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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Frankreich

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Frankreich (Geschichte: Ludwig XIII.).

habe zum Beginn des großen Kampfes gegen Spanien und Österreich benutzen, als der Dolch eines klerikalen Fanatikers, Franz Ravaillac, 14. Mai 1610 seinem Leben ein Ende machte. Seine großen Pläne hatte Heinrich nicht durchführen können; dennoch hinterließ er sein Reich gekräftigt und geeint, von den dringendsten Schulden befreit, mit einem stets bereiten Schatz von etwa 300 Mill. Mk. Er hat den Grund zu dem französischen Übergewicht in Europa gelegt.

Heinrichs IV. Witwe Maria von Medicis ergriff für ihren erst achtjährigen Sohn Ludwig XIII. (1610-43) einstweilen die Zügel der Regierung. Sie schlug eine friedliche Politik ein, geriet aber bald in Abhängigkeit von ihren Günstlingen, der Kammerfrau Leonore Galigai und deren Gemahl Concini, Marschall von Ancre, und rief durch ihre Schwäche wie durch die Vermählung Ludwigs XIII. mit einer spanischen Prinzessin, Anna von Österreich (November 1615), eine Empörung des Adels hervor, während welcher der junge König, über seine Zurücksetzung erbittert und von seinem Günstling Luynes angestachelt, 24. April 1617 Ancre ermorden ließ und seiner Mutter die Regierungsgewalt abnahm. Indessen vermochte Ludwig, schwächlich von Körper und Intelligenz und furchtsam, die Staatsgeschäfte nicht selbst zu verwalten. Er übergab dieselben zunächst Luynes, der aber durch seinen Ehrgeiz, seine Habgier und seinen Übermut einen neuen Aufstand des Adels veranlaßte, dem sich die über die Begünstigung der Jesuiten erzürnten Hugenotten anschlossen. Obwohl der Krieg gegen die letztern ohne große Erfolge für die königlichen Waffen verlief, mußten doch die Reformierten, aus denen die alte Glaubensinnigkeit gewichen war, um der Selbstsucht und Uneinigkeit Platz zu machen, 1622 mit dem König einen Frieden schließen, der ihnen zwar die kirchliche Gleichberechtigung beließ, aber ihre starke politische und militärische Organisation zerstörte - ein großer Gewinn für die Einheit des Staats und den königlichen Absolutismus.

