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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Erzgebirge; Erzguß; Erzherzog; Erzieher; Erzieherin

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Erzgebirge - Erzieherin.

der Hafer zurückweicht und nur noch die Kartoffel gedeiht; freilich oft auch leidend durch Spätfröste oder früh eintretende Winter. Das Volk rechnet dort 8 Monate Winter, 4 Monate Sommer. In Oberwiesenthal, am Südfuß des Fichtelbergs, in 917 m Meereshöhe, beträgt die mittlere Jahrestemperatur nur 4,9° C. Es ist lange her, daß das E. vorherrschend Waldland war; Berg- und Hüttenbau haben die Wälder verwüstet, die zahlreich anwachsende Bevölkerung hat den Wald vollends um die Orte ausgerottet, um Feld zu gewinnen. Daher findet sich jetzt nur noch auf den höchsten südlichen Rücken dichter Fichtenwald; auf dem nördlich daran gelegenen Plateau sind nur noch die Kuppen, mit Ausnahme derer von festem Basalt, die zum Teil kahl sind, bewaldet. Außerdem sind die Berge aus Rotliegendem noch Waldreviere; so auch im Plauenschen Grund, wo die herrlichsten Buchenbestände auftreten. Trotz ausgedehnter Viehzucht bedarf die dichte Bevölkerung wie der Getreideeinfuhr, so auch der Viehzufuhr von außen.

Das eigentliche E. hat sich als eine vom deutschen Stamm bewohnte Insel mitten in der slawischen Überflutung erhalten. Interessant ist der Zusammenhang vieler Ortsnamen mit der Umgebung, den Otte nachweist. Wildenstein, Wildenfels, Bärenstein, Bärenklau, Falkenstein, Hohenstein, Schneeberg sind Namen der rauhen nördlichen Abdachung; Falkenau, Eilau, Rosenthal, Schönbach gehören dem freundlichen Südgehänge an. Früh hat sich im E. der Bergbau entwickelt. Im J. 1168 sollen sich die ersten Bergleute, vom Harz stammend, in der Gegend von Freiberg, welches 1175 gegründet wurde, niedergelassen haben, und gegenwärtig liefert die Freiberger Gegend noch die Hauptsilberausbeute. Alt ist auch die Gewinnung des Eisens, wofür Eibenstock der Zentralpunkt ist. Der Zinnbergbau ist minder alt; die Gruben von Ehrenfriedersdorf wurden 1407, die reichen Gruben von Altenberg erst 1458 in Angriff genommen. Außerdem liefert der Metallbergbau des Erzgebirges Kupfer, Blei, Kobalt, Nickel, Wismut, Arsenik und Eisen. Die im erzgebirgischen Oberland, um Annaberg, Schneeberg etc., durch den Erzreichtum angelockte und sich anhäufende Bevölkerung fand aber, als der Reichtum der dortigen Gruben sich zu erschöpfen anfing, nicht mehr ihr volles Brot beim Bergbau; dies führte auf dem rauhen Plateau zur Fabrikthätigkeit. Im J. 1541 wurde durch Barbara Uttmann die Spitzenklöppelei eingeführt, die 1884 einen Arbeitsverdienst von 32,160 Mk. (pro Kopf 25,03 Mk.) abwarf, und für welche 1885: 22 Spitzenklöppelschulen bestanden. Daran haben sich andre Gewerbszweige, Stickerei, Posamentierarbeiten, Seidenwebereien, angereiht. Aber auch Eisen- (Blechwaren, Nägel u. a.), Spiel- und Holzwarenfabrikation, durch die Kräuter der Bergwiesen angeregter Olitätenhandel und andre Fabrikzweige sind hier zu Hause. So kommt es, daß bei dürftigstem Ertrag des Bodens sich doch auf diesem höchstgelegenen Teil Sachsens eine Bevölkerung erhalten kann, die zu der dichtesten Europas gehört, zwischen 150 und 300 auf 1 qkm. Im J. 1585 aus Brabant eingewanderte Arbeiter führten die Weberei feinerer Zeuge ein. Einen außerordentlichen Aufschwung erhielten aber Weberei und Spinnerei in dem niedrigern Land, welches sich von Rossen bis Reichenbach konzentrisch um das höhere E. lagert, durch den Steinkohlenreichtum von Zwickau, der alten reichen Gewerbestadt. Außer der gesteigerten Spinnerei und Weberei von Baumwolle und Wolle insbesondere und der daran sich anschließenden Färberei, die in der Mulde zwischen Erz- und Granulitgebirge und in letzterm zu Hause, und wofür Chemnitz, Zwickau und Glauchau Hauptmittelpunkte sind, haben sich Fabriken für Maschinen, Porzellan, Steingut- und Thonwaren, Waffen und Chemikalien, Glashütten und andre gewerbliche Anlagen hier angesiedelt, die wichtig genug, wenn auch nicht von so hervorragender Bedeutung wie die vorgenannten Erwerbszweige sind. Die rege Hausindustrie liefert auch musikalische Instrumente (Markneukirchen, Graslitz, Schönbach), Handschuhe und Strohwaren. Erwähnung verdient noch als eine Besonderheit des Erzgebirges das Gewerbe der musikalischen Nomaden (Musikbanden, Harfenistinnen), dessen Anfänge in das 18. Jahrh. zurückreichen, und das vorzugsweise im böhmischen Bezirk Preßnitz seine Heimat hat. Der Verkehr des Erzgebirges hat sich in neuester Zeit außerordentlich gesteigert durch den Bau von Eisenbahnen. Über den Scheitel des Gebirges führen die Eisenbahnen von Freiberg nach Brüx, von Chemnitz über Marienberg und Annaberg (zwei Linien) nach Komotau, von Zwickau nach Karlsbad; auf der sächsischen Seite durchziehen die Eisenbahnlinien Dresden-Chemnitz-Reichenbach, Chemnitz-Aue-Adorf u. a. das E., längs dessen Südfuß in Böhmen eine mehrfach verzweigte Bahn von Tetschen an der Elbe über Komotau nach Eger läuft. Durch die Bemühungen des Erzgebirgsvereins ist in neuerer Zeit der Besuch des Gebirges von Touristen mehr in Aufnahme gekommen. Für den Naturfreund bietet nicht nur der Kamm des Gebirges, sondern namentlich auch die nach N. führenden Thäler landschaftliche Schönheiten aller Art. Vgl. Berlet, Wegweiser durch das sächsisch-böhmische E. (4. Aufl., Annab. 1884); Tschirch, Industrielle Wanderungen im E. (Reichenberg 1874); Fischer, Technologische Studien im sächsischen E. (Leipz. 1878); Göpfert, Die Mundart des Erzgebirges (das. 1878); Weymann, Führer durch das böhmische E. (Karlsb. 1881).

