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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Frankreich

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Frankreich (Geschichte: Ludwig XI.).

Vorteile ein Bündnis mit dem französischen König zu Arras (1435). Paris fiel gleichfalls von England ab (1436); immer mehr zeigte das kleine England sich unfähig, die große französische Monarchie zu behaupten, und überdies wurde es unter dem ganz schwachen und haltlosen Heinrich VI. durch Parteiungen zerrissen. Nachdem die Engländer von Stellung zu Stellung vertrieben worden waren, unterlag ihr letzter tüchtiger General in F., Talbot Graf Shrewsbury, mit seiner kleinen Schar einer großen französischen Übermacht bei Castillon (17. Juli 1453). Nun fiel auch die Hauptstadt Aquitaniens, Bordeaux, in die Gewalt der Franzosen. Der große französische Befreiungskrieg war vollendet; nur Calais und Guines ließ man den Engländern.

Das zunehmende Alter hatte auch Karl VII. eine größere Reife gebracht, und außerdem hatte er das Glück, treffliche Ratgeber zu finden. So hatte die französische Regierung unmittelbar nach der günstigen Wendung des Kampfes auch eine Umgestaltung der innern Organisation begonnen. Indem die Generalstände des Reichs zu Orléans (1439) eine bleibende Kopfsteuer (taille) zum Unterhalt einer stehenden Armee bewilligten, wurde nicht allein die Sicherheit des Reichs nach innen und außen, sondern auch die Macht des Königtums bedeutend gesteigert. Zur Verwaltung der vermehrten Einnahmen wurden die Rechnungskammer und der Steuergerichtshof errichtet (1443). Die letzten Lebensjahre Karls VII. wurden durch sein Zerwürfnis mit dem Dauphin Ludwig verbittert, welcher von den elenden Günstlingen, mit denen Karl sich zuletzt wieder umgeben hatte, derart angefeindet wurde, daß er zu Philipp dem Guten von Burgund entfloh. Dieser, der Herzog von der Bretagne und der Graf von Provence, alles Kapetinger, waren die einzigen großen Vasallen, die noch ihre Unabhängigkeit der Krone gegenüber behaupteten.

Begründung einer starken Königsmacht.

