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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Frankreich

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Frankreich (geschichtliche Litteratur).

nicht. Um das Budget für 1887 ins Gleichgewicht zu bringen und die außerordentlichen Kredite in den ordentlichen Etat aufnehmen zu können, mußte im März 1886 eine Anleihe von 900 Mill. gemacht werden.

Die Lage des neuen Ministeriums war besonders deshalb schwierig, weil die ehemalige Gambettistische oder opportunistische Partei nicht mehr über die Mehrheit in der Kammer verfügte und die Regierung daher auf die Unterstützung der Radikalen unter Clémenceau angewiesen war. Denn die monarchistische Rechte, durch die Vernichtung eines Teils ihrer Wahlen und die Berufung radikaler Deputierten in das Ministerium gereizt, nahm von Anfang an eine schroff oppositionelle Haltung an, so daß ein Zusammengehen mit den gemäßigten Republikanern gänzlich ausgeschlossen war und das Ministerium auf keine Zustimmung auch in sachlichen Fragen bei den Konservativen rechnen konnte. Die Hilfe der Radikalen mußte aber Freycinet mit immer neuen Zugeständnissen erkaufen, denen er sich trotz der gewandtesten und schmiegsamsten Politik nicht entziehen konnte. Von einer selbständigen und erfolgreichen Thätigkeit der Regierung konnte unter diesen Umständen nicht die Rede sein, und die Session der Kammern 1886 blieb daher im wesentlichen unfruchtbar. Die Budgetberatung wurde nicht zu Ende gebracht, für die Beseitigung des Fehlbetrags, der für 1887 auf 75 Mill. berechnet wurde, keine Vorsorge getroffen. Außer einigen unbedeutenden Gesetzen kam besonders eins zu stande, welches den Parteizwist nur verschärfte, nämlich das Gesetz über die Ausweisung der Prinzen. Bisher hatte die Regierung sich dieser von den Radikalen schon wiederholt geforderten Ausnahmemaßregel widersetzt, weil weder die allzu sparsamen Orléans noch die durch Familienzwist gespaltenen Napoleoniden der Republik gefährlich schienen und, wenn eine solche Gefahr seit den letzten Wahlen vorhanden war, dieselbe durch die Ausweisung nicht vermindert wurde. Ein geringfügiger Anlaß (ein Empfang, welchen der Graf von Paris bei Gelegenheit der Vermählung seiner Tochter mit dem Kronprinzen von Portugal abhielt) wurde nun von den Radikalen benutzt, um die Ausweisung dringender zu verlangen. Freycinet mußte sich fügen und ließ 27. Mai der Kammer einen Entwurf vorlegen, der die Regierung ermächtigte, den Mitgliedern der frühern französischen Herrscherfamilien den Aufenthalt in F. zu verbieten. Doch wurde der Entwurf in der Kammer dahin verändert, daß den Prätendenten und ihren nächstberechtigten Erben das französische Gebiet durch das Gesetz selbst untersagt, die Ermächtigung zum Verbot auf die übrigen Prinzen beschränkt und diese von allen öffentlichen Ämtern ausgeschlossen wurden. Auch der Senat gab 22. Juni mit 34 Stimmen Mehrheit seine Zustimmung, worauf der Graf von Paris nebst seinem Sohn, dem Herzog von Orléans, und die Prinzen Jérôme und Victor Napoléon ausgewiesen wurden. Der Graf von Paris erließ vor seiner Abreise ein in herausforderndem Ton abgefaßtes siegesbewußtes Manifest. Der Kriegsminister, General Boulanger, strich darauf alle Prinzen aus der Armeeliste, und als die Herzöge von Aumale und Chartres dagegen entschiedenen Einspruch erhoben, wurden sie ebenfalls ausgewiesen. Boulanger, der durch die Protektion Clémenceaus in das Ministerium gekommen war, trat bei jeder Gelegenheit als der eigentliche Herr in F. auf. Er begrüßte die Arbeiter, welche in Décazeville die Arbeit eingestellt und, von Sozialisten aufgehetzt, argen Unfug angerichtet hatten, als die Brüder der Soldaten, nötigte den Kammern ein Spionengesetz auf und zeigte sich bei jeder Gelegenheit ebenso radikal wie chauvinistisch. Die Folge war, daß die Beziehungen zu Deutschland wieder gespannter, die zu den andern Mächten darum aber nicht besser wurden. Daß mehrere angesehene Diplomaten wegen der radikalen Politik des Ministeriums den Abschied nahmen, trug auch zur Isolierung Frankreichs bei. Als die französische Regierung im Frühjahr 1886 für Griechenland (s. d., S. 718) eintrat, blieb sie ganz allein und mußte es geschehen lassen, daß die übrigen Großmächte ihren Willen durchsetzten und die griechische Regierung zur Abrüstung zwangen. Alle Annäherungsversuche an Rußland blieben erfolglos, und das Verhältnis zu England wurde sogar ein sehr kühles, da England in Ägypten sich immer mehr festsetzte, dagegen die Besetzung der Neuen Hebriden durch F. nicht dulden wollte. Die Ergebnisse des neuen Kabinetts waren daher nicht günstig zu nennen, doch beschloß Freycinet, der sich dessen wohl bewußt war, vor dem Zusammentritt der Kammern im Oktober 1886 keine entscheidenden Schritte zu thun.

