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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Frankreich

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Frankreich (Geschichte: Ludwig XVI.)

und innen Bankrott machte, um so tyrannischer verfuhr sie im Innern. Der aufgeklärte Premierminister Choiseul, welcher die Vertreibung der Jesuiten aus F. veranlaßt und 1768 von den Genuesen Corsica erworben hatte, wurde 1770 zu gunsten des frömmelnden, unfähigen Höflings Aiguillon entlassen. Indem das Pariser Parlament sich der Jansenisten annahm, geriet es in Streit mit dem König, der es 1771 auflöste und seine Mitglieder einkerkerte. Jede Regung eignen Willens und freien Geistes im Volk wurde durch willkürliche Haftbefehle (lettres de cachet), welche oft auch die Günstlinge zum Dienst ihrer Leidenschaften mißbrauchten, bestraft. Die unglaubliche Sittenlosigkeit des Hofs und der Vornehmen, die Frechheit, mit welcher das Volk ausgesogen und die versiegenden Hilfsquellen des Staats für unwürdige Vergnügungen vergeudet wurden, die gänzliche Zerrüttung der Finanzen, hauptsächlich verursacht durch die Kosten der wenig ehrenvollen Kriege und die maßlosen Verschwendungen der Mätressen des Königs, einer Pompadour, Dubarry etc.: alle diese Umstände machten das absolute Königtum und die herrschenden Klassen beim Volk ebenso verächtlich wie verhaßt. Dazu kam die revolutionäre Strömung, die in der gesamten Litteratur vorherrschte. Voltaire, der in historischen, philosophischen und poetischen Schriften die überlieferte Sitte und Religion, die Kirche, das Königtum und die Feudalität bekämpfte, war von zahlreichen jüngern Leuten umgeben, die zum Teil noch weit über seinen Standpunkt hinausgingen und in Religion und Politik entschieden materialistische und atheistische Prinzipien verkündigten. Das Manifest und der Vereinigungspunkt dieser Partei, welche hauptsächlich die öffentliche Meinung beherrschte, war Diderots "Encyklopädie", ein allgemeines, räsonierendes Realwörterbuch, dessen erste Bände 1751 erschienen. Der Genfer Jean Jacques Rousseau (1712-78) wandte sich vornehmlich gegen die unnatürliche Bildung (im "Émile"), die schreiende soziale Ungleichheit der Zeit ("Contrat social"), die überkommene Religion und Moral ("Nouvelle Héloïse") und fand auf allen diesen Gebieten überaus zahlreiche Verehrer und Gesinnungsgenossen. Gemäßigter als Voltaire, die Encyklopädisten und Rousseau waren die Nationalökonomen, welche aber doch dem noch immer herrschenden, auf einseitige Begünstigung der Industrie hinauslaufenden "Merkantilsystem" Colberts ein auf Bevorzugung der Landwirtschaft und damit des großen Bauernstandes gegründetes "physiokratisches" System gegenüberstellten. Gerade die höhern Klassen pflegten und billigten alle diese Neuerungen und bereiteten dadurch den Umsturz einer Gesellschaftsordnung vor, die nur zu ihrem eignen Vorteil eingerichtet war. Immer unwiderstehlicher bemächtigte sich der Drang nach Änderung der unerträglichen und mit der Richtung des öffentlichen Geistes durchaus kontrastierenden Zustände des ganzen Volkes.

Die Vorspiele der Revolution.

