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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Frankreich

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Frankreich (Geschichte: die erste Revolution).

sich der drohenden Übermacht der Pariser Straßendemagogen nicht freiwillig ausliefern. Schon längst mit dem kommandierenden General in Nancy, Bouillé, deshalb in Korrespondenz, beschloß er, nach der Grenzfestung Montmédy zu entfliehen. In der Nacht des 20. Juni 1791 wurde die Flucht glücklich bewerkstelligt; aber am zweiten Abend ward Ludwig XVI. vom Postmeister von Ste.-Menehould, Drouet, erkannt und in dem Städtchen Varennes angehalten. Das Volk, welches meinte, der König wolle F. den Fremden und den Aristokraten ausliefern, zwang ihn zur Umkehr nach Paris; das Königtum war nach diesem Ereignis bereits zum Untergang verurteilt. Indessen gelang es noch einmal der gemäßigten Linken in der Nationalversammlung, die republikanischen Gelüste inner- und außerhalb derselben zu unterdrücken und das konstitutionelle Verfassungswerk zu Ende zu führen. Nachdem der machtlose König dasselbe angenommen hatte, löste sich die Nationalversammlung auf (September 1791).

Sturz des Königtums.

Unmittelbar nach der Verkündigung der neuen Verfassung trat die neugewählte Gesetzgebende Versammlung (Assemblée nationale législative, 745 Mitglieder) in Wirksamkeit. In ihr war die frühere Rechte ganz verschwunden, die bisherige konstitutionelle Linke zählte zwar zahlreiche Mitglieder, aber diese waren unsicher und entmutigt, während die eigentliche Führung der energischen Partei der republikanischen Linken zugefallen war, die, weil sie von den geistreichen Abgeordneten des Gironde-Departements (Brissot, Vergniaud, Isnard, Guadet u. a.) geführt wurde, den Namen der Girondisten empfing. Sie kam bald mit dem König in Zwist, da derselbe den Gesetzen, betreffend die Bestrafung der den Eid auf die Zivilverfassung der Kirche verweigernden Priester und der ausgewanderten Adligen (Emigranten), seine Genehmigung versagte. Um die revolutionären Leidenschaften von neuem zu entflammen, wünschte die Gironde den Krieg gegen die Mächte des alten Europa herbeizuführen. Nachdem sie in der That durch Vorspiegelung von Kränkungen seitens des deutschen Kaisers und der deutschen Fürsten das französische Volk aufgereizt und dem König ein Ministerium aus ihrer Mitte aufgenötigt hatte, beschloß die Gesetzgebende Versammlung 20. April 1792 den Krieg gegen Österreich, das von Preußen unterstützt wurde. Freilich wurde dieser Krieg von dem zerrütteten Heer schlecht genug geführt; aber gerade dieser Umstand erregte die Leidenschaft der hauptstädtischen Bevölkerung, da man sich vom Hofe verraten glaubte. Am 20. Juni 1792 drang ein Pöbelhaufe, von der Nationalgarde nicht behindert, in die Tuilerien, beschimpfte den König und seine Gemahlin, räumte aber, durch die Vorstellungen des Maire Pétion bewogen, das Schloß wieder. Nach diesen Szenen suchte Ludwig nur noch in völliger Unterwerfung unter die Gesetzgebende Versammlung, deren Führer doch bereits auf die Vernichtung des Königtums hinarbeiteten, Schutz und Rettung. Schon 10. Aug. 1792 stürmten unter geheimer Begünstigung des girondistischen Maire von Paris, Pétion, zahllose Pöbelhaufen gegen die Tuilerien; die Nationalgarden verweigerten die Verteidigung, der König und seine Familie suchten bei der Gesetzgebenden Versammlung Zuflucht; die brave Schweizergarde ward von dem Pöbel größtenteils niedergemetzelt. Die Gesetzgebende Versammlung aber suspendierte das Königtum und behielt den König selbst, angeblich zu dessen Sicherung, in Gewahrsam.