Litteratur.

[I. Geschichtsquellen.] Die wichtigsten Sammlungen der Geschichtsquellen für die französische Geschichte sind des Pithöus "Annalium et historiae Francorum ab anno 708-990 scriptores coaetanei" (Par. 1588, Frankf. 1594); "Historiae Francorum ab anno 900-1285 scriptores veteres" (Par. 1596); Frehers "Corpus francicae historiae veteris et sincerae" (Hannov. 1613); Duchesnes "Historiae Normannorum scriptores antiqui" (Par. 1619) und "Historiae Francorum scriptores coaetanei" (das. 1636-49, 5 Bde.); ferner namentlich Bouquets "Rerum gallicarum et francicarum scriptores" (das. 1738-1865, Bd. 1-22), deren Inhalt zum größten Teil in Guizots "Collection des mémoires relatifs à l'histoire de France" (1823 ff., 31 Bde.) französisch übersetzt wurde; Buchons "Collection des chroniques nationales françaises, écrites en langue vulgaire du XIII. au XVI. siècle" (1824-29, 47 Bde.); Petitots "Collection complète des mémoires relatifs à l'histoire de France depuis Philippe-Auguste jusqu'au commencement du XVII. siècle" (1819-26, 52 Bde.), deren Fortsetzung Petitots und Montmerques "Collection des mémoires relatifs à l'histoire de France depuis l'avénement de Henri IV jusqu'à la paix de Paris" (1820-29, 79 Bde.) bildet; Michauds und Poujoulats "Collection des mémoires pour servir à l'histoire de France depuis le XIII. siècle" (1833-39, 32 Bde.); Lebers "Collection des meilleurs dissertations, mémoires, notices et piéces curieuses relatives à l'histoire de France" (1826 ff., 18 Bde.); die "Gallia christiana" (3. Aufl. 1715-87, 13 Bde.) der Benediktiner; das von de Laurière begonnene, später von Secousse, Villevault, Labreguigny und Pastoret fortgesetzte "Recueil de Louvre" (1723-28, 18 Bde.); das von Jourdan begonnene, von Isambert, Decrusy und Jaillardier fortgesetzte "Recueil général des lois depuis 418 jusqu'en 1789" (1820-1831) und endlich die großartige "Collection des documents inédits sur l'histoire de France".

[II. Allgemeine Geschichtswerke.] Unter den Bearbeitern der allgemeinen Geschichte Frankreichs sind seit Bernard Girard, Seigneur du Haillan ("Histoire générale des rois de France", 1576, 2 Bde.), hervorzuheben: Anquetil, Histoire de France, bis zum Tod Ludwigs XVI. (1805, 14 Bde.; zuletzt 1876-79, 11 Bde.); Simonde de Sismondi,