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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Fremdwörter

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Fremdwörter.

über. Es kann vorkommen, daß der Prozentsatz der F. demjenigen der einheimischen sehr nahe kommt oder ihn sogar übersteigt, wie dies z. B. mit den romanischen Wörtern im Englischen der Fall ist; eine solche Sprache heißt eine Mischsprache (s. d.). Die Form, in der die F. herübergenommen werden, ist oft in frühern Sprachperioden eine ganz andre als in spätern; so ist schon früh das lateinische Wort advocatus in der Form Vogt ins Deutsche übergegangen und in unsrer Zeit noch einmal in der Form Advokat aufgenommen worden, nachdem längst der Ursprung und die Grundbedeutung von Vogt vergessen waren. In besonders großer Anzahl finden sich solche "Dubletten" im Französischen und andern romanischen Sprachen. So ist dette das lateinische debitum, combler das lateinische cumulare; in neuerer Zeit wurden aber diese Wörter noch einmal in einer den lateinischen Wörtern näherstehenden Form: débit und cumuler, dem Latein entnommen. Die Franzosen nennen alle solche neuern Wörter "mots savants", weil sie den Gelehrten und Gebildeten ihren Ursprung verdanken, im Gegensatz zu den volkstümlichen Wörtern, die bei der Entstehung des Französischen aus dem Latein entnommen und mit dem besonders dem Volk eignen lebhaften Sprachgefühl umgemodelt, den französischen Laut- und Accentgesetzen angepaßt wurden. Solche "gelehrte Wörter" finden sich in allen neuern Sprachen, und es ist eine zwar von eifrigen Patrioten oft beklagte, aber ganz natürliche Erscheinung, daß gerade F. dieser Art im Deutschen immer häufiger werden. Je weiter sich in der neuern Zeit die Kenntnis der Schrift, des Buchdrucks und fremder Sprachen verbreitet hat, je mehr man sich daran gewöhnt hat, alle Wörter und besonders die F. nicht bloß mit dem Auge, sondern auch mit dem Ohr zu betrachten, desto mehr ist man bestrebt, gerade dem Fremdwort genau die Aussprache und Form zu belassen, die es in seiner eignen Sprache hat. Früher war dies gerade umgekehrt; zu einer Zeit, als man noch wenig schrieb und las und die F. nicht durch die Litteratur, sondern durch den mündlichen Verkehr eingeführt wurden, mußten sich die F. viel größere Veränderungen gefallen lassen. Noch in der neuesten Zeit haben die Einwohner von Hawai, als sie das englische Wort steel (Stahl) aufnahmen, daraus kila gemacht. Ähnlich ist es den schon früher ins Deutsche aufgenommenen Fremdwörtern ergangen, wie z. B. Pilger, lat. peregrinus ("der Fremde"); Pferd, mittellat. paraveredus; Samstag aus Sabbattag (hebr. schabbât, judend. Schabbes). Man nennt bisweilen die letztern, ganz umgedeutschten Wörter Lehnwörter, diejenigen, welche ihren fremdländischen Charakter noch entschieden beibehalten haben, F. im engern Sinn. Erstere haben vor letztern den Vorzug, daß sie gar nicht mehr als etwas Fremdes gefühlt werden und daher beliebige neue Ableitungen erzeugen können, wie z. B. unser "schreiben" der Ausgangspunkt einer beträchtlichen Anzahl deutscher Wortbildungen geworden ist, obschon es von dem lateinischen scribere herstammt. Hierdurch werden aber noch nicht die namentlich von den sogen. Deutschtümlern gemachten Versuche gerechtfertigt, die eigentlichen F. ganz zu beseitigen. Deutschland verdankt einen großen Teil seiner Bildung fremden Völkern. Überhaupt sind Wissenschaft und Bildung international, und wo die Versuche, Begriffe, die in allen Kultursprachen durch die gleichen Wörter ausgedrückt werden, durch einheimische zu ersetzen, in Deutschland erfolgreich waren, da haben sie nur zur Hemmung der Verständigung mit dem Ausland beigetragen, wie z. B. der Gebrauch der Wörter Wasserstoff, Sauerstoff u. dgl. anstatt der internationalen Ausdrücke Hydrogen, Oxygen u. dgl. ohne Frage für Ausländer das Verständnis deutscher chemischer Werke erschwert. Hiermit soll indessen der massenweisen und geschmacklosen Überschwemmung der deutschen Sprache mit französischen Wörtern und ganzen Phrasen, die besonders vom 16.-18. Jahrh. stattfand, in keiner Weise das Wort geredet werden; vielmehr verdienen die Bemühungen, dem zum Teil noch herrschenden Unwesen in maß- und verständnisvoller Weise zu steuern, entschiedene Unterstützung (s. Sprachreinigung). Von den zahlreichen Fremdwörterbüchern, die wir seit Campe (1801) besitzen, seien hier nur die von Heyse (16. Aufl., Hannov. 1879; auch neu bearbeitet von Böttger, 6. Aufl., Leipz. 1883), Sanders (das. 1871, 2 Bde.) und Kehrein (mit etymologischen Erklärungen und Belegen, Stuttg. 1876) erwähnt. Vgl. außerdem Ebel, Deutsche Lehnwörter (Filehne 1856); Dunger, Wörterbuch von Verdeutschungen entbehrlicher F. (Leipz. 1882); Derselbe, Das Fremdwörterunwesen in unsrer Sprache (Heilbr. 1884); Sanders, Verdeutschungswörterbuch (Leipz. 1884); Tobler, Die fremden Wörter in der deutschen Sprache (Bas. 1873); Heinze, Über die F. im Deutschen (Berl. 1878); Sarrazin, Verdeutschungswörterbuch (das. 1886).

