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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Ferrand; Ferrandina; Ferrara

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Ferrand - Ferrara.

Ferrand, Eduard, Pseudonym des Dichters Eduard Schulz (s. d.).

Ferrandina, Stadt in der ital. Provinz Potenza, Kreis Matera, über dem Basentothal, an der Eisenbahn von Neapel zum Golf von Tarent, hat trefflichen Wein- und Ölbau und (1881) 7325 Einw.

Ferrara, einst ein selbständiges ital. Herzogtum, dann eine Delegation des Kirchenstaats, gegenwärtig eine der Provinzen der Emilia im Königreich Italien, die nördlich an die Provinz Rovigo (durch den Po davon getrennt), östlich an das Adriatische Meer, südlich an die Provinzen Ravenna und Bologna, westlich an Modena grenzt und, in 3 Kreise (F., Comacchio und Cento) geteilt, ein Areal von 2627 qkm (47,7 QM.) umfaßt. Das Land ist größtenteils niedrig und wird vom Po und mehreren südlichen Armen desselben (Po di Goro, Po di Volano, Po di Primaro etc.), von den Zuflüssen der letztern, wie Panaro, Reno etc., sowie von zahlreichen behufs Entwässerung des Landes mit großen Kosten angelegten Kanälen durchschnitten. Gleichwohl ist das Land noch vielfach sumpfig (namentlich durch die großen Valli di Comacchio) und hat infolgedessen auch teilweise ein ungesundes Klima. Die Bevölkerung beläuft sich auf (1881) 230,807 Seelen. Der Boden ist sehr fruchtbar und liefert insbesondere Getreide, Hanf, Reis, Wein. Auch Seidenkultur, Viehzucht, Fischerei und Salzgewinnung werden betrieben; Holz mangelt. Die Industrie ist nur in der Hauptstadt F., in Cento und Comacchio von einiger Bedeutung. Exportartikel sind namentlich: Weizen, Hanf, Salz und Fische.

Die gleichnamige Hauptstadt, in tiefer Sumpfebene, links an einem Arm des Po (Po di F.) und an der von Florenz über Bologna nach Padua führenden Eisenbahn gelegen, nur 2,4 m über dem 50 km entfernten Meer, macht den Eindruck tiefen Verfalls, da auf der weiten bebauten Fläche nur eine verhältnismäßig geringe Bevölkerung wohnt. F. ist nächst Turin die regelmäßigste und eine der schönsten Städte von Oberitalien, mit Mauern, Gräben und Bastionen umgeben, auch durch eine Citadelle verstärkt, Befestigungen, die aber der jetzigen Kriegskunst nicht mehr entsprechen und nicht im stande sind, den wichtigen Po-Übergang zu decken. Die Hauptstraße ist der ungefähr 3000 Schritt lange Corso, der die Stadt von der Porta Po (im W.) bis zur Porta Mare (im O.) durchschneidet und mit zahlreichen Palästen geschmückt ist. Unter den öffentlichen Plätzen zeichnet sich die Piazza Ariostea, mit einer Statue des Dichters, aus. Unter den Kirchen sind die bemerkenswertesten: der Dom (aus dem 12. Jahrh.), teils im romanischen, teils im gotischen Stil (mit spätern Umbauten im Renaissancestil), reich an trefflichen Bildern und Fresken von Garofalo (dem vorzüglichsten Maler Ferraras), Guercino, Sebastiano Filippi etc. und andern Kunstwerken (darunter prachtvolle Bronzeskulpturen von Niccolò und Giovanni Baroncelli u. a.); ferner die dreischiffige Kirche San Francesco (im Renaissancestil, 1494-1530); die Kirche San Benedetto, aus welcher die dort beigesetzten Gebeine Ariosts 1801, als die Franzosen die Kirche in ein Magazin verwandelten, in den großen Saal der öffentlichen Bibliothek übertragen wurden; die mächtige Säulenbasilika Santa Maria in Vado und die uralte, jetzt modernisierte Kirche San Giorgio vor der Porta Romana, die bis 1135 Kathedrale war. Unter den weltlichen Gebäuden behauptet das Castello, der alte herzogliche Palast, im gotischen Stil (aus dem 14. und 15. Jahrh.), mit vier gewaltigen Ecktürmen besetzt und von einem breiten und tiefen Graben umzogen, den ersten Platz. Er wurde von Nikolaus von Este erbaut, später, nachdem 1554 eine Feuersbrunst den größten Teil des Innern verzehrt hatte, durch Giordano da Carpi erneuert. Diese ehemals hochberühmte Residenz des Hauses Este, die durch Tasso, Ariost, Michelangelo, Dosso Dossi u. a. geweiht ist, diente früher als Residenz des päpstlichen Legaten und wird jetzt als Verwaltungsgebäude benutzt. Andre hervorragende Gebäude sind: der Palazzo Comunale, der erste Sitz der Este; der gotische Palazzo della Ragione (Justizpalast), der Palazzo Scroffa, der Palazzo Roverella, das Studio Pubblico oder Universitätsgebäude, der Palazzo dei Diamanti (1493 erbaut), seit 1842 mit der Gemäldesammlung des Ateneo Civico (s. unten), und das Theater. Im St. Annenhospital ist die Zelle, in welcher Tasso sieben Jahre lang als angeblich Wahnsinniger gefangen saß; auch das Haus Ariosts und das des Dichters Guarini sind noch erhalten.

F., das im 16. Jahrh. über 100,000 Einw. zählte, hat (1881) mit Einschluß der Vorstädte San Luca und San Giorgio nur eine Bevölkerung von 30,695 Seelen. Von höhern Bildungsanstalten besitzt es eine Universität (s. unten), ein Lyceum, Gymnasium, eine technische und eine Musikschule. Die von Kaiser Friedrich II. gestiftete, 1402 von Nikolaus III. erweiterte, zur französischen Zeit aufgehobene, 1824 wiederhergestellte freie Universität umfaßt drei Fakultäten (juristische, medizinisch-chirurgische, mathematisch-naturwissenschaftliche), Kurse für Notare, Tierärzte und Hebammen und sonstige Institute. Die Zahl der Studenten ist jetzt gering (ca. 50). Die dazu gehörige Bibliothek, welche zu den größten und interessantesten Italiens zählt, wurde zwar erst 1746 gegründet, aber zugleich. durch die reiche Sammlung des Kardinals Bentivoglio vermehrt. Sie enthält gegen 100,000 Bände, seltene Inkunabeln und ca. 1000 Manuskripte, darunter Autographen von Ariost, Torquato Tasso, den "Pastor fido" von Guarini etc. Die Sala Ariostea enthält das Marmormonument Ariosts mit seinen Überresten und andre Ariost-Reliquien. Außer der Bibliothek sind noch hervorzuheben: das Domarchiv und das Stadtarchiv. Von den Kunstsammlungen steht die Pinakothek oder die Gemäldesammlung des Ateneo Civico, welche neun Säle des Hauptgeschosses vom Palazzo dei Diamanti füllt, obenan. Sie bietet besondere Gelegenheit, die beiden Hauptmeister der ferraresischen Malerschule, Garofalo und Dosso Dossi, kennen zu lernen. F. ist der Sitz des Präfekten, eines Erzbischofs, eines Zivil- und Korrektionstribunals, eines Assisenhofs, eines Handelsgerichts, einer Finanzintendanz und einer Handelskammer. 24 km von F. liegt die Villa Belriguardo, bei Goethe der Schauplatz der Liebe Tassos zu Leonore von Este. F. ist Geburtsort des Reformators Savonarola, des Dichters Guarini u. a.

Geschichte. F., eine altrömische Kolonie, war schon frühzeitig, seit der ersten Hälfte des 4. Jahrh., als Sitz eines Bischofs und Hauptort des Bistums F. ausgezeichnet. In den Zeiten der Völkerwanderung hatte es von den durch Nord- und Mittelitalien herabziehenden Germanenstämmen als offener Ort manche Unbill zu erdulden. Erst 604 erhielt es Mauern zur Verteidigung gegen die Langobarden. Es gehörte zum Exarchat, bis es 757 eine Zeitlang unter päpstliche Herrschaft kam. Später erhob es sich faktisch zur Selbständigkeit, wenngleich es nominell im 11. Jahrh. die Oberhoheit des Markgrafen Bonifaz von Tuscien und nach ihm die seiner Tochter Mathilde, der "großen Gräfin", bis zu deren Tod (1115) aner-^[folgende Seite]