Erzgebirge, Ungarisches und Siebenbürgisches, s. Karpathen.

Erzguß, die Benutzung des Erzes (der Bronze) zur Darstellung von Werken der Plastik.

Erzherzog (Archidux), ein dem österreich. Haus eigentümlicher Titel, angeblich von Kaiser Friedrich I. herrührend, welcher das Markgraftum Österreich zum Herzogtum erhob und dem Herzog von Österreich den nächsten Platz nach den Kurfürsten einräumte, welch letztere als Verwalter der Erzämter des Reichs auch Erzfürsten genannt wurden. Von den Kurfürsten selbst ist der Titel erst anerkannt worden, nachdem ihn Kaiser Friedrich III. den Herzögen von Österreich erblich zugesprochen hatte. Jetzt wird der Titel E. von den Prinzen und der Titel Erzherzogin von den Prinzessinnen des österreichischen Kaiserhauses allgemein geführt.

Erzieher, s. Hauslehrer.

Erzieherin, auch vereinzelt noch französisch Gouvernante genannt, Gehilfin oder Vertreterin der Mutter in der häuslichen Erziehung der Töchter. Die Annahme derartiger Gehilfinnen ist in vielen wohlhabendern Häusern, namentlich auf dem Land, wo höhere Mädchenschulen nicht erreichbar sind, Bedürfnis; denselben wird vor allem der Unterricht, meist auch sonst die unmittelbare Überwachung ihrer Zöglinge anvertraut. Im vorigen Jahrhundert und bis in unsre Zeit hinein wurden die Gouvernanten zumeist aus Frankreich oder der französischen Schweiz bezogen, da man den Inbegriff der höhern weiblichen Bildung nur zu oft ausschließlich in der Kenntnis der französischen Sprache und Litteratur suchte. Seitdem haben sich die Ansprüche an die Leistungen einer E. für die allgemeine und namentlich auch gerade deutsche