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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Frankreich

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Frankreich (Geschichte: Napoleon I.).

gearbeitet. Da Bonaparte erkannte, welche treffliche Unterstützung seine Regierung von einer Staatskirche haben würde, so beschloß er, den Katholizismus, der von den gebildeten Klassen schon fast ganz aufgegeben war, in Abhängigkeit von der Staatsgewalt wiederherzustellen; dies gelang ihm in der That durch das mit Papst Pius VII. 15. Juli 1801 abgeschlossene Konkordat. Die Mehrheit der Bevölkerung, durch den frisch aufblühenden Handel u. Gewerbfleiß und die vortreffliche Handhabung der Verwaltung gewonnen, war ganz auf seiten des Ersten Konsuls. Dieser durfte sich bereits eine Garde und einen förmlichen Hofstaat schaffen und so unmerklich ein wahres Herrschertum begründen. Den Emigranten ward die Rückkehr nach F. gestattet; der öffentliche Unterricht wurde in strenger Abhängigkeit von der Regierung neu organisiert; die Einrichtung des Ordens der Ehrenlegion schlug allen republikanischen Grundsätzen ins Gesicht. Endlich wurde wenn auch nicht dem Namen, so doch der Sache nach die monarchische Regierung durch die Verfassung hergestellt, welche im Mai 1802 dem Volk vorgelegt und mit 3,568,885 Stimmen von 3,577,399 angenommen ward, worauf Bonaparte 2. Aug. durch Senatsbeschluß zum Ersten Konsul auf Lebenszeit ernannt wurde. Auch die angrenzenden Republiken wurden in ähnlichem Sinn organisiert, besonders die Cisalpinische, zu deren Präsidenten sich Bonaparte selbst machte, und die Helvetische. Piemont und die Insel Elba wurden völlig F. inkorporiert.

Das erste Kaiserreich.

Nachdem 1803 der Krieg mit England von neuem ausgebrochen war, wurde F. wiederholt durch royalistische Verschwörungen beunruhigt. Die Entdeckung des Komplotts des Vendéers Cadoudal, der hingerichtet wurde, gab Bonaparte Anlaß, sich zweier unbequemer Nebenbuhler, der Generale Pichegru und Moreau, zu entledigen und durch die brutale Erschießung des Herzogs von Enghien (21. März 1804) die Bourbonen einzuschüchtern. Die Ruhe, die sich in der großen Mehrheit des französischen Volkes bei diesen Ereignissen kundgab, ermutigte ihn zur Krönung seines Herrschergebäudes, indem er durch das Tribunat dem Senat vorschlagen ließ, die monarchische Verfassung wiederherzustellen. Am 18. Mai 1804 nahm der Senat die neue Konstitution an, die Bonaparte als Napoleon I. zum erblichen Kaiser der Franzosen machte. Von 3,574,498 Bürgern waren es wieder 3,572,329, welche für Bonapartes Erhebung zum Kaiser stimmten. Er umgab sich sofort mit außerordentlichem Glanz, mit Erzwürdenträgern, die hohe Dotationen in Grundstücken erhielten, mit Großbeamten und zahlreichen Marschällen, endlich mit einem hohen kaiserlichen Gerichtshof zur Bestrafung politischer Vergehen. Am 2. Dez. 1804 krönte sich Napoleon selbst zum Kaiser unter Assistenz des Papstes Pius VII., der zu diesem Zweck nach F. gekommen war. So war die französische Revolution wieder zu dem absoluten Regierungssystem zurückgekehrt, von dem sie ausgegangen war. Ja, der geniale Soldat, welchen die Wogen einer wilden Demagogie auf den Thron gehoben hatten, von dem aus er sie bändigte, war viel unumschränkter als je der ^[richtig: jeder] legitime Herrscher, da er durch keine geschichtliche Überlieferung, durch keine altüberlieferten Rechte gebunden war und seine Herrschaft nach eignem Gutdünken organisieren konnte. Aber für die Verstärkung der Staats- und Herrschergewalt wurde das französische Volk überreichlich entschädigt durch die Vernichtung der Vorrechte von Adel und Geistlichkeit, durch die freie Laufbahn, die jetzt allen Talenten eröffnet wurde. Der Kaiserkrönung folgte auf dem Fuß die Verwandlung der Cisalpinischen Republik in ein Königreich Italien unter der Herrschaft Napoleons, der zum Vizekönig seinen Stiefsohn Eugen Beauharnais ernannte. Genua wurde mit F. vereinigt, Lucca zu einem kaiserlichen Lehen erklärt. Hannover war schon 1803 von französischen Truppen besetzt worden.