Nach Luynes' frühem Tod (1621) und dem Sturz des unfähigen Vieuville (August 1624) kam die Leitung des Staats und des schwächlichen Königs an denjenigen Staatsmann, welcher nach innen und außen dem französischen Königtum seine furchtbare Überlegenheit verschafft hat, an Richelieu, der als Sprößling einer vornehmen Familie Bischof von Luçon und durch seinen engen Anschluß an die Königin-Mutter Kardinal und Mitglied des Ministerrats geworden war. Im Innern wurde ein neuer Aufstandsversuch des hohen Adels niedergeschlagen, die Niederreißung aller nicht dem Staat angehörigen Befestigungen angeordnet, eine von England begünstigte Empörung der Hugenotten durch die Eroberung des heldenmütig verteidigten La Rochelle unterdrückt (1628) und mit Zerstörung aller protestantischen Burgen und Befestigungen bestraft; indessen bestätigte Richelieu, der von Unduldsamkeit nichts wußte, den Hugenotten alle ihre staatsbürgerlichen Rechte (1629). Seitdem hörten die Hugenotten auf, als politische Partei von irgend welcher Bedeutung zu sein. Gefährlicher war die aristokratische Opposition, an deren Spitze sich dem allmächtigen Minister gegenüber Maria von Medicis selbst sowie der ehrgeizige Bruder des Königs, Gaston von Orléans, stellten. Richelieu aber wurde nur durch die Kraft seines Geistes, die Macht der Verhältnisse und die Bewunderung des Volkes unterstützt, da selbst der König ihn durchaus nicht liebte. Ludwig erkannte jedoch, daß Richelieu seine wahren Interessen verteidigte, und so gelang es dem letztern, die Königin-Mutter 1631 zur Flucht nach dem Ausland zu zwingen, das Bündnis zwischen den Spaniern, Gaston und dessen ritterlichem Freunde, dem letzten Herzog von Montmorency, durch den Sieg bei Castelnaudary, die erbarmungslose Hinrichtung Montmorencys, die Begütigung des feigen Gaston unschädlich zu machen (1632). Strenge Maßregeln wider alle politischen Gegner des Kardinals, Beseitigung aller noch selbständigen Gewalten in den Provinzen folgten diesem Sieg Richelieus. Ein gefährlicher Aufstand eines andern königlichen Prinzen, des Grafen von Soissons, endete mit dem Tode des letztern in dem Gefecht von Marfée (1641), und als endlich der Marquis von Cinq-Mars durch Intrigen, die er mit dem König selbst anknüpfte, den furchtbaren Minister zu stürzen versuchte, wußte dieser den kraftlosen Monarchen zur Unterwerfung und zur Überlieferung seines Günstlings Cinq-Mars zu zwingen, der nun mit seinem Freunde, dem Parlamentsrat de Thou (einem Sohn des berühmten Historikers), das Schafott besteigen mußte (1642). Unter Beseitigung aller dieser Hindernisse vermochte Richelieu die französische Verwaltung im Sinn der Zentralisation und der ministeriellen Allmacht weiter zu entwickeln und für diese in den Intendanten, die seit 1635 mit dreifacher Gewalt: polizeilicher, gerichtlicher und finanzieller, ausgerüstet, von jeder Verantwortung, außer der gegen den leitenden Minister, befreit und an keine andre Regel als dessen und ihr eignes Belieben gebunden waren, geeignete Werkzeuge zu schaffen. Politisch berechtigte Gewalten duldete das Königtum nicht mehr neben sich; die Generalstände des Reichs waren 1614 zum letztenmal einberufen worden.

Mit nicht minderer Energie verfolgte Richelieu sein Ziel in der äußern Politik: Schwächung des mit F. um die Weltherrschaft ringenden Hauses Habsburg. Schon 1626 nötigte Richelieu die Spanier zur Räumung des Veltlin, nahm sich 1629 des von Spanien und dem Kaiser bedrohten Herzogs von Mantua an und zwang jene zu dem ungünstigen Frieden von Cherasco (1631). Dadurch war in Italien eine starke französische Partei begründet. Ebenso unterstützte Richelieu in Deutschland, wo damals der Dreißigjährige Krieg wütete, alle Gegner der Habsburger mit Geld, zuerst die deutschen Protestanten, dann Dänemark und endlich Gustav Adolf und Oxenstierna, um Lothringen, das Kurfürstentum Trier und einige elsässische Orte zu besetzen. Endlich wurde Herzog Bernhard von Weimar in französischen Sold genommen; er eroberte das Elsaß zunächst für sich, als er aber 1639 starb, wußte Richelieu durch Bestechung seine Unterbefehlshaber zu veranlassen, ihre Truppen und das Elsaß an F. zu überliefern. Als die spanischen Habsburger, über Frankreichs Umtriebe empört, demselben 1635 den Krieg erklärten, nahm derselbe nach einigen anfänglichen Mißerfolgen bald eine für F. sehr glückliche Wendung, da Spaniens Bevölkerung und Geldmittel fortwährend abnahmen und dieses Reich durch innere Zwietracht zerrüttet wurde. 1640 eroberten die Franzosen Arras und dessen ganzes Gebiet, das Artois, empörten sich die Katalonier und die Portugiesen und verschafften jenen den Eingang in die Pyrenäenhalbinsel selbst. Mitten unter diesen allseitigen Erfolgen starb Richelieu 4. Dez. 1642; wenige Monate später folgte ihm, noch nicht 42 Jahre alt, Ludwig XIII. (14. Mai 1643). Sein Nachfolger war ein Kind von vier Jahren, Ludwig XIV. (1643-1715).