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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Galjon; Galjonszeitung; Galjot; Gall; Galla

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Galjon - Galla.

im mittlern Maste die Hauptbewegungskraft konzentriert, und dieser ist deshalb größer. Die Galjaß und die Galjot haben einen Großmast und einen Besahnmast, aber keinen Fockmast, während der Schoner einen Groß- und einen Fock-, aber keinen Besahnmast hat. Die Galjot, mehr in der Ostsee gebräuchlich, ist rundgattet (mit rund gewölbtem hintern Teil), die Galjaß, mehr in der Nordsee gebräuchlich, plattgattet, mit über Wasser in einer Querplatte abschneidendem hintern Teil gebaut. Galjasse und Galjote sind aus der Kuff (s. d.) hervorgegangene jüngere Schiffstypen, gleichsam modernisierte Kuffschiffe. Der charakteristische Unterschied der Galjasse und Galjote von der Kuff besteht darin, daß der Vorsteven und Bug der erstern nach vorn überfallend gebaut ist, während der der Kuff gerade aufsteht und ganz oben nach binnen einfällt.

Galjon, ein oben vor dem Bug des Schiffs vorspringender Ausbau, welcher dem Bugspriet, wo es aus dem Schiff tritt, ästhetisch als Basis dient und im Profil dessen Verbindung mit der Linie des Vorstevens vermittelt. Vor dem obern Teil des Vorstevens ist eine Verstärkung, das Scheg, angesetzt, und dieses Scheg umgibt das G.; in seinem Innern sind die Aborte der Mannschaft angeordnet (um sie vor den Wind zu bringen); vor seiner Fronte trägt es die Bildsäule oder Büste des Schiffspaten (Galjonsbild, "Figur"). Die Panzerschiffe mit ihrem oben eingezogenen Bug (geraden Vorsteven) haben kein G., sondern ein dreieckiges, vergoldetes Arabeskenfeld auf jeder Seite des Vorstevens über den Klüsen (s. d.). Ursprünglich war das G. wahrscheinlich ein charakteristischer Bugschmuck der Gallionen, den dann andre Schiffe annahmen.

Galjonszeitung, Klatsch an Bord.

Galjot, s. Galjaß.

Gall, 1) Franz Joseph, Anatom und Phrenolog, geb. 9. März 1758 zu Tiefenbronn bei Pforzheim, studierte zu Straßburg und Wien und ließ sich in letzterer Stadt als Arzt nieder. Nachdem er sich durch seine "Philosophisch-medizinischen Untersuchungen über Natur und Kunst im gesunden und kranken Zustand des Menschen" (Wien 1791, 2 Bde.) einen Namen erworben hatte, trat er mit Vorträgen über Schädellehre hervor, die ihm aber in Wien erst gänzlich untersagt, dann nur in beschränktem Maß gestattet wurden; auch auf Reisen durch Deutschland suchte er seiner neuen Lehre Anhänger zu gewinnen, die freilich auch viele Gegner fand. Im J. 1807 ließ er sich zu Paris nieder, hielt hier und in London kranioskopische und phrenologische Vorträge und starb 22. Aug. 1828 in Montrouge bei Paris. Er schrieb: "Introduction au cours de physiologie du cerveau" (Par. 1808); mit Spurzheim: "Recherches sur le système nerveux" (das. 1809; deutsch, das. 1809) und "Anatomie et physiologie du système nerveux" (das. 1810-1820, 4 Bde.; 2. Aufl. 1822-25, 6 Bde. nebst Atlas mit 180 Kupfertafeln; auch deutsch); ferner: "Des dispositions innées de l'âme et de l'esprit" (das. 1812); "Sur les fonctions du cerveau et sur celles de chacune de ses parties" (das. 1822, 2 Bde.).

