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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Frankreich

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Frankreich (Geschichte: Februarrevolution, zweite Republik).

als 1000 Teilnehmern besucht; darauf folgten bis 25. Dez. 1847 noch 70 Reformbankette. So sehr auch bei denselben die dynastische Opposition überwogen hatte, sowenig Männer, wie Thiers, Odilon Barrot, Lamartine, dem Julikönigtum als solchem feindlich waren, brandmarkte doch die Thronrede vom 28. Dez. 1847 den Feldzug der Reformbankette als den Ausfluß "feindseliger oder verblendeter Leidenschaften" und stellte nur ganz geringfügige Reformen in Aussicht. Als darauf das Wahlkomitee des 12. Arrondissements von Paris öffentlich ein Reformbankett anzeigte und das Ministerium dasselbe auf Grund eines Gesetzes von 1790 untersagte, trat ein Komitee aus Redakteuren und Deputierten zusammen, welches dennoch Einladungen zu einem Bankett auf den 22. Febr. 1848 ergehen ließ. Um dieses zu verhindern und die Ruhe aufrecht zu erhalten, zog die Regierung an 80,000 Mann Truppen in und um Paris zusammen. Die thatsächliche Verhinderung des Banketts vom 22. Febr. rief die ersten Unruhen hervor, die aber von der bewaffneten Macht noch unterdrückt wurden. Da aber am Morgen des 23. Febr. die Nationalgarde mit dem Volk gemeinsame Sache machte, so trat das mit einer Anklage bedrohte Ministerium Guizot ab, und Molé wurde mit der Bildung eines neuen Kabinetts beauftragt. Indem es hieß, die Wahlreform sollte gewährt worden sein, schien sich die Aufregung zu legen, als des Abends spät aus Mißverständnis oder Absicht auf einen Haufen Unbewaffneter, der auf das Ministerium des Äußern zudrängte, das dort stehende Militär eine Salve gab. Infolge davon entbrannte der Kampf zwischen Volk und Militär von neuem. Die Berufung Thiers' und Odilon Barrots zu Ministern kam zu spät. Schnell verbreitete sich der Aufstand (Februarrevolution) über die ganze Stadt, und überall erhoben sich Barrikaden. Da die Soldaten teils müde und entmutigt und ohne bestimmte Befehle waren, teils mit dem Volk gemeinsame Sache machten, so wurde die Siegeszuversicht des Volkes gesteigert, während der König alle Haltung und Geistesgegenwart verlor. Als die Volksmassen sich gegen die Tuilerien in Bewegung zu setzen anfingen (24. Febr.), dankte der König zu gunsten seines Enkels, des minderjährigen Grafen von Paris, und seiner Schwiegertochter, der Herzogin von Orléans, als Regentin ab und entfloh kurze Zeit darauf nach England. Die Deputiertenkammer wollte zuerst die Regentschaft der Herzogin von Orléans, die selbst in der Deputiertenkammer erschien, bestätigen. Aber das Volk drang in die Kammer ein, und unter dem Druck desselben setzten die republikanischen Abgeordneten die Ernennung einer provisorischen Regierung durch, die teils aus gemäßigten Republikanern: Lamartine, Dupont (de l'Eure), Arago, Crémieux, Garnier-Pagès, Marie, teils aus Sozialisten, wie Louis Blanc, Albert und Ledru-Rollin, bestand. So stürzte die Monarchie, ohne daß es die Masse der Nation wollte, durch die Energie der sozialistischen und republikanischen Klubs.

Die neue Regierung schlug ihren Sitz im Stadthaus auf und proklamierte sofort die Republik, wies aber den von mehreren ihrer Mitglieder begünstigten Sozialismus und dessen Abzeichen, die rote Fahne, energisch zurück; besonders war es Lamartine, der durch Entschlossenheit und glänzende Beredsamkeit die Gesellschaft vor dem siegreichen Pöbel rettete. Doch sah man sich zur Errichtung von "Nationalwerkstätten" zur Beschäftigung und Ernährung der feiernden Arbeiter genötigt. Im geheimen stachelten Ledru-Rollin, welcher das Ministerium des Innern übernommen hatte, und Louis Blanc das Volk auf, um die Einberufung der konstituierenden Nationalversammlung, die sie als konservativ fürchteten, zu hintertreiben; am 16. April 1848 wurde eine große ochlokratisch-soziale Demonstration versucht, aber die 200,000 Mann Nationalgarde von Paris und Umgegend umzingelten die aufrührerische Menge und hielten die Ordnung aufrecht. Am 4. Mai wurde, zum erstenmal durch allgemeines Stimmrecht gewählt, die Nationalversammlung eröffnet. Die provisorische Regierung legte ihr Amt nieder und wurde durch eine Exekutivkommission ersetzt, die aus Lamartine, Arago, Ledru-Rollin, Marie und Garnier-Pagès bestand. Am 15. Mai versuchte ein tobender Haufe Arbeiter unter Führung Blanquis, Raspails, Barbes' u. a. die Nationalversammlung zu sprengen, wurde aber von der Nationalgarde zurückgeworfen, welche die Führer verhaftete. Diese Szenen stimmten die öffentliche Meinung in den Provinzen und die Nationalversammlung selbst immer konservativer; am 21. Juni verfügte die letztere die Auflösung der Nationalwerkstätten und die Entfernung der in ihnen beschäftigten Arbeiter in die Provinzen. Die Antwort der Arbeiter war ein allgemeiner Aufstand derselben, der, 22. und 23. Juni vorbereitet, 24. Juni zum vollen Ausbruch kam (Junischlacht). Aber General Cavaignac, der Kriegsminister, hatte aus Linientruppen und zuverlässigen Nationalgarden eine Streitmacht von 100,000 Mann organisiert, mit welcher er bis zum Nachmittag des 26. die Rebellen unter furchtbarem Blutvergießen (über 10,000 Menschen fanden den Tod) überwältigte; die Gefangenen wurden deportiert. Die Nationalversammlung hatte Paris in Belagerungszustand erklärt und beseitigte die Exekutivkommission, indem sie Cavaignac als Ministerpräsidenten die alleinige Leitung der Exekutive übertrug; er setzte sein Ministerium aus gemäßigten, selbst zum Teil reaktionären Männern zusammen.

Unter dem Schutz strenger Maßregeln gegen die Klubs und die Presse setzte die Nationalversammlung ihre Beratungen über die neue republikanische Verfassung auf Grund der Volkssouveränität fort. Unter dem Schrecken der letzten Ereignisse überwogen dabei konservative Tendenzen. Das Recht auf Arbeit und der Vorschlag einer progressiven Besteuerungsweise wurden abgelehnt, dagegen das Einkammersystem mit allgemeinem Stimmrecht und direkte Wahl angenommen. Verhängnisvoll war der auf Lamartines Betreiben gefaßte Beschluß, daß der Präsident der Republik, dessen Amtsdauer auf vier Jahre festgesetzt wurde, nicht von der Nationalversammlung, sondern direkt vom Volk in allgemeiner Abstimmung gewählt werden sollte. So kam es, daß, nachdem 12. Nov. die neue Verfassung verkündet worden, bei der Präsidentenwahl 10. Dez. nicht der Kandidat der Nationalversammlung, Cavaignac, der sich als loyaler Republikaner bewährt hatte, sondern der Prinz Ludwig Napoleon, der seit 26. Sept. Mitglied der Nationalversammlung war, mit 5,434,226 von 7,327,345 Stimmen zum Präsidenten gewählt wurde. Cavaignac erhielt nicht ganz 1,450,000 Stimmen, da sich Monarchisten und Sozialisten, Bonapartisten und Klerikale gegen ihn vereinigt hatten. Am 20. Dez. trat Ludwig Napoleon sein Amt an, in dem er der Verfassung Treue schwur und in betreff seiner Anhänglichkeit an die Republik die heiligsten Versicherungen gab. Er bildete zunächst ein ziemlich freisinniges Ministerium, an dessen Spitze Odilon Barrot stand.

Die reaktionäre Strömung, die seit den Junitagen das Land und die Nationalversammlung beherrschte,