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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Frankreich

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Frankreich (Geschichte: die Hundert Tage, Ludwig XVIII.).

und die meisten seiner geraubten Kunstschätze behalten durfte. Dann gab der König 4. Juni die neue Verfassung, die sogen. Charte, um die freiheitlichen Errungenschaften der Revolution zu gewährleisten und die Nation mit der Restauration der Bourbonen zu versöhnen. Sie garantierte die persönliche und Gewissensfreiheit, setzte eine Pairs- und eine Deputiertenkammer zur Bewilligung der Steuern und Bestätigung der Gesetze ein und machte jenen Kammern die Minister verantwortlich; aber die Pairs wurden von dem König ernannt, die Wählbarkeit zur Zweiten Kammer an das Alter von 40 Jahren und eine direkte Steuer von 1000 Fr. und das aktive Wahlrecht gleichfalls an einen Zensus von 300 Fr. gebunden.

Im Widerspruch mit der Charte wurden die Zensur und die Polizeiallmacht beibehalten, und die Diener des imperialistischen Regiments sahen sich zurückgesetzt, ja verfolgt. Darüber war große Unzufriedenheit unter den Imperialisten, Republikanern, ja selbst den fortgeschrittenern Liberalen, besonders auch in der Armee, und diese Stimmung benutzte Napoleon, um 26. Febr. 1815 Elba zu verlassen und 1. März im Golf Juan zu landen. Weniger die Bevölkerungen des Südens als die Soldaten zeigten sich dem Kaiser günstig, viele Obersten und der Marschall Ney schlossen sich ihm an, und unaufhaltsam rückte er auf Paris los, wo er, nachdem Ludwig XVIII. und der Hof nach Gent entflohen, 20. März unter dem Jubel der Bevölkerung einzog. Da Napoleon seine Friedensanerbietungen von den in Wien versammelten verbündeten Souveränen zurückgewiesen sah, appellierte er durch die "Additionalakte" vom 22. April an das Volk, indem er darin eine äußerst liberale Verfassung gewährte. Auf dem Schaufest des Maifeldes 1. Juni wurde die neue Reichsverfassung feierlich beschworen. Nachdem er noch die nötigen Rüstungen getroffen hatte, brach der Kaiser Mitte Juni mit ca. 130,000 Mann nach Belgien auf, um dort Blücher und Wellington zu bekämpfen, die zusammen über 210,000 Mann geboten. Trotzdem schlug Napoleon die Preußen bei Ligny (16. Juni), verlor aber durch das aufopfernde Zusammenwirken der letztern mit Wellingtons Engländern 18. Juni die entscheidende Schlacht bei Waterloo, in welcher die französische Armee völlig vernichtet wurde. Damit erreichte die "Herrschaft der Hundert Tage" ihr Ende. Ohne vielen Widerstand zu finden, drangen die Verbündeten gegen Paris vor; vergebens versuchte Napoleon seine Dynastie zu retten, indem er 21. Juni zu gunsten seines Sohns abdankte. Als er sich preisgegeben sah, begab er sich nach Rochefort, wo er in die Gewalt der Engländer geriet. Unter Vermittelung Fouchés trat die provisorische Regierung, die sich in Paris gebildet hatte, mit den von Wellington begünstigten Bourbonen in Verhandlung. Am 7. Juli rückten die Preußen abermals in Paris ein, am nächsten Tag kehrte Ludwig XVIII. dorthin zurück und löste sofort die bisherige Deputiertenkammer auf. Auch die verbündeten Monarchen und ihre Minister erschienen in Paris, wo nun 20. Nov. 1815 der zweite Pariser Friede unterzeichnet wurde. F. brauchte nicht Elsaß und Lothringen an Deutschland zurückzugeben, wie Preußen verlangte, sondern verlor wiederum durch die Gunst Rußlands und Englands nur wenige Plätze im Hennegau und das Saargebiet, Landau sowie den Rest Savoyens; es mußte ferner 700 Mill. Fr. Kriegskostenentschädigung bezahlen, die erbeuteten Kunstschätze herausgeben und eine alliierte Besatzungsarmee von 150,000 Mann fünf Jahre lang unterhalten.