Für die Orthographie der F. gilt jetzt im allgemeinen der Grundsatz, daß die fremde Orthographie dann beibehalten wird, wenn auch die fremde Aussprache geblieben ist, andernfalls aber die deutsche Bezeichnungsweise herrscht. So schreiben wir allgemein Vagabund für franz. vagabond, blümerant für franz. bleumourant, Schanze (Glücksfall) für franz. chance etc., weil die Aussprache dieser Wörter bei uns eine andre geworden ist, als sie im Französischen war. Dagegen bleibt z. B. in Monsieur, Portefeuille, Portemonnaie u. a. die französische Orthographie völlig unverändert, weil auch die Aussprache ganz dieselbe geblieben ist wie im Französischen. Freilich unterliegt namentlich diese letztere Regel vielen Ausnahmen; so schreibt man räsonieren (franz. raisonner), Möbel (franz. meuble), Musselin (franz. mousseline), brüsk (franz. brusque), Marsch (franz. marche). Wörter wie Lieutenant und Kompagnie, in denen trotz der veränderten Aussprache noch vielfach die französische Orthographie festgehalten ist, sind selten. Aber in sehr vielen Fällen hat die Beibehaltung der fremden Orthographie auf die Sprache zurückgewirkt und die Aussprache verändert, während die fremde Orthographie blieb. So schreibt man Chaise wie im Französischen, spricht aber das stumme e aus, als ob es ein deutsches Wort wäre; in Billard wird das d, in Bataillon das n ebenso ausgesprochen wie in deutschen Wörtern. Bei solchen Wörtern kommt es dann häufig vor, daß einige Laute der französischen, andre der deutschen Aussprache gemäß ausgesprochen werden, so außer in den angeführten Wörtern in Kourage, Mitrailleuse, Pension (wenn die erste Silbe wie im Französischen ausgesprochen wird) und dergleichen Wörtern. Völlige Regellosigkeit herrscht betreffs der Schreibung der F., die, wie z. B. viele Orts- und Personennamen, aus ferner liegenden Sprachen entnommen sind. Indessen stammen weitaus die meisten deutschen F. aus den drei sehr allgemein bekannten Sprachen: Französisch (dem wir auch im Mittelalter zur Zeit des in Frankreich zuerst emporgeblühten Rittertums schon viele Wörter entlehnt haben), Lateinisch und Griechisch; auch unsre lateinischen F. sind uns vielfach erst indirekt