So viele Übergriffe Frankreichs mitten im Frieden riefen eine dritte Koalition wider dasselbe hervor, zu der England, Rußland, Österreich und Schweden gehörten. Zwar vernichtete Nelson 21. Okt. 1805 die französische Flotte bei Trafalgar; aber zu Lande zwang Napoleon die österreichische Armee unter Mack in Ulm (Mitte Oktober) zur Ergebung und schlug die Russen und Österreicher bei Austerlitz (2. Dez.) so entscheidend, daß diese letztern im Frieden zu Preßburg (26. Dez. 1805) Venetien und Dalmatien an das Königreich Italien, Tirol an Bayern und Vorderösterreich an Württemberg abtreten sowie das Königtum von Bayern und Württemberg und die vollkommene Unabhängigkeit Süddeutschlands anerkennen mußten. Nach dieser Demütigung Österreichs wurde im Februar 1806 Neapel zu gunsten Josephs, des ältern Bruders Napoleons, okkupiert und ebenso die Batavische Republik in ein Königreich Holland für des Kaisers Bruder Ludwig verwandelt. Außer den drei abhängigen Königreichen (Italien, Neapel, Holland) schuf Napoleon eine große Anzahl herzoglicher und fürstlicher Vasallitäten, die er an seine Heerführer und Staatsmänner verlieh. Daneben wurde dann in F. und Italien ein neuer, auf Verdienst und Vermögen beruhender Adel gegründet, welcher der neuen Dynastie eine größere Festigkeit sichern und die ganze französische Gesellschaft in kaiserlichem Interesse umgestalten sollte; von den konfiszierten fremden Staats- und Krongütern wurden für 200 Mill. Fr. an diesen neuen Adel verteilt (1807). Die einzige noch einigermaßen selbständige Körperschaft, das Tribunat, wurde unterdrückt, der Richterstand zum Zweck vollkommener Unterwürfigkeit wiederholt gereinigt, alle geistige Bewegung durch Zensur und Polizei streng überwacht.

Diese Tyrannei wurde nur erträglich gemacht einmal durch die treffliche rationelle Neuregelung aller Gebiete des Rechtslebens und dann durch die fortgesetzten glänzenden Erfolge nach außen. Napoleon strebte ganz offen nach Wiederherstellung des abendländischen Kaisertums für F., indem er zugleich die Ausgaben der beständigen Kriege durch die ungeheuern Kontributionen der besiegten Länder bestritt. Am 12. Juli 1806 wurde mit allen süddeutschen Staaten der Rheinbund gestiftet, welcher die völlige und endgültige Auflösung des Deutschen Reichs zur Folge hatte. Diese unerhörte Einmischung in die deutschen Angelegenheiten von seiten Frankreichs sowie mehrere direkte Beleidigungen veranlaßten Preußen, im Verein mit Rußland und England die vierte Koalition zu stiften. Allein die Niederlage bei Jena und Auerstädt (14. Okt. 1806) führte den Zusammensturz der ganzen preußischen Monarchie herbei. Zwar schlugen sich die Preußen und Russen tapfer bei Eylau (8. Febr. 1807); aber die gewaltige Niederlage bei Friedland (14. Juni) zwang sie zu dem Frieden von Tilsit, in welchem Preußen alle seine Länder westlich von der Elbe sowie seine polnischen Besitzungen verlor. Die erstern wurden mit Hessen-Kassel in ein Königreich Westfalen für Napoleons Bruder Jérôme umgeschaffen, die letztern als Großherzogtum Warschau an das zum Königreich erhobene Sach-^[folgende Seite]