der Seeverkehr in seiner Entwickelung gemäß der fortschreitenden Bemeisterung des Meers durch den Menschen eine klar umgrenzte anthropogeographische Aufgabe. An Binnenseen zeigt sich vielfach Anlehnung selbständiger Kulturen, die Flüsse weisen in Wanderungen und im Verkehr den Weg zum Meer und umgekehrt von den Küsten ins Binnenland; ferner ist die Rolle der Flüsse als Grenzen zu untersuchen. Die Abhängigkeit menschlicher Geschichte von der horizontalen Konfiguration des Festen zeigt sich zunächst in den günstigen Wirkungen reicher Küstengliederung, im allgemeinen Gegensatz von Küsten- und Binnenland, ferner in der Geschichte der mittelmeerischen Völker, in der Absonderung der Inselbewohner (man denke auch an die der eingebornen Australier), in dem Gegensatz von Halbinselvölkern zu denen des Festlandrumpfes. Dies führt zur Lehre von der geographischen Bedingtheit politischer Grenzen, anderseits auch der Vereinigung der Länder zu natürlichen Gruppen oder umgekehrt der Zergliederung einheitlicher Länder nach ihren innern Verschiedenheiten. Hieran schließt sich, wiederum als schön abgegrenzte Aufgabe, die Lehre von der örtlichen Bedingtheit der Wohnstätten oder die Siedelungskunde, die schon früher in J. G. ^[Johann Georg] Kohl ihren Meister gefunden hat. Mit einer Würdigung der Raumverhältnisse in Beziehung zur politischen Macht der Länder und Reiche und ihrer Dauer in der Geschichte sind die Einwirkungen der horizontalen Konfigurationen der Festländer wohl erschöpft. Die vertikalen Unebenheiten der Erdoberfläche ergeben alsbald den Gegensatz zwischen Flach- und Gebirgsländern, sowohl hinsichtlich der Fähigkeit der Völkerverbreitung als Völkerscheidung. Die Bedeutsamkeit der Hochebenen für ursprüngliche Kulturentwickelungen zeigt sich in reinster Form auf amerikanischem Boden. Die anthropogeographischen Einwirkungen der Vegetationsformationen sind besonders klare: die Urwaldvölker der Tropen, die Waldbewohner der gemäßigten Breiten, die Steppen- und Wüstenvölkerzeigen spezifische Charakterzüge in Kultur und Geschichte. Ebenso klar sind die historischen Funktionen der nutzbaren Pflanzen und Tiere, aber auch der dem Menschen feindlich gegenübertretenden Lebeformen, die auf den Charakter stählend einwirken können. So etwa gliedert sich nach Friedrich Ratzel in seinen Hauptpunkten der anthropogeographische Stoff.

Geschichte der Erdkunde.

[Altertum.] Die E. ist unzweifelhaft eine alte Wissenschaft zu nennen. Zwar wissen wir von den geographischen Kenntnissen der alten Kulturvölker Mesopotamiens und Ägyptens, deren astronomisches Wissen unsre Bewunderung verdient, nur wenig, und auch die berühmte Völkertafel der Genesis kann nur als vereinzeltes, wenn auch altes Bruchstück einer merkwürdig ausgedehnten ethnographischen Kenntnis gelten, an der vielleicht auch den Phönikern ein Anteil gebührt. Von den Chinesen sagten wir oben schon, daß sie es nicht über eine trockne Chorographie in der engen Form der Heimatskunde hinausgebracht haben; freilich besitzen sie eine solche schon seit Jahrtausenden, während erst seit dem 3. Jahrh. vor unsrer Zeitrechnung spärliche Berichte von fernen Ländern auftreten. Im klassischen Altertum besaßen die Römer sicherlich die genaueste chorographische Kenntnis ihres Weltreichs und einiger angrenzender Gebiete. Der hohe Norden Europas, das nördliche Asien jenseit des Kaspischen Meers, also Sibirien, waren der Kenntnis der Alten ganz verschleiert; von China waren so unklare Begriffe vorhanden, daß Ptolemäos es doppelt auf seinen Karten eintrug; die südostasiatische Inselwelt war kaum über Java hinaus, Ostafrika bis in die Gegend von Sansibar, Westafrika bis etwa zum heutigen Sierra Leone bekannt, während man vom Innern Afrikas einige verwirrte Nachrichten über die Negerländer südlich der Wüste und die Seengebiete am obern Nil findet. Näheres s. unter Asien (S. 928) und Afrika (S. 169).

Wo eine wissenschaftliche Durchdringung des geographischen Stoffes versucht ist, treffen wir immer auf griechische Namen, so daß zweifelsohne die Griechen die Schöpfer der wissenschaftlichen E. genannt werden dürfen. Während noch Anaxagoras (geb. 499 v. Chr.) lehrte, daß die Erde eine Fläche sei, und der vielgereiste Herodot dieselbe sich scheibenförmig und in der Mitte etwas ausgehöhlt dachte, waren die Pythagoreer die ersten, welche die Kugelgestalt der Erde annahmen, eine Anschauung, die aus mathematischen Gründen zuerst Parmenides aus Elea (um 460) lehrte. Entschieden für die Gebildeten aller spätern Zeiten wurde die Streitfrage indessen erst durch Aristoteles, der die Mondverfinsterungen als den ersten sinnlichen Beweis von der Kugelgestalt unsers Planeten zu Hilfe nahm, während später Ptolemäos die Lehre durch die Wahrnehmung erhärtete, daß auf hoher See zuerst die Spitzen von Küstengegenständen sichtbar werden. Was die Größe unsrer Erde anbelangt, so hatte den Umfang derselben Aristoteles auf 400,000, Pytheas aus Marseille auf 300,000, Archimedes auf weniger