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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Französische Litteratur

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Französische Litteratur (Zeitalter des zweiten Kaiserreichs).

zu einer Reihe der beliebtesten Opern sind wegen ihrer eleganten, witzigen Sprache, ihrer leichten, gefälligen Form Meisterwerke ihrer Art. -

Das größte Interesse absorbierte der Roman. Die romantische Schule hatte den Boden für realistische Schilderungen und psychologische Analysen schon vorbereitet, und die nach Aufregungen und Zerstreuungen dürstende Gesellschaft that das Ihrige, um die Dichter zu immer neuen, immer pikantern Produktionen zu ermuntern. Alle Romangattungen wurden mit gleichem Eifer und Erfolg angebaut. Der historische Roman brachte als Fortsetzung das Meisterwerk romantischer Archäologie, V. Hugos "Notre Dame", und die halb phantastischen Machwerke A. Dumas'; den psychologischen und Sittenroman schuf H. de Balzac (gest. 1850), das glänzendste und vielseitigste Talent dieser Zeit, neben ihm Louis Reybaud ("Jérôme Paturôt", 1843), L. Gozlan, Ponson du Terrail, Mérimée, J. ^[Jules] Janin, der paradoxe, skeptische Beyle (Stendhal) und der triviale, aber lustige P. de Kock (gest. 1871). E. Sue debütierte mit dem See- und Abenteuerroman, G. Sand mit dem Tendenzroman, und als der Saint-Simonismus die Köpfe zu erhitzen begann und die Gärung in den untern Klassen größere Dimensionen annahm, entstand der soziale Roman, dessen Hauptvertreter E. Sue (gest. 1857), G. Sand (gest. 1876), A. Dumas, Soulié u. a. sind. Nur wenige, wie G. Sand und A. de Musset, schufen etwas Bleibendes; die sich überstürzende Hast der Produktion, die Spekulation auf den Sinnenreiz einer unersättlichen Menge, die Feuilletonmanier, die cynische Verachtung der Moral ließen ein Kunstwerk nicht zu stande kommen. Mehr Anspruch auf Beachtung haben diejenigen Romanschreiber, welche sich in der Schule Ch. Nodiers (gest. 1844), dessen kleine Novellen Muster eleganter und liebenswürdiger Erzählungskunst sind, bildeten, welche nicht grundsätzlich die Moral und die Einrichtungen der bürgerlichen Gesellschaft, besonders die Ehe, angriffen, und deren Helden und Heldinnen frei sind von der Krankheit des Jahrhunderts. Dahingehören Ch. Bernard (gest. 1850), J. Sandeau, E. Souvestre (gest. 1854), die Dorfgeschichten von G. Sand u. a. Auf die Litteraturgeschichte übte die hohe Blüte der historischen Forschungen den günstigsten Einfluß aus; es wurden wertvolle und bleibende Arbeiten zu Tage gefördert. Neben der Fortsetzung des großen nationalen Werkes der Benediktiner, der "Histoire littéraire de la France", nimmt den ersten Platz ein Sainte-Beuves vortreffliche Geschichte des "Port-Royal" und seine feinen kritischen Aufsätze, die "Causeries du lundi"; dann die Werke von Saint-Marc Girardin (gest. 1873), de Sacy, Philarète Chasles (gest. 1873) u. a. In systematischer Weise wurde die Litteraturgeschichte bearbeitet von Ampère und Nisard; für die ältere Litteratur sind wichtig die Untersuchungen von Raynouard, Fauriel, Ampère und Ozanam.

