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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Est, Est, Est; Esterling; Esthen

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Esterling - Esthen.

4) Paul Anton (III.), Fürst, österreich. Minister, Sohn des vorigen, geb. 11. März 1786, ward 1810 österreichischer Gesandter in Dresden, 1814 zu Rom, dann Botschafter zu London bis 1842. In seinem Vaterland schloß er sich der nationalen Richtung an und förderte als Obergespan des Ödenburger Komitats sowie als Präses der Naturforschergesellschaft (1847) den politischen und litterarischen Fortschritt. Minister des Auswärtigen im Ministerium Batthyány 1848, suchte er eine Ausgleichung zwischen dem österreichischen und ungarischen Ministerium zu bewirken, legte aber noch vor Auflösung des Batthyány-Ministeriums im August 1848 sein Amt nieder. 1856 ging er als österreichischer Botschafter zur Krönung Alexanders II. nach Moskau, wo er durch den außerordentlichen Glanz seines Auftretens Aufsehen erregte, doch nicht zum Vorteil der Finanzen des Hauses. Die ohnedies schon bedeutenden Schulden wuchsen allmählich dermaßen, daß 1860 die Sequestration notwendig wurde. Auf Ansuchen des Fürsten berief zwar der Kaiser ein Komitee zur Abhilfe; allein weder dieses noch die spätern Administrationsversuche und Vorschläge der Grafen Franz Zichy, nachmals Oberhofmeisters des Kaisers Maximilian, und Rudolf Wrbna vermochten die geeigneten Mittel und Wege ausfindig zu machen, so daß die Sequestration eintrat. Fürst Paul E. starb 21. Mai 1866 in Regensburg. Sein Erbe war der am 25. Juni 1817 geborne Fürst Nikolaus, gefürsteter Graf zu Edelstetten, Erbherr zu Forchtenstein, Mitglied der ungarischen Magnatentafel, k. k. Kammerherr und Major in der Armee, vermählt 8. Febr. 1842 mit Lady Sarah Frederica Caroline, Tochter von George Child Villiers, Grafen von Jersey (gest. 17. Nov. 1853). Der älteste Sohn dieser Ehe ist Erbprinz Paul Anton Nikolaus, geb. 21. März 1843, Obergespan des Ödenburger Komitats, vermählt 21. Okt. 1868 mit Prinzessin Marie, Gräfin von Trauttmansdorff (gest. 1. April 1876 in Ödenburg), u. 17. Juni 1879 mit Erbprinzessin Eugenie von Croy-Dülmen. Das Majorat der Familie umfaßt 29 Herrschaften mit 21 Schlössern, 60 Marktflecken und 414 Dörfer in Ungarn; Mittelpunkt der Verwaltung ist Eisenstadt; außerdem gehören dazu die Herrschaften Pottenstein und Schwarzbach in Niederösterreich und die gefürstete Grafschaft Edelstetten in Bayern. Bis zur Tilgung der Schuldenlast bezieht die Familie nur eine fixierte Jahresrente.

Aus der gräflichen Linie E.-Forchtenstein ist zu nennen Moritz, Graf von E., geb. 1807, österreichischer Diplomat, war bis 1856 österreichischer Gesandter in Rom, trat 1861 ohne Portefeuille in das Kabinett Schmerling und war auch Mitglied des 1865 gebildeten Ministeriums Belcredi. Er gilt als eine Hauptstütze der klerikal-feudalen Reaktionspartei am Wiener Hof.

Esterling, s. v. w. Engels.

Est, Est, Est, guter Muskatellerwein von Montefiascone am See Bolsena, verdankt seinen Namen folgender von W. Müller dichterisch behandelten Anekdote: Auf einer Reise gab der Bischof Joh. v. Fugger seinem Diener den Auftrag, vorauszugehen und an jede Schenke, wo er guten Wein finde, Est anzuschreiben. In Montefiascone fand der Diener den besten und schrieb deshalb Est, Est, Est! an. Der Bischof trank sich tot und erhielt von seinem Diener die Grabschrift: "Est, est, est! propter nimium Est hic Joannes de Fugger dominus meus mortuus est", die sich noch in der Kirche San Flavinio daselbst vorfindet.

