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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Frankreich

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Frankreich (Geschichte: Ludwig XV.).

war ausgestorben. Als derselbe gebeugt und bekümmert 10. Sept. 1715 verschied, hinterließ er von seiner legitimen Nachkommenschaft nur einen Urenkel, Ludwig XV. Trotz alles äußern Glanzes hatte die Regierung Ludwigs XIV. über das französische Volk Verarmung, Druck und Unzufriedenheit gebracht und so den Keim der Revolution gelegt.

Für den erst fünfjährigen Ludwig XV. (1715-1774) übernahm der Neffe des vorigen Königs, der geistreiche und fein gebildete, aber sittenlose Herzog Philipp von Orléans, die Regentschaft; sein Minister war der gleichgeartete Kardinal Dubois. Indem er in kirchlicher und politischer Beziehung eine freiere Bewegung gestattete, erwachte das französische Volk aus der dumpfen Betäubung, in welche der konsequente Despotismus Ludwigs XIV. dasselbe versetzt hatte; aber dieser freiere Schwung richtete sich gegen Königtum und Kirche. Auch in der äußern Politik schlug Philipp neue Bahnen ein, indem er sich mit England, Holland und dem Kaiser gegen Spanien verbündete, dessen Versuche, die im Utrechter Frieden verlornen italienischen Besitzungen wiederzuerlangen, infolgedessen scheiterten (1719). Um den finanziellen Verlegenheiten des Staats abzuhelfen, gewährte der Regent dem schottischen Abenteurer John Law, dessen Mississippigesellschaft zuerst einen ungeheuern Aufschwung nahm, um dann durch ihren plötzlichen Zusammensturz Tausende zu ruinieren (1720), freien Spielraum. Durch diese Finanzoperationen wurde zwar die Staatsschuld beinahe auf die Hälfte vermindert, aber auch von neuem die Unzufriedenheit und der Grimm des Volkes gegen die Regierung wachgerufen.

Im Dezember 1723, wenige Monate nach Dubois, starb auch der Regent, und Ludwig XV. übernahm nun dem Namen nach die Regierung, welche in der That als Premierminister der Herzog von Bourbon-Condé und nach dessen Sturz 1726 der Erzieher des jungen Königs, Kardinal Fleury, führten. Es gelang Fleury, Spanien durch den Vertrag von Sevilla (1729) von neuem an F. zu ketten und so die Politik Ludwigs XIV. wieder aufzunehmen. Dieses Bündnis trat 1733 beim Ausbruch des polnischen Erbfolgekriegs in Wirksamkeit, in welchem die Franzosen in Deutschland Lothringen, Trier, Kehl und Philippsburg, in Italien Mailand eroberten, während die Spanier Neapel und Sizilien einnahmen. Nach so glänzenden Siegen hielt der friedliebende Fleury die Zeit zum Vergleich gekommen. Im Oktober 1735 wurden Friedenspräliminarien zu Wien abgeschlossen, welche die Königreiche Neapel und Sizilien dem jüngern Sohn des Königs von Spanien, das Herzogtum Lothringen aber zur Entschädigung Stanislaus Leszczynski zuteilten, nach dessen Tod (1766) es seinem Schwiegersohn, dem König von F., zufallen sollte. Fleury hatte durch diesen meisterhaft geführten militärischen und diplomatischen Feldzug das Ansehen Frankreichs wieder gehoben und die habsburgische Herrschaft über Italien gebrochen. Auch in der innern Verwaltung bewahrte Fleury nach allen Seiten Milde und wohlwollende Einsicht; Ackerbau, Gewerbfleiß und Handel blühten lebhafter auf denn je. Während Fleury den Jansenismus unterdrückte, aber ohne Härte, begünstigte er die gallikanische Kirche Rom gegenüber. Aber schon 1741 wurde F. in einen neuen Krieg mit Österreich verwickelt, indem es beim Aussterben des habsburgischen Mannesstamms in Österreich (1740) die Gelegenheit nicht vorübergehen lassen wollte, durch Unterstützung der bayrischen und sächsischen Erbansprüche die österreichische Macht auch in Deutschland zu stürzen. Doch waren die französischen Waffen im österreichischen Erbfolgekrieg, während dessen Fleury 1743 starb, weder in Deutschland noch in Italien glücklich und mußten beide Länder mit großem Verlust räumen. Zwar eroberte Moritz von Sachsen durch seine Siege bei Fontenoy (1745) und Raucourt (1746) Belgien, doch da F. von dem langen Krieg völlig erschöpft und überdies von den Engländern der meisten seiner Kolonien beraubt worden war, schloß es den Frieden zu Aachen (18. Okt. 1748). Sämtliche Eroberungen sowohl in Europa als in den überseeischen Ländern wurden von allen Seiten zurückgegeben; F. hatte also mit seinen großen Opfern nichts erreicht.