II. Das zweite Kaiserreich und die Republik. Die Februarrevolution war keine litterarische Umwälzung, aber der Straßenlärm und die Politik verscheuchten die Poeten; nur eine originelle Gestalt ragt aus dem Tumult hervor, der Chansonnier P. Dupont (gest. 1871). Die rapide Verbreitung sozialistischer Ideen setzte alle, die etwas zu verlieren hatten, in Schrecken und bewog sie, für das zweite Kaiserreich zu stimmen. Mit diesem kamen die Konkordate, die den freien Gedanken in Fesseln schlugen, und eine strenge Zensur. Widerstrebende Elemente mußten das Vaterland meiden; fast schien es, als wollte die Ära des ersten Napoleon zurückkehren. Nur wenige Schriftsteller schlossen sich der neuen Regierung an, an ihrer Spitze Sainte-Beuve und Mérimée; die meisten warfen sich der Politik in die Arme, beschäftigten sich mit Tagesfragen oder erstrebten einen Sitz in der Kammer. Die Sittenverderbnis nahm einen erschreckenden Umfang an; die Achtung vor dem Kaiser sank, die giftigsten Pamphlete fanden große Verbreitung; Kirche und Altar wurden verhöhnt, das Familienleben lockerte sich; die Ehrfurcht vor den Gesetzen schwand, man spottete über Patriotismus und spielte mit Prinzipien; die Ideale schwanden vor der rastlosen Gier nach Genuß, und alles war käuflich, Lob, Macht und Tugend. Die Litteratur war ein getreues Spiegelbild dieser Zustände; nur die Lyrik hielt sich ziemlich selbständig. Hier fehlte das führende Genie; V. Hugo lebte in der Verbannung, Lamartine schrieb Romane, A. de Musset war körperlich und geistig gebrochen. Der Einfluß der romantischen Schule war wie mit einem Mal dahin; man hatte sich von der Unwahrheit ihrer Schilderung des Menschen und der Leidenschaften und von dem Gegensatz überzeugt, in welchem ihre Anschauungen vom Mittelalter zu den Ergebnissen der exakten geschichtlichen Forschungen standen. Darum suchten auch die Romantiker, welche 1848 überdauert hatten, allmählich neue Wege einzuschlagen. An der Spitze derselben standen Th. Gautier (gest. 1872) und Th. de Banville, die Wort- und Verskünstler, die Meister der plastischen Poesie. Ihnen schloß sich eine ganze Reihe jüngerer Männer an, welche die Form dem Inhalt, die Farbe dem Gefühl vorzogen, besonders P. de Belloy und Grammont, der geistreiche A. Houssaye, der Metromane A. Pommier, Blaze de Bury, Vacquerie, A. Sylvestre, Bouilhet, Murger. Aber die gefeilte Form, Reichtum und Reinheit der Sprache, sorgfältig durchgebildete Harmonie können nicht entschädigen für den Mangel an erhabenen Gedanken, an Moralität und echtem Gefühl, noch weniger den Widerwillen besiegen, den Baudelaires und Glatignys Schilderungen des Lasters und Schmutzes einflößen. Die Teilnahme der bessern Republikaner hatte diese Poesie auch bald eingebüßt, nicht zum wenigsten durch die Schuld Victor Hugos, der aus seiner Verbannung immer wildere Phantasien ("La légende des siècles", 1859; "Chansons des rues et des bois", 1865) herübersandte und immer unverständlicher wurde. Fast gar nicht zu spüren ist der Einfluß A. de Mussets, den die jungen Dichter zu inkorrekt, zu dürftig und menschlich fanden, um so mehr aber der Lamartines, den schon V. de Laprade mit Glück nachgeahmt hatte, und unter dessen Auspizien man sich nun wieder dem Hellenentum zuwandte. Man sprach wieder von griechischen Göttern und griechischer Kunst, und mythologische Anspielungen waren nicht, wie ehedem, verpönt; selbst Banville hatte hierin die romantischen Traditionen durchbrochen. Da es den Epigonen aber an Gedanken mangelte, warf man sich auf die Beschreibung; trefflich ausgeführte Schilderungen idyllischer Landschaftsbilder und der majestätischen Pracht fremder Zonen mußten Handlung und Leben ersetzen. Der Meister dieser Schule war Leconte de Lisle, die stärkste dichterische Individualität dieser Epoche; ihm folgten eine Anzahl jüngerer Talente, die sich in dem "Parnasse contemporain" eine Art Mittelpunkt schufen, und unter denen sich durch Begabung und selbständigere Haltung A. Lecaussade, A. Lemoyne, A. Theuriet, Fr. Coppée, A. Millieu, J. ^[Jean] Aicard u. a. hervorthaten, während auch hier