Am 10. Mai 1774 starb Ludwig XV. Gegen Ende seiner Regierung hatte er schon einer bedeutenden Polizeimacht bedurft, um Paris in Ruhe zu erhalten; er vermied es, die Hauptstadt zu besuchen. Heftige Flugschriften sprachen bereits von einer Revolution, ja von einer Verurteilung des Monarchen. Es war so weit gekommen, daß der Versuch zur Besserung nur das Signal zu dem längst gefürchteten Ausbruch der revolutionären Leidenschaften gab. Der kaum 20jährige Ludwig XVI., sein Enkel (1774-1792), war im Grund wohlwollend, der Tyrannei abgeneigt, voll Anerkennung für höhere Begabung, aber unwissend, schwach, ohne selbständiges Urteil, ohne Lust zu Staatsgeschäften, von seiner Umgebung abhängig. Zwar ernannte er zu dem damals wichtigsten Ministerium, demjenigen der Finanzen, den tüchtigen Nationalökonomen Turgot; als derselbe aber eine umfassende Reform anstrebte durch Aufhebung der Staatsfronen und Zünfte, durch Beschränkung der unverdienten Pensionen und Gnadengehalte und durch Einführung einer allgemeinen, auch die Privilegierten betreffenden Steuer, ließ Ludwig XVI. infolge des Widerstandes der Höflinge und der Geistlichkeit Turgot fallen und ersetzte ihn durch Clugny, einen völlig bedeutungslosen Mann der alten Schule (1776), welcher sofort jene Reformen rückgängig machte. Dies erregte allgemeinen Unwillen und enthüllte zugleich aller Welt die Schwäche und persönliche Unfähigkeit Ludwigs XVI. Entschlossener leitete die auswärtige Politik der Minister v. Vergennes. Um an England wegen des Siebenjährigen Kriegs Rache zu nehmen, schloß er Anfang Februar 1778 mit den aufständischen englischen Kolonien in Nordamerika ein Bündnis, dem sich bald auch Spanien und Holland anschlossen. In der That war England trotz rühmlichen Widerstandes diesem Bund nicht gewachsen und mußte im Frieden von Versailles (Januar 1783) nicht nur die Freiheit der Vereinigten Staaten von Nordamerika anerkennen, sondern auch Senegambien sowie Tobago und einige andre Inseln an F., Florida und Minorca an Spanien abtreten. Trotzdem war dieser Krieg besonders unheilvoll für F. Einerseits mußte die Verteidigung der Volksrechte in Amerika gegenüber einer legitimen Regierung gefährlich auf die ohnehin revolutionäre Gesinnung in F. selbst zurückwirken; anderseits wurde durch diesen Kampf, welcher F. allein 1750 Mill. Livres gekostet hatte, die finanzielle Zerrüttung aufs äußerste gesteigert. Der 1777 als Finanzminister berufene Genfer Bankier Necker, ein tüchtiger und rechtlicher Praktiker, wenn auch von beschränkten Gesichtspunkten, suchte der Not durch Verminderung der Hofausgaben und Gnadengehalte einigermaßen zu steuern, wurde aber deswegen entlassen (1781).

Durch diese Nachgiebigkeit gegen die reaktionäre Hofpartei büßte Ludwig XVI. den letzten Rest seiner Popularität ein; besonders verhaßt wurde seine Gemahlin Marie Antoinette, Maria Theresias Tochter, welcher ihre Eigenschaft als Fremde und ihr leichtsinniges Betragen bereits viele Gegner gemacht, und die dann sowohl auf Turgots als auf Neckers Entfernung hingearbeitet hatte. Die unfähigen Nachfolger Neckers, zumal der gewissenlose Calonne, brachten die Staatsfinanzen in eine solche Unordnung, daß der Bankrott unvermeidlich war, wenn nicht die privilegierten Stände (Adel und Geistlichkeit) auf ihre Steuerfreiheit verzichteten. Um sie dazu zu bewegen, ließ Calonne aus ihrer Mitte durch den König eine Notabelnversammlung einberufen (29. Jan. 1787), was seit 1614 nicht mehr geschehen war. Damit war das ganze alte Regierungssystem, wie es seit Richelieu bestanden hatte, für ungenügend und beseitigt erklärt. Die Notabeln aber verbargen ihren selbstsüchtigen Widerwillen gegen die Steuergleichheit hinter dem allgemeinen Haß wider Calonne, der wirklich im April 1787 sein Amt niederlegen mußte. Anstatt des vom Volk geforderten Necker ernannte der König zu Calonnes Nachfolger einen ehrgeizigen und sittenlosen Prälaten, Brienne, Erzbischof von Toulouse. Aber auch er vermochte den kurzsichtigen Egoismus der Notabelnversammlung nicht zu über-^[folgende Seite]