Der wahre Sieger des 10. Aug. war der revolutionäre Gemeinderat, der sich des Pariser Stadthauses bemächtigt hatte. Seine Anhänger in der Gesetzgebenden Versammlung trennten sich als "der Berg" (la Montagne, weil sie die höchsten Sitzreihen einnahmen) von den Girondisten, geführt von dem verwegenen, hochbegabten, aber verbrecherischen Georges Danton. Er organisierte das Schreckensregiment, die Verfolgung der politisch Verdächtigen. Am 2. Sept. 1792 begann ein fünftägiges Morden unter den politischen Gefangenen in Paris, deren etwa 2000 hingeschlachtet wurden. Gleichzeitig drangen die Preußen und Österreicher unter dem Herzog von Braunschweig in die Champagne ein; die Unentschlossenheit des Führers aber, wie sie sich besonders in der entscheidungslosen Kanonade von Valmy (20. Sept.) zeigte, führte das Scheitern des Feldzugs und den Rückzug der Preußen herbei. Darauf brach Dumouriez in die österreichischen Niederlande ein und eroberte sie durch den einzigen Sieg bei Jemappes (6. Nov.). Custine nahm Trier, Speier und Mainz (21. Okt.). Die Jakobiner jubelten; es konnte ihnen gleichgültig sein, daß die Wahlen zu dem am 21. Sept. 1792 zusammentretenden Nationalkonvent (Convention nationale) zumeist auf Gemäßigte gefallen waren, da sie den bewaffneten Pöbel von Paris zur Verfügung hatten. Der Konvent begann seine Thätigkeit sofort mit der Erklärung, das Königtum sei abgeschafft, und 22. Sept. ward die Republik proklamiert. Die Gironde wußte ihre Überlegenheit in der Versammlung zu keiner männlichen That zu benutzen. Sie ließ sich von der Bergpartei dazu drängen, die Einkerkerung der königlichen Familie und die Einleitung eines Prozesses gegen Ludwig XVI. zu genehmigen; die Gironde war jetzt schon so gut wie besiegt, und 17. Jan. 1793 wurde der König dem Verlangen der Jakobiner gemäß mit einer Stimme Mehrheit zum sofortigen Tod verurteilt und das Urteil 21. Jan. 1793 vollzogen. Diese Blutthat sollte den Bruch mit der Vergangenheit vollenden und jede Rückkehr zur Monarchie unmöglich machen.

Die Schreckensherrschaft des Konvents.

Die Hinrichtung des Königs erregte die Entrüstung ganz Europas; England, Holland, Spanien traten zu den Gegnern Frankreichs über. Belgien wurde von den Österreichern durch die Schlacht bei Neerwinden (18. März 1793), Mainz 20. Juli durch die Preußen wiedererobert, und ein andres österreichisches Heer drang unter Wurmser in das Elsaß ein. Immer höher stiegen die Leidenschaften in F. selbst. Aus der Mitte des Konvents wurde unter dem Namen des Wohlfahrtsausschusses, dessen Häupter Robespierre und Danton waren, eine revolutionäre Regierung eingerichtet; es wurde ein Revolutionstribunal gebildet, welches summarisch alle politischen Vergehungen bestrafen sollte. Kommissare wurden in die Departements geschickt, um dort überall dem Schrecken zum Sieg zu verhelfen. So ermutigt, gingen die Jakobiner zum letzten Angriff auf die Girondisten über, welche doch die Gesinnung der großen Mehrheit des französischen Volkes repräsentierten. Die Pariser Sektionen begannen ihn 31. Mai 1793 mit Sturmpetitionen und schlossen ihn 2. Juni, indem sie den Konvent zur Verhaftung von 32 Führern der Gironde nötigten, die später zum größten Teil hingerichtet wurden. Die Königin endete 16. Okt. auf dem Schafott. Dasselbe Schicksal traf viele ausgezeichnete Männer der ersten Revolutionszeit. Der Schrecken hatte gesiegt. Aber im Süden, besonders in Lyon und Bordeaux, erhob sich das