Esthen (Ehsten, Esten), Volksstamm im europäischen Rußland, der zur finnischen Völkerfamilie und zur mongolischen Rasse gehört und als Urbevölkerung das eigentliche Esthland (s. d.), die Insel Ösel und den ganzen benachbarten Archipel: die Inseln Mohn (Moon), Dagö, Worms, Nuckö, Nargen, Wrangelsholm u. m. a., sowie die nördliche Hälfte von Livland und kleinere Teile der Gouvernements Pskow, St. Petersburg und Witebsk bewohnt. Der ganze Umfang ihres Ländergebiets mag ungefähr 38,500 qkm (700 QM.) betragen, und ihre Zahl beläuft sich auf 750,000 Individuen, wovon 290,000 im eigentlichen Esthland, über 440,000 in den esthnischen Kreisen Livlands, 1100 im Gouvernement Witebsk, 5500 im Gouvernement Pskow und 4900 im Gouvernement St. Petersburg wohnen. Sie trieben von jeher mehr Ackerbau als irgend ein andrer ihrer bloß jagenden und fischenden Bruderstämme, gehörten aber auch zu den berüchtigtsten Seeräubern der Ostsee, bis die Dänen und später die Deutschen sie unterjochten und für mehrere Jahrhunderte ausschließlich auf die Beschäftigungen des Ackerbaues, der Viehzucht, des Fischfanges und einer wenig entwickelten bäuerlichen Hausindustrie verwiesen. Sie wurden durch freiwilligen Beschluß der deutschen liv- und esthländischen Ritterschaft 1816 und 1819 von der Leibeigenschaft, in den letzten Jahrzehnten allmählich auch vom Frondienst und von der Bevormundung durch die Gutsherren befreit und sind in jüngster Zeit bei immer zunehmendem Wohlstand vielfach in den Besitz selbständiger Höfe und selbst Rittergüter gelangt. Von den Russen werden die E. Tschuchni oder Tchuchonzi ("Fremdlinge"), von den Letten, ihren südlichen Nachbarn, Iggauni ("Vertriebene", mit Anspielung darauf, daß die E. von den Letten weiter nach N. hinaufgedrängt wurden), von den Finnländern Wirolaiset ("Grenzländer") genannt. Sie selbst nennen sich Tallopoëg ("Sohn der Erde") oder auch Maamees ("Mann des Landes"). Während einer 600jährigen Sklaverei hat das Volk der E. ungeachtet der endlich überall durchgedrungenen Lehre des Christentums und der steten Berührung mit den Deutschen dennoch im großen und ganzen seine ursprüngliche Nationalität, Körperbildung, Sprache, Gesinnung, Tracht, Wohnung, Lebensweise und seine Sitten reiner und unveränderter bewahrt als irgend eine andre europäische Völkerschaft, und während die Unterjochung der Letten den Deutschen im ganzen nicht schwer wurde, dauerten die Kämpfe mit den E. ungemein lange und waren sehr blutig. Noch gegenwärtig ist das Mißtrauen der E. gegen die Deutschen, ihre einstmaligen Unterdrücker, nicht völlig geschwunden, wiewohl die deutsche Ritterschaft schon seit geraumer Zeit und nicht ohne sichtlichen Erfolg durch verbesserte Seelsorge, Stiftung von Schulen und andern Instituten, wie z. B. der Bauernrentenbank, auf ein weit besseres Einvernehmen zwischen der Landbevölkerung und den "Herren" (saksad, d. h. Sachsen) hingewirkt hat. Das Wesen der E. war von jeher überhaupt rauh, schroff und eckig und zeichnete sich durch Falschheit, Trägheit und Gleichgültigkeit gegen jede Verbesserung ihres Zustandes aus. Daß diese Fehler jedoch nur Produkte der traurigen äußern Verhältnisse sind, ursprünglich dagegen dem Esthen eine edlere Natur innewohnt, davon zeugt das Sinnige, das sich bei ihm in seiner Betrachtungsweise der Natur kundgibt, das tiefe Gefühl, das sich bei der Behandlung von Kindern, schwächern und ältlichen Personen offenbart, die richtige Beurteilung des Schicklichen und endlich die Innigkeit, mit welcher religiöse und moralische Begriffe aufgefaßt werden. Merkwürdig ist ihre entschiedene Neigung zu kleinen Diebereien, während