Schnellsuche:
Info: Zur Zeit wird der Volltextindex aktualisiert. Sie erhalten daher bei Suchen nicht die volle Anzahl an Treffern. Die Aktualisierung dauert typischerweise wenige Minuten.

Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Frankreich

570

Frankreich (Geschichte: die dritte Republik).

Die Truppen mußten Paris räumen, wo die Kommune proklamiert wurde. Unter den schwierigsten Verhältnissen unternahm die Regierung von Versailles aus die Wiedererwerbung von Paris, das erst in der letzten Woche des Mai 1871 unter schrecklichen Greueln und den Flammen der von den Kommunisten angezündeten Staatsgebäude von der Armee wieder genommen werden konnte. Hierdurch wuchs das Vertrauen zu Thiers' Geschicklichkeit und Thatkraft. Ende Juni konnte er bereits eine Anleihe von 2½ Milliarden machen, durch deren Bezahlung an Deutschland er einen großen Teil des Territoriums von der fremden Okkupation befreite. Am 31. Aug. wurde der Vorschlag Rivets angenommen, welcher Thiers das Präsidium der Republik auf drei Jahre anvertraute, wenn auch das Recht der Versammlung, dem Land eine neue (monarchische) Verfassung zu geben, ausdrücklich vorbehalten wurde. Die Erstarkung der republikanischen Partei zeigte sich bei den Nachwahlen, die fast durchweg zu ihren gunsten ausfielen. Die Monarchisten wurden dadurch nicht wenig beunruhigt. Aber sie konnten das Ansehen Thiers' im Ausland und in F. selbst nicht entbehren, solange nicht durch Zahlung der Kriegskosten die Räumung des Landes durch den Feind erreicht und mit der Herstellung der Armee die äußere Sicherheit und die innere Ruhe verbürgt war. Sie mußten sich daher begnügen, in Nebenfragen dem Präsidenten Opposition zu machen und Schwierigkeiten zu bereiten, damit er seiner Abhängigkeit von der Mehrheit der Versammlung stets eingedenk bleibe. Indes setzte in allen wichtigern Fällen, wie der römischen Interpellation, der Frage der Entschädigung für die im Krieg verwüsteten Provinzen, dem Generalratsgesetz, der Auflösung der Nationalgarde, Thiers stets seinen Willen durch die Drohung mit seinem Rücktritt durch und erlangte jedesmal ein Vertrauensvotum.

Die Mittel für die Zahlung der Kriegskontribution wurden schon im Juli 1872 durch eine neue Anleihe von 3 Milliarden beschafft, welche zum Stolz der Franzosen 14mal überzeichnet wurde. Hierdurch ward es möglich, das Ende der Okkupation, welche sich seit dem Frühjahr 1872 nur auf sechs östliche Departements erstreckt hatte, schon im September 1873 herbeizuführen. Allerdings war die Staatsschuld auf 23 Milliarden gestiegen und das Budget mit einem Mehrausgabenbetrag von 600 Mill. belastet. Die hierfür erforderlichen Einnahmen wurden durch Erhöhung der Zölle auf fast alle Verbrauchs- und Genußmittel, eine Anzahl neuer Steuern und eine hohe Steuer auf Rohstoffe beschafft. Die Reorganisation der Armee wurde in großartigstem Maßstab durchgeführt; allerdings wurde das Prinzip der allgemeinen Wehrpflicht nicht streng angewendet und auch die Errichtung provinzieller Armeekorps abgelehnt, da Thiers gegen beides sich aussprach und auf einer Dienstzeit von wenigstens fünf Jahren für die Mehrzahl der Eingezogenen bestand. Die aktive Armee (die Beurlaubten eingerechnet) wurde aber durch das Organisationsgesetz vom 24. Juli 1873 auf 705,000 Mann, die Reserve auf 510,000, die Territorialarmee (Landwehr) auf 532,000, deren Reserve (Landsturm) auf 626,000 Mann festgesetzt; die bewaffnete Macht Frankreichs in einem Krieg belief sich also auf die ungeheure Zahl von 2,423,000 Mann! Die Bewaffnung und Ausrüstung wurde durchweg in bestem Material erneuert. Ferner wurde die Ost- und Nordgrenze durch zahlreiche größere und kleinere Festungen gesichert und Paris mit einem neuen weitern Ring von Forts umgeben.