Die zweite Restauration 1815-30.

Ludwig XVIII. war im Grund ein wohlmeinender und einsichtiger Fürst, nicht ohne Geist, aber unthätig und zu schwach, um den reaktionären Einflüssen seiner Umgebung (des "Pavillon Marsan") zu widerstehen, unter welcher sich ganz besonders sein Bruder, der Graf Karl von Artois, und seine Nichte, die Herzogin von Angoulême, ebensosehr durch die Heftigkeit ihrer despotischen Gesinnung wie durch engherzige Beschränktheit hervorthaten. Eine Anzahl Offiziere, die zu Napoleon abgefallen waren (unter ihnen Ney), wurde zum Tode, die Königsmörder (Régicides), d. h. die Mitglieder des Konvents, die für die Hinrichtung Ludwigs XVI. gestimmt, und alle Beamten, die sich in den Hundert Tagen Napoleon angeschlossen hatten, zur Verbannung verurteilt. Die Armee, welche so lebhafte Zeichen ihrer Anhänglichkeit an Napoleon gegeben hatte, wurde gänzlich aufgelöst. Fouché und Talleyrand, welche hauptsächlich zur zweiten Rückberufung der Bourbonen mitgewirkt hatten und in das Ministerium getreten waren, wurden noch im Herbst 1815 entfernt; die Kammerwahlen ergaben eine starke royalistische Mehrheit; der Herzog von Richelieu, ein aufgeklärter und ziemlich freisinniger Edelmann, übernahm die Bildung eines neuen Ministeriums. Aber er war nicht mehr Herr der Lage, überall triumphierte die royalistische Reaktion. Im Süden herrschte der "weiße Schrecken", die blutige Verfolgung der Bonapartisten und der Protestanten durch den Pöbel unter geheimer Konnivenz der Behörden. Die Kammer, weit royalistischer als der König, beschränkte die feierlich verheißene Amnestie bedeutend, vergrößerte das Einkommen des Klerus beträchtlich, stellte zu dessen gunsten die Besitztümer der Toten Hand wieder her, schaffte die kirchlich verbotene Ehescheidung auch staatlich wieder ab etc. Im Herbst 1816 sah der König sich durch die allzu reaktionäre Haltung der Kammer genötigt, sie aufzulösen und Neuwahlen anzuordnen, die etwas gemäßigter ausfielen. Doch wurde auch jetzt die Preßfreiheit suspendiert, der Klerus fortwährend begünstigt. Überhaupt zeigte die Kammer eine solche Abhängigkeit von dem Ministerium, daß man sie als die "unfindbare Kammer" (chambre introuvable) bezeichnete. Erst die Nachwahlen im Herbst 1817 und 1818 führten einige Freisinnige, die sich damals "Independenten" nannten, in die Kammer, wie Lafayette, Benjamin Constant, Casimir Périer, Manuel.

Schon im Oktober 1818 gelang es Richelieu, durch geschickte und beharrliche Verhandlungen zuerst die Verminderung, dann die gänzliche Abberufung der Okkupationsarmee durchzusetzen. Nun wurde das 1815 aufgelöste französische Heer allmählich, soweit die Geldmittel es erlaubten, durch den Marschall Saint-Cyr neu organisiert. Unter dem reaktionären Gebaren der Erzroyalisten, denen das Ministerium Richelieu nur mit Mühe widerstand, wurde aber die öffentliche Meinung immer erregter. Der König entließ deshalb Richelieu und berief Ende 1818 ein neues Ministerium, Dessolle-Decazes, welches anfangs eine gemäßigt-liberale Richtung einschlug, 61 neue Pairs, meist Bonapartisten, in die Erste Kammer berief, die Presse von den schlimmsten Bedrückungen befreite und statt der Zensur eine Kaution einführte. Als aber die Ergänzungswahlen 1819 wiederum meist liberal ausfielen und die auswärtigen Mächte vor dem demagogischen Geist warnten, beschloß Decazes, der nach Dessolles Rücktritt das Ministerium leitete, durch ein reaktionäres Wahlgesetz sich eine unterwürfige Kammer zu verschaffen und eine dauerhaft