Nachdem Karl VII. 22. Juli 1461 gestorben war, kehrte Ludwig XI. (1461-83) aus Burgund zurück. Seine Absicht war, die aus dem königlichen Hause selbst hervorgegangene hohe Aristokratie zu vernichten und unumschränkt zu herrschen. Um seine Pläne ungestört durchzuführen, wählte er seine Werkzeuge aus den nicht nur durch Geburt, sondern auch moralisch niedrig stehenden Menschen. Die Heftigkeit seiner Herrschgier verleitete ihn oft zu Fehlern; aber er verstand es, die schon abgerissenen Fäden mit unvergleichlicher Geschicklichkeit immer wieder anzuknüpfen und um so behutsamer weiter zu spinnen. Im Anfang seiner Regierung wußte er sich vom König von Aragonien die Pyrenäengrafschaften Cerdagne und Roussillon, von Burgund durch Rückkauf die Picardie zu verschaffen. Indem er aber seine Feindschaft gegen alle Prinzen von Geblüt zu offen aussprach und die Rechte des Adels vielfach verminderte, brachte er sie alle wider sich auf. Des Königs eigner Bruder, der Herzog von Berri, trat an die Spitze der unzufriedenen Großen, die sich zum "Bündnis des öffentlichen Wohls" (Ligne du Bien public) gegen den König vereinigten (1465). Nach der unentschiedenen Schlacht bei Montlhéry mußte Ludwig im Frieden von St.-Maur alle Forderungen der Großen bewilligen und die Erfolge 300jähriger Thätigkeit der französischen Könige gefährden. Eine neue Demütigung erfuhr Ludwig 1468 in Péronne durch den stolzen Herzog Karl den Kühnen von Burgund. Bald aber gelang es ihm, die bisherigen Verbündeten zu entzweien und ihnen mit Hilfe des gefügigen Parlaments den Gewinn zum großen Teil wieder zu entreißen. Eine Empörung des mächtigen Grafen von Armagnac gab dem König 1473 Veranlassung, dessen weite Länder im südlichen F. für die Krone einzuziehen. Eine andre günstige Fügung war es, daß Karl der Kühne sein Augenmerk auf Deutschland und die Schweizer richtete, welch letztere ihn zu wiederholten Malen und zuletzt bei Nancy besiegten, wo der Herzog selbst fiel (5. Jan. 1477) mit Hinterlassung einer noch unvermählten Tochter, Maria. So stürzte für immer das stolze Gebäude der burgundischen Macht zusammen, zum großen Nutzen für Ludwig XI., welcher, da Maria den Erzherzog Maximilian von Österreich und nicht, wie Ludwig verlangt hatte, den Dauphin heiratete, sich sofort eines großen Teils der burgundischen Provinzen bemächtigte. Er zwang schließlich Maximilian zu dem Frieden von Arras (1482), welcher das Herzogtum Burgund, die Freigrafschaft, Artois und einige kleinere Herrschaften mit F. vereinigte. Indem es ihm endlich gelang, nach dem Tode des kinderlosen Königs René von Neapel und Provence diese letztere Provinz mit den Nebenlandschaften Anjou und Maine für die Krone einzuziehen, hatte er für diese die wirklich natürlichen Grenzen Frankreichs: die Alpen, den Jura und die Pyrenäen, überall erreicht. Im Innern waren durch Glück, List und Gewalt mit Ausnahme der Bretagne alle großen Häuser Frankreichs vernichtet oder doch unterworfen. Des Königs Gerichtsbarkeit und Beamtenhierarchie erstreckten sich über das ganze Reich, dem sie Ordnung und Sicherheit, die Vorbedingungen materieller und geistiger Blüte, verliehen. Ludwig XI., der endgültige Begründer der großen französischen Monarchie, starb 30. Aug. 1483.

Während der zwei Jahrhunderte von der Thronbesteigung Philipps des Schönen bis zum Tod Ludwigs XI. hatte sich unter mannigfachen Schwankungen das Königtum immer mehr dem Absolutismus genähert, welcher den demselben dienenden Rechtsgelehrten nach römischem Vorbild als Ideal vorschwebte. Der französische Großadel hatte seine zeitweilige Überlegenheit immer nur zu selbstsüchtigen Zwecken, nie, wie der englische, zu dauernder und gesetzlicher Beschränkung der königlichen Macht zu gunsten der Unterthanen zu benutzen gewußt. Auch die französische Kirche war auf allen Gebieten, die sich mit dem Staatsleben berührten, der Herrschaft des Königtums unterworfen worden. Beschränkt wurde das letztere nur durch zwei Institutionen: den durch die Finanznot veranlaßten und immer mehr sich ausdehnenden erblichen Verkauf der Richterstellen, welcher den Richterstand unabhängiger machte, und die von Philipp IV. zum erstenmal einberufenen Generalstände (États-Généraux) des Reichs, Abgeordnete der Geistlichkeit, des Adels und der Städte, deren Zusammentritt aber gänzlich vom Belieben des Königs abhing, und die zu wirklich bleibender Macht trotz wiederholter Versuche nicht zu gelangen vermochten.

In den gesamten Anschauungen des französischen Volkes war in diesen beiden Jahrhunderten ein völliger Umschwung vor sich gegangen. Die Ideale des Mittelalters: Rittertum, kirchliche Frömmigkeit, unbedingte Verehrung des überlieferten, waren erloschen, und noch war nichts festes und sicheres Neues an deren Stelle getreten. Nur die Gelehrsamkeit, von Italien angeregt, auf die Antike gegründet, hatte im 15. Jahrh. auch in F. glänzende Fortschritte gemacht; namentlich Karl V. war ein eifriger Gönner der Wissenschaft gewesen. Ludwig XI. nahm dann eine Anzahl griechischer Gelehrten an