Noch verhängnisvoller wurde ihm sein Anteil am Siebenjährigen Krieg. Da der Kampf mit England um die Kolonien in Nordamerika und Ostindien trotz des Aachener Friedens bald von neuem ausbrach und Preußen sich 1756 an England anschloß, so ging F. auf den Wunsch Österreichs, ein Bündnis mit ihm gegen Preußen zu schließen, bereitwillig ein. Die 250jährige Rivalität zwischen F. und Österreich ward damit beendet, und F. schlug in Deutschland fortan eine ganz neue Politik ein, indem es im Bund mit Österreich und den kleinern deutschen Staaten das emporstrebende protestantische Preußen zu unterdrücken suchte; als Siegespreis war ihm Belgien versprochen. Anfangs war das Glück den Franzosen günstig, und Richelieu eroberte 1756 Minorca, der Gouverneur von Kanada, Montcalm, die englischen Forts am Ontariosee; 1757 schlug d'Estrées das englische Heer bei Hastenbeck und zwang es zur Konvention von Kloster-Zeven, welche Nordwestdeutschland den Franzosen überlieferte. Aber bald zeigten sich die nachteiligen Folgen der Günstlings- und Mätressenwirtschaft unter Ludwig XV. Unfähige Generale erhielten den Oberbefehl; unter den schlecht genährten und schlecht bezahlten Soldaten herrschten Zügellosigkeit und Feigheit. Die Niederlagen von Roßbach (1757), Krefeld (1758) und Minden (1759) entrissen den Franzosen das militärische Übergewicht in Deutschland, welches sie trotz ungeheurer Opfer an Geld und Menschen bis zum Ende des Kriegs nicht wiedergewinnen konnten. Noch unglücklicher verlief der Krieg in Nordamerika, wo nach der Eroberung der kanadischen Küsten der englische General Wolfe den Marquis von Montcalm bei Quebec schlug; nach diesem Gefecht, in welchem beide Feldherren fielen, kapitulierte Quebec (September 1759). Mit dem Verlust dieser Hauptstadt war auch der Kanadas, ja ganz Nordamerikas für die Franzosen entschieden, wie er sich wirklich in den nächsten Kriegsjahren vollzog. Gleichzeitig wurden die französischen Flotten in den Gefechten bei Lagos und in der Bucht von Quiberon vernichtet. Der Abschluß eines ewigen Bündnisses, des sogen. Familientraktats, mit den spanischen Bourbonen (1761) vermochte das Glück des Kriegs nicht zu wenden. So sah F. sich genötigt, in dem Pariser Frieden (10. Febr. 1763) die schwersten Opfer zu bringen; es mußte Kanada, Neuschottland und Cape Breton Island, das Ohiothal und mehrere amerikanische Inseln an England abtreten und Spanien für den Verlust Floridas an England durch Louisiana entschädigen. F. war dadurch für immer von dem amerikanischen Festland ausgeschlossen. Aus Deutschland mußte es seine Truppen ohne jede Entschädigung zurückziehen. 1100 Mill. Livres waren ohne jeden Gewinn verschwendet, und der Kriegsruhm der französischen Armee hatte empfindliche Einbuße erlitten.

Je kläglicher Ludwigs XV. Regierung nach außen