2) Ludwig, Techniker, geb. 28. Dez. 1791 zu Aldenhoven bei Jülich, ward 1811 Gerichtsschreiber zu Kleve, war dann als Beamter anderweitig beschäftigt und wurde 1816 Regierungssekretär in Trier. Hier konstruierte er 1817 eine Dampfbrennerei und erleuchtete sein Haus mit Gas. 1819 ging er als Kommissar einer Auswanderungsgesellschaft in Bonn nach Nordamerika, kehrte aber schon 1820 zurück, worauf er Kreissekretär in Trier und 1825 in Wetzlar ward. 1834 legte er in Galizien und der Bukowina mehrere Brennereien an, und 1836 errichtete er in Ungarn auf dem Gute des Barons Ghillany eine Versuchs- und Lehranstalt mit Werkstätten zur Anfertigung von Destilliergeräten. 1839 ward er Oberinspektor der landwirtschaftlich-technischen Gewerbe auf den Gütern des Barons Eötvös und führte hier neben Verbesserungen technischer Apparate 1842 in Pest die Dampfwäsche ein. 1849 nach Trier zurückgekehrt, konstruierte er einen Futterdämpfapparat und einen tragbaren Dampferzeuger, und seit 1852 lehrte er aus sauren Trauben gewonnenen Most verbessern (Gallisieren, s. Wein). Als die Behörden der Pfalz hierin eine Weinverfälschung erkannten und die gallisierten Weine mit Beschlag belegten, richtete G. ein Sendschreiben an den König von Bayern, worin er sich über jenes Verfahren der pfälzischen Verwaltungsbehörden beklagte. Infolge davon ward er 1857 in Stuttgart, wohin er behufs der Gründung eines Anzeigeblattes zeitweilig übergesiedelt war, auf Requisition der pfälzischen Behörden verhaftet, entfloh aber und gelangte glücklich nach Trier, wo er 31. Jan. 1863 starb. Über seine verschiedenen technischen Verfahren hat er zahlreiche Schriften veröffentlicht. Auch beschäftigte er sich mit sozialen Problemen und wollte durch Erfindungen die zur Errichtung kommunistischer Musteranstalten nötigen Geldmittel erlangen.

3) Luise von, Dichterin, s. Schücking.

Galla (Oromo, Argatta), eine zu den Hamiten und zwar zum äthiopischen Zweig derselben gehörige, sehr ausgebreitete Völkerfamilie im Innern Ostafrikas (an 50 Stämme), deren Wohnsitze sich gegenwärtig bis tief nach Abessinien, in die Gebiete der Somal und die um den Ukerewesee gelegenen Länder erstrecken. Eine kompaktere Volksmasse stellen sie zwischen dem 9. und 3.° nördl. Br., dem 34. und 48.° östl. L. v. Gr. dar. Krapf schätzte ihre Zahl auf 6-8 Mill. Nach ihm soll der Name G. s. v. w. Eingewanderte bedeuten, während Brenner angibt, daß damit die mohammedanischen Küstenbewohner alle "Ungläubigen" bezeichnen. Sie selbst nennen sich Oromo ("starke und tapfere Männer"), und sie machen diesem Namen Ehre; sie zeigen eine außerordentliche Freiheitsliebe, im Kampf aber furchtbare Grausamkeit. Ihre Hautfarbe ist ein ins Rötliche spielendes Braun, das Haupthaar voll und gekräuselt, der Bart aber dünn, die Nase gerade und stumpf, der Mund fleischig, der Körper schlank und wohlgebaut, die Haltung stolz und selbstbewußt. Die Frauen zeichnen sich durch zierlichen Bau, volle Brust und hübsche Gesichter aus. Die nördlichen G. sind teilweise von Abessinien abhängig und haben hier und da das Christentum, häufiger den Islam angenommen; die südlichen leben in voller Freiheit und sind Heiden, stehen aber ihrer Religion nach unter den Afrikanern sehr hoch. Sie verehren ein unsichtbares höchstes Wesen, Wak, das bei Landplagen angerufen wird. Den nördlichen G. sind Sonntag und Sonnabend heilig; auch verehren sie die Schlange als Mutter der Menschen. Die südlichen G. lieben die Freiheit über alles; in der Sittenstrenge stehen sie unübertroffen da. Die gewöhnlichen G. haben selten mehr als eine Frau, die übrigens keine untergeordnete Stellung einnimmt und bei der Bewerbung das entscheidende Wort zu sprechen hat. Die nördlichen G. treiben Ackerbau und Viehzucht, die südlichen sind ausschließlich Viehzüchter und verschmähen den Ackerbau; ihre Herden bestehen aus Fettschwanz- und Mähnenschafen, Rindern, Kamelen und Ziegen. Die Pferde der nördlichen G. sind im ganzen