Die beiden großen Triebfedern eines starken Staatswesens, Finanzen und Heer, waren so von der Regierung wiederhergestellt. Handel und Wandel machten die erfreulichsten Fortschritte. Die Elastizität der französischen Nationalproduktion ertrug die ungeheure Belastung mit indirekten Abgaben (50 Fr. auf den Kopf), ohne erdrückt zu werden; die Einnahmen stiegen von Jahr zu Jahr. Die öffentliche Ruhe wurde nirgends gestört. Unter diesen Umständen verbreitete sich die Überzeugung immer mehr, daß die Republik nicht bloß möglich, sondern sogar die einzig mögliche Regierungsform in F. sei. Dies war auch die Ansicht Thiers', der einmal mit Recht bemerkte, die Monarchie könne schon deshalb nicht hergestellt werden, weil es wohl drei Prätendenten, aber nur einen Thron gäbe. Indes die Mehrheit der Nationalversammlung opponierte heftig, so oft Thiers die definitive Proklamierung der Republik beantragte, wie namentlich in seiner Botschaft vom 13. Nov. 1873. Unterstützt von den Ultramontanen, setzten die Monarchisten eine allgemeine Agitation im Land ins Werk und brachten in der Dreißigerkommission, welche für die Beratung der neuen Verfassung gebildet wurde, mehrere Beschlüsse durch, welche die Befugnisse des Präsidenten, namentlich die, in der Versammlung zu sprechen, wesentlich beschränkten und in Bezug auf die Verfassung nur bestimmten, daß die Versammlung sich nicht trennen werde, ohne die Art der Übertragung ihrer Gewalten auf ihre Nachfolger geordnet zu haben. Diese Beschlüsse wurden 13. März 1873 im Plenum angenommen. Als die Monarchisten aber weiter verlangten, daß Thiers ein konservatives Ministerium ihrer Partei berufe und sich damit ihnen unterwerfe, führte er selbst durch die Vorlage eines Gesetzes, welches die Konstituierung der Republik betraf den Bruch herbei. Da die Rechte den persönlichen Kredit des berühmten Staatsmanns entbehren zu können glaubte, nachdem die Abzahlung der Kriegsentschädigung und die Räumung des Gebiets geregelt sowie das Gleichgewicht im Budget hergestellt waren, so nahm sie den Fehdehandschuh auf und beantwortete jenen Gesetzentwurf 23. Mai mit einem Mißtrauensvotum, worauf nicht bloß das Ministerium, sondern auch Thiers ihre Entlassung einreichten. Noch am Abend wurde Thiers' Entlassung mit 368 gegen 339 Stimmen angenommen und Mac Mahon zum Präsidenten gewählt, der den Führer der Rechten, den Herzog von Broglie, an die Spitze eines reaktionären Ministeriums stellte.

Das Ziel der neuen Regierung war die Herstellung der Monarchie Heinrichs V., des Grafen von Chambord. Die Vorbedingung, die Fusion der Orléans mit dem legitimen Königshaus, wurde verwirklicht durch den Besuch des Grafen von Paris in Frohsdorf (5. Aug.). Schon hatten 22. Okt. die Monarchisten, denen sich auch die Bonapartisten anschlossen, einen Gesetzentwurf vereinbart, der die konstitutionelle Erbmonarchie in der Person Heinrichs V. mit dem Nachfolgerecht der Orléans einführte, als plötzlich Chambord selbst durch seine Weigerung, die Trikolore anzunehmen und sich zu Bedingungen und Bürgschaften zu verpflichten, alle Restaurationsprojekte vorläufig zum Scheitern brachte (27. Okt.). Bei dieser Lage der Dinge vereinigte sich die Rechte mit dem linken Zentrum, den gemäßigten Republikanern, damit wenigstens die konservativen Interessen gerettet würden, dahin, Mac Mahon die Präsidentschaft auf sieben Jahre zu übertragen, aber die Republik durch Festsetzung einer Verfassung zu begründen. Das Septennat wurde 19. Okt. 